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"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Dauerberauschung" (Von Johannes Huber)
Ausgabe vom 15. Jänner 2005
Wien (OTS) - Viele Bürgerinnen und Bürger mögen von ihrem Glück
noch nichts wissen, heuer sollen sie aber (nahezu) täglich einen
Grund zum Feiern haben. Was? 60 Jahre Zweite Republik, 50 Jahre
Staatsvertrag, Burgtheater, Neutralität, Staatsoper, Bundesheer und
Fernsehen, die Zugehörigkeit zu den Vereinten Nationen; ja, und
natürlich zehn Jahre EU-Mitgliedschaft. Wo? Überall, vom Boden- bis
zum Neusiedlersee. Wann? Am jeweiligen Jahrestag, aber auch sonst,
wenn es sich gerade ergibt; das Programm ist dicht.
Die Bundesregierung hat ein eigenes Organisationsbüro eingerichtet,
in dem alles (Un-)Mögliche geplant wird. Auf dem Wiener Heldenplatz
könnten demnach etwa so, wie damals, in den 40er Jahren, Denkmäler
eingemauert werden, ehe es am 12. März zu einer "richtigen"
Bombennacht kommt - mit Suchscheinwerfern, Sirenen, akustischen
Detonationen, grellroten Trefferanzeigen und allem, was dazugehört.
Die vielen, die seinerzeit nicht dabei gewesen sind, sollten offenbar
eine Riesengaudi haben. Und die anderen, die aufgrund ihrer
Erlebnisse noch immer traumatisiert sind? Sollten sie sich die Ohren
zuhalten? Der Wiener Bürgermeister hat bereits erklärt, dass das zu
weit geht - womit die Bombenspiele glücklicherweise noch abgewendet
werden könnten.
Der Bevölkerung wird aber auch dann mehr oder weniger Spektakuläres
geboten werden: Eine Fastfood-Kette soll in Anspielung an die
Hilfspakete, die nach dem Krieg unter den Hunger leidenden verteilt
worden sind, "McCare"-Pakete auf den Markt werfen; ein Wiener
Großbäcker wird sich mit einem "Österreich-Brot" einbringen, das der
Dompfarrer zu St. Stephan unter dem Ehrenschutz aller Minister und
Staatssekretäre bereits abgesegnet hat; ein Kranwagen wird mit einer
Kopie des Belvedere-Balkons durch die Lande ziehen, damit jeder, der
will, Leopold Figl nachrufen kann: "Österreich ist frei!"
Zwischendurch, am 8. Mai, soll in einer, dem Anlass entsprechenden
Form, der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen gedacht
werden; laut offiziellem Programm soll es dann aber wieder fröhliche
"Clubbings" geben, auf denen "Junge und Junggebliebene", die sich
gerne zurück erinnern, "das Gefühl früherer Jahrzehnte noch einmal
erleben" können; und so weiter und so fort.
Was, um alles in der Welt, soll diese Vermengung aus Partys, Klamauk
und Gedenkveranstaltungen? Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) hat
erkannt, dass sich all das nicht mehr unter Begriffen wie
"Jubiläums-" oder gar "Jubeljahr" zusammenfassen lässt; er spricht
daher von einem "Gedankenjahr".
Allein: Wie auch immer man 2005 bezeichnen mag, der Art und Weise,
wie das Jahr zelebriert werden soll, kann kein Wort gerecht werden -
es ist unsäglich.
Vor einem Gedankenjahr könnte man wohl nur dann sprechen, wenn man
ein, zwei Ereignisse herausgreifen würde. "60 Jahre Zweite Republik"
wäre beispielsweise schon ausreichend. Selbstverständlich gäbe es
allen Grund, das ordentlich zu feiern. Vor allem aber könnte man die
Gelegenheit auch einmal dazu nützen, darüber nachzudenken, wie es zur
Zweiten Republik kam, wie sie sich entwickelt hat, in welchem Zustand
sie sich heute befindet und wie sie sich daher weiter entwickeln
sollte.
Dazu wird es aufgrund der erwähnten Umstände nun allerdings nicht
kommen können: Anstelle einer vernünftigen Auseinandersetzung mit den
Jahrestagen wird es nicht viel mehr als eine Dauerberauschung geben.
Rückfragehinweis:
Vorarlberger Nachrichten, Wiener Redaktion, Tel. 01/31778340
OTS0184 2005-01-14/16:32
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