• 15.01.2005, 18:30:15
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wir vermeintlichen Herren" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 16.1.2005

Graz (OTS) - Trauer und Freude galt es zu vereinen, als die
Spitzen des Staates zum Auftakt des Jubiläumsjahres 2005 der Opfer
der Flutwelle gedachten. Die gedankliche Brücke zwischen der
Tsunami-Katastrophe und der Kriegs-Katastrophe vor sechzig Jahren
baute der Bundeskanzler mit dem Hinweis, dass Österreich nie eine
"Insel der Seligen" gewesen sei, denn alle politischen Beben des
Kontinents haben auch uns erreicht - wie eben jetzt das furchtbare
Beben im Indischen Ozean, das in der globalisierten Welt nicht so
weit entfernt sein kann, dass es uns nicht betrifft.

Der durch die tragischen Ereignisse erzwungene Blick über den mit
Gold und Marmor geschmückten Reichsrats-Sitzungssaal des Parlaments
hinaus veranlasste die Politiker, auch über ihre Aufgabe und ihr Amt
nachzudenken. Wir leben seit einem halben Jahrhundert in Frieden -
welcher Generation vor uns war dieses Glück vergönnt? Wir können auf
einen ständigen Anstieg des Wohlstands zurückblicken - wer hätte in
den Trümmern und angesichts der Zerstörung davon zu träumen gewagt?

Und dann dieser Schock mitten im Weihnachtsfrieden. Das erschreckte
Erwachen fasste der Nationalratspräsident in die Erkenntnis zusammen:
"Was wir als vermeintliche Herren der Welt, der Technik, der
planbaren Vorgänge allzu gerne verdrängen, ist uns grausam vor Augen
geführt worden: Die Naturgewalten haben wir nicht im Griff."

Wir haben allerdings so getan, als hätten wir sie im Griff, und damit
ein trügerisches Gefühl einer unerschütterlichen Sicherheit erzeugt.
Auf diesen Zusammenhang wies der Bundeskanzler zur Einstimmung auf
das "Gedankenjahr" bei einem Symposion im Grazer Kunsthaus hin.
Anders als Bruno Kreisky, der durch eine bildhafte Sprache die
Menschen zu erreichen versuchte, formulierte Wolfgang Schüssel für
den intellektuellen Diskurs. Er rief die Politiker zu Realismus auf:
Sie müssten diese "übermenschlich jesuanisch-chiliastischen
messianischen Heilserwartungen" abstreifen.

Einfacher ausgedrückt: Das Paradies auf Erden gibt es nicht und der
Staat soll nicht so tun, als könnte er es schaffen. Dann ist, wenn
plötzlich eine Katastrophe hereinbricht, das Entsetzen geringer und
die Enttäuschung schlägt nicht in Empörung gegen den Staat um, der
seine Verheißungen nicht erfüllen konnte.

Das heißt jedoch nicht, dass die Politiker die Hände in den Schoß
legen dürfen: Sie müssen die Lehren aus der Katastrophe ziehen, für
ein funktionierendes Krisenmanagement sorgen und sich für begangene
Fehler entschuldigen. Darin war der Bundespräsident ein Vorbild.

OTS0031    2005-01-15/18:30

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