• 19.01.2005, 14:01:28
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WIDERSTANDSTAGUNG: DIE STIMMEN DER WISSENSCHAFT (1) Referate von Karner, Neugebauer, Liebmann

Wien (PK) - Den Reigen der Wissenschaftler bei der Tagung "Widerstand
in Österreich 1938 bis 1945" im Parlament eröffnete Stefan Karner,
Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung in
Graz.

KARNER: WIDERSTAND IST WICHTIGES FUNDAMENT DER REPUBLIK ÖSTERREICH

Karner wies zunächst auf die Notwendigkeit hin, im Rahmen des
Jubiläumsjahres 2005 auch einen Fokus auf jene Menschen zu werfen,
die zum Nationalsozialismus nein gesagt hätten und somit ein
wichtiges Fundament der Republik Österreich bildeten. Es sei Aufgabe
der Widerstandsforschung, diesen Menschen ein Gesicht zu geben, ihnen
eine Biographie zurückzugeben, betonte er.

Karner zufolge saßen rund 100.000 Österreicherinnen und Österreicher
während der NS-Zeit für einen Zeitraum von mehr als drei Monaten in
Gefängnissen und Konzentrationslagern, mindestens 2.700 Personen
seien als aktive Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt und
hingerichtet worden. Diese und andere Zahlen könnten jedoch das
Unrechtsregime in seiner Alltagswirklichkeit nicht wiedergeben,
unterstrich er. Die Wirklichkeit sei, so der Historiker, nicht
schwarz-weiß, sondern oft grau gewesen. "Niemand wird als
Widerstandskämpfer geboren."

Karner unterstrich, die Widerstandskämpfer hätten - oft bis zu ihrem
Tod - nicht gewusst, ob und wann sich ihr Einsatz lohnen würde. Von
den "Vorausinvestitionen", die sie getätigt haben, zehre die heutige
Republik jedoch immer noch. Der Historiker mahnte allerdings, die
Beschäftigung mit dem Widerstand dürfe nicht dazu verleiten, über
jene Millionen den Stab zu brechen, die diesen Weg nicht gegangen
seien.

NEUGEBAUER: WIDERSTAND IN EINER UMWELT FANATISCHER REGIMEANHÄNGER

Wolfgang Neugebauer, langjähriger Leiter des Dokumentationsarchiv des
österreichischen Widerstandes, gab in seinem Referat zu bedenken,
dass die Organisation des Widerstandes unmittelbar nach dem
"Anschluss" 1938 "auf nicht geringe Schwierigkeiten" stieß. Die
österreichischen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer
hätten in einer von Denunziation und fanatischen Regimeanhängern
durchsetzten Umwelt wirken müssen.

Auch habe es, wie Neugebauer ausführte, keinen gemeinsamen Widerstand
in Österreich gegeben, vielmehr hätten verschiedene
Widerstandsgruppen, etwa die organisierte Arbeiterbewegung und das
katholisch-konservative, bürgerliche Lager, parallel gewirkt. Dennoch
könne man von einem spezifischen österreichischen Widerstand
sprechen, erklärte er, da eine organisatorische Trennung zwischen
österreichischem und deutschem Widerstand bestanden habe.

Der Widerstand der Sozialisten habe zwar, ausgehend vom
sozialistischen Exil, zunächst eine gesamtdeutsche Linie vertreten,
schilderte Neugebauer, aber im Laufe des Krieges und insbesondere
nach der Moskauer Deklaration sei ein Umdenken erfolgt. Vertreter des
deutschen Widerstandes hätten mehrfach den Versuch unternommen,
österreichische Sozialdemokraten und Christlich-Soziale zur Mitarbeit
zu gewinnen, aber zur Kenntnis nehmen müssen, dass auf
österreichischer Seite der Wunsch nach Unabhängigkeit stärker gewesen
sei als die Verbundenheit mit Deutschland.

Die KPÖ habe, so Neugebauer, von Anfang an die Parole des aktiven
Widerstandes ausgegeben und eine betont österreichisch-patriotische
Position eingenommen. Ihr Versuch, eine überparteiliche
österreichische Freiheitsfront zu bilden, sei aber erfolglos
geblieben. Die vorrangige Methode der KPÖ sei, erklärte Neugebauer,
die Verbreitung illegaler Druckwerke gewesen, um das Meinungsmonopol
des NS-Regimes zu durchbrechen. Letztlich sei es der Gestapo jedoch
gelungen, die meisten kommunistischen Widerstandgruppen aufzudecken.

Detaillierter setzte sich Neugebauer auch mit dem katholischen
Widerstand auseinander. Die katholische Kirche selbst sei als
Institution nicht im aktiven Widerstand gegen das Naziregime
gestanden, skizzierte er, da sie ihre legale Existenz nicht gefährden
habe wollen, allein ihre weltanschaulich-geistige Tätigkeit habe
jedoch dem Nationalsozialismus entgegengewirkt und viele Katholiken
bewegt, Widerstandsgruppen zu bilden.

Eher selten in Österreich waren nach Neugebauers Darstellung Sabotage
und gewaltsame Aktionen. Erst ab 1942 bildeten sich ihm zufolge,
meist auf Initiative von Kommunisten, bewaffnete Widerstandsgruppen,
zum Beispiel slowenische Partisanengruppen in Südkärnten und die
Partisanengruppe Leoben-Donawitz.

Sehr spät in den Blick der Widerstandsforschung gerückt ist
Neugebauer zufolge der individuelle Widerstand, obwohl dieser nicht
weniger bedeutend als der politische Widerstand gewesen sei. Er
erinnerte in diesem Zusammenhang etwa an Unterkunftsgewährung für vom
NS-Regime verfolgte Personen.

Das Ausmaß und die Bedeutung des Widerstandes könne allerdings nur in
einem Gesamtzusammenhang mit dem Verhalten aller Österreicherinnen
und Österreicher gesehen werden, betonte Neugebauer. Die 700.000
NSDAP-Mitglieder den rund 100.000 Widerstandskämpfern
gegenüberzustellen, wäre, wie er sagte, jedoch zu einfach, nicht
zuletzt da letztere ihre ganze Existenz zu riskieren hatten.

Die praktischen Ergebnisse des Widerstands waren, gemessen an der
Größenzahl der Opfer, nach Meinung Neugebauers "eher bescheiden". Die
Befreiung Österreichs von der NS-Herrschaft sei letztlich nicht das
Werk einer Revolution von unten oder eines nationalen
Befreiungskampfes gewesen, sondern das ausschließliche Werk der
alliierten Streitkräfte, unterstrich er. Der Widerstand in Österreich
habe sich allerdings bei den Bemühungen um den Staatsvertrag
letztendlich als eminent wichtig herausgestellt.

LIEBMANN: KATHOLISCHER WIDERSTAND – DER UMGANG MIT PRIESTERN, DIE AUS
DEN KZ ZURÜCK KAMEN

Maximilian Liebmann sprach in seinem Referat davon, dass bald nach
der für das NS-Regime höchst erfolgreichen Volksabstimmung am 10.
April 1938 gezielt die Unterdrückung der katholischen Kirche
einsetzte, und zwar mit der Entkonfessionalisierung der Schulen, der
Aufhebung katholischer Privatschulen, der Okkupation von zahlreichen
Pfarrheimen, mit Beschränkungen und Schließungen im katholischen
Pressewesen, der Beschlagnahme des Vermögens und der Vereinsheime
katholischer Vereine, der Überführung der Caritas in staatliche
Wohlfahrtspflege und der Verhinderung pastoraler Betreuung von
Kranken und Sterbenden in den Spitälern. Dem folgte der Widerstand im
katholisch-kirchlichen Bereich. Der zündende Funke sprang, so
Liebmann, beim Rosenkranzfest am 7. Oktober 1938 im Wiener
Stephansdom und am Domplatz über. Die Rosenkranzandacht mit der
Predigt Kardinal Innitzers, die in der Feststellung „Christus ist
unser Führer" gipfelte, wurde zu einer eindrucksvollen
Widerstandskundgebung der katholischen Jugend. Tags darauf wurde das
erzbischöfliche Palais verwüstet, und der erzbischöfliche Sekretär
Jakob Weinbacher konnte sich nur mit äußerster Kraftanstrengung
dagegen wehren, aus dem Fenster geworfen zu werden, während Domvikar
Johann Krawarik tatsächlich durch das Fenster in den Hof des
Kurhauses gestürzt wurde.

Die Kirchenfeindlichkeit der nationalsozialistischen Ideologie kam am
13. Oktober auf dem Heldenplatz lautstark zum Ausdruck, fuhr der
Referent fort. Nicht nur gegen Kirche und Klerus wurde geschrieen und
gejohlt, sondern auch gegen Juden und Judentum. Mit diesen
Ereignissen habe die Kirche Österreichs einen Vorgeschmack dessen
bekommen, was viele ihrer Gläubigen noch alles erwartete. Die
Appeasementpolitik der Bischöfe mit dem Nationalsozialismus, die in
den Märzerklärungen und in Kardinal Innitzers „und Heil Hitler"-Gruß
ihre markante Ausformung erlebt hatte, hatte ihr Ende gefunden.

Bei der so genannten Reichskristallnacht im November 1938 schauten
alle zu, betroffen, verschämt, manche sogar schadenfroh, und man
schwieg. Unerwähnt ließ der Referent nicht, dass ein österreichischer
Priester, der Grazer Theologieprofessor Johannes Ude, dem NS-Regime
seine Schandtaten in einem Brief an den Gauleiter, Landeshauptmann
und Reichsstatthalter der Steiermark, Siegfried Ueberreither,
vorgehalten hat. Der Aufschrei in diesem Brief, der sowohl
abgeschickt wurde als auch angekommen ist, gipfelt in den Worten:
„Ich verurteile die banditenartigen, im gesamten Deutschen Reich, wie
es scheint, wohlorganisierten, in einer einzigen Nacht verübten
Überfälle auf die jüdischen Synagogen, auf die jüdischen
Zeremonienhallen und auf die jüdischen Geschäfte, die man in Brand
gesteckt, zertrümmert und verunehrt hat. Das ist in meinen Augen
kommunistisch-bolschewistisches Vorgehen, das in einem Rechtsstaat
niemals in so ungeheurem Ausmaß vorkommen dürfte."

Dass der Nationalsozialismus in Kirche und Theologie seinen
eigentlichen Widerpart sah, den es zu liquidieren galt, hat er
hinsichtlich der Theologischen Fakultäten expressis verbis zum
Ausdruck gebracht, indem die Theologischen Fakultäten als „die
Schulungsstätten des weltanschaulichen Gegners" definiert wurden. Mit
einem Schlag wurden zwei der vier Theologischen Fakultäten in
Österreich im Sommer 1938 zugesperrt, die Grazer erlebte im April
1939 das gleiche Schicksal; die Wiener Theologische Fakultät wurde
ausgetrocknet, indem bei Professorenabgängen die Lehrstühle nicht
nachbesetzt wurden.

Die Loyalität zum NS-Staat habe die Kirchenführung nie in Frage
gestellt, unterstrich Liebmann, „insofern war die Kirche als
Bündnispartner in das NS-Herrschaftssystem eingegliedert". Aber weder
aus dem nationalsozialistischen Kirchenkampf noch aus ihrer Ablehnung
von Ideologie und Zielsetzung des Nationalsozialismus hätten die
Bischöfe die Folgerung gezogen, „dass der Katholik zum aktiven
Widerstand gegen das NS-Regime berechtigt oder gar verpflichtet sei".
Die Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Religion allgemein
und katholischem Glauben im besonderen habe einzelne Gläubige und
diverse Gruppen aus dem Katholizismus direkte Aktionen gegen das
herrschende Regime suchen lassen. Diejenigen, die sich hierzu
verpflichtet wussten, taten dies weitestgehend ohne Ermutigung durch
die kirchliche Obrigkeit, sondern aus Einsicht in ihre persönliche
politische Verantwortung als Christen.

Im Zusammenhang mit dem Umgang mit den Opfern, den hingerichteten
Priestern und den aus den KZ heimgekehrten Pfarrern stellte der
Referent die Frage in den Raum, wo und wie sich die kirchliche
Obrigkeit, wo und wie die Bischöfe das Widerstandsverhalten ihrer
Priester und christ-katholischen Laien, die aus der Gestapo-Haft oder
aus den KZs heimkamen, gewürdigt, sich bei ihnen bedankt hätte.
Einmal, sagte der emeritierte Universitätsprofessor, wurde ein
Priester, der vom KZ heimkehrte, von der Pfarrbevölkerung festlich
begrüßt und jubelnd empfangen, ansonst wollte man den Priester (sei
er Pfarrer oder Kaplan) in derselben Pfarre lieber nicht wieder
angestellt wissen. Man wertete sie als „Sonderlinge" und stempelte
sie mehr oder minder ungewollt zu Außenseitern. Warum hat er denn so
unklug sich verhalten, warum war er so unvorsichtig? Solche Fragen
wurden gestellt, die letztlich nichts waren als der unausgesprochene
Vorwurf: selber schuld. Der oberösterreichische Zisterzienserpater
Konrad Just, der sieben Jahre in KZ durchlitten hat, schrieb u.a. in
die Pfarrchronik von Gramastetten: „Die Heimat hat zum Teil nicht
oder sehr wenig gelernt. Wir verlangten keinen Triumph oder sonst
dergleichen. Aber nicht einmal die Aufmerksamkeit, die man Bettlern
schuldig ist aus christlicher Nächstenliebe, fanden wir mancherorts.
Manche schlafen noch! Es war eine bittere Enttäuschung für uns. Man
hat nicht den Eindruck, dass man die volle Gefahr des Hitlerismus
erkannt hat." (Fortsetzung)

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OTS0189    2005-01-19/14:01

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