- 12.01.2005, 09:47:15
- /
- OTS0053 OTW0053
"Gedankenjahr 2005": Lesben und Schwule haben wenig Grund zu feiern - HOSI Wien ruft zu Protest auf
Wien (OTS) - "Homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus warten in
Österreich immer noch auf ihre Rehabilitierung und einen
Rechtsanspruch auf Entschädigung nach dem Opferfürsorgegesetz (OFG)",
erklärt Bettina Nemeth, Obfrau der Homosexuellen Initiative (HOSI)
Wien anlässlich des offiziellen Auftakts zum so genannten
Gedankenjahr 2005 kommenden Freitag. "Wir halten die unkritischen und
selbstgefälligen Jubiläumsfeierlichkeiten daher für hochgradig
heuchlerisch, solange das offizielle Österreich nicht auch bereit
ist, sich von der Ermordung von Homosexuellen in den
Konzentrationslagern zu distanzieren und den homosexuellen
NS-Verfolgten dieselbe Rehabilitierung zuteil werden zu lassen wie
allen anderen Opfergruppen. Wir rufen daher zur Solidarität mit
dieser Opfergruppe und zum Protest bei diesen verlogenen
Staatsfeierlichkeiten auf."
ÖVP und FPÖ vertreten NS-Gedankengut
"Dass die homosexuellen NS-Opfer auch 60 Jahre nach Ende des
Hitler-Regimes auf Rehabilitierung warten müssen, haben sie einzig
und allein der ÖVP und FPÖ zu verdanken, die eine entsprechende
Änderung des OFG bis heute genauso ablehnen wie eine offizielle
Entschuldigung durch die Republik", ergänzt HOSI-Wien-Obmann
Christian Högl. "Für die ÖVP und FPÖ sind Lesben und Schwule
gewöhnliche Kriminelle, die ihre Inhaftierung und Ermordung im KZ
rechtmäßig verdient haben." Im Widerspruch zu dieser Auffassung hat
die Historikerkommission in ihrem Schlussbericht vom Jänner 2003
kritisiert, dass nach Aufhebung des Verbots der Homosexualität 1971
keine rückwirkende Einbeziehung dieser Gruppe ins OFG erfolgte und
"dass auf Grund formalrechtlicher Erwägungen sogar die Anhaltung im
Konzentrationslager, die keinesfalls als rechtsstaatliche Maßnahme
betrachtet werden kann, im Sinne einer Bestrafung nach
österreichischem Recht interpretiert wurde" (S. 342).
"Wir haben den zuständigen Sozialminister vor fast zwei Jahren mit
dieser Kritik der Historikerkommission konfrontiert, seither warten
wir trotz vielfacher Urgenz auf eine Stellungnahme", berichtet Nemeth
weiter. "Die Sache wird seither zwischen den Büros Herbert Haupts und
seiner Staatssekretärin Ursula Haubner hin- und hergeschoben. Und im
Nationalrat wurde der im März 2003 von den Grünen eingebrachte Antrag
auf entsprechende Novellierung des OFG zuletzt im Sozialausschuss im
Februar 2004 wieder vertagt."
Appell, aus Protest "rosa Winkel" anzustecken
"Wir rufen alle Menschen - PolitikerInnen, KünstlerInnen,
Prominente, Angehörige des diplomatischen Corps usw. -, die mit
dieser nicht erfolgten Rehabilitierung nicht einverstanden sind, aber
aus beruflichen oder privaten Gründen heuer an Gedenkveranstaltungen
teilnehmen, ihre Solidarität dadurch zu bekunden, dass sie sich bei
diesen offiziellen Anlässen gut sichtbar einen großen rosa Winkel aus
Stoff oder Papier an ihre Kleidung heften", appelliert Högl. Mit dem
rosafarbenen Winkel wurden in den KZ-Lagern die Homosexuellen
gekennzeichnet. "Es wäre ein fatales Gutheißen der
Nichtanerkennungspolitik von ÖVP und FPÖ und eine schreckliche
Komplizenschaft, ließe man das offizielle Österreich 60 Jahre
Befreiung vom Faschismus und 50 Jahre Staatsvertrag feiern, ohne auf
diese ungeheuerliche Unterlassung bei der Vergangenheitsbewältigung
hinzuweisen. Es ist höchste Zeit, dass ÖVP und FPÖ diesen Resten
nationalsozialistischen Gedankenguts abschwören", so Högl weiter: "Es
gibt keine Rechtfertigung mehr für diese Haltung, schon gar keine
finanzielle angesichts der wenigen noch lebenden Betroffenen!"
HOSI Wien drängt Stadt Wien zu Mahnmal
In diesem Zusammenhang drängt die HOSI Wien auch Stadtrat Andreas
Mailath-Pokorny, das in Aussicht gestellte Projekt eines Mahnmals für
die homosexuellen NS-Opfer in Wien rasch und zügig durchzuziehen,
damit seine Verwirklichung noch im Gedankenjahr 2005 erfolgen kann.
"In Berlin wurde bereits ein Platz für ein derartiges Mahnmal
ausgesucht und ein künstlerischer Wettbewerb ausgeschrieben", weist
Nemeth daraufhin, dass Wien und Österreich auch hier wieder ins
Hintertreffen zu geraten drohen.
Hinweis: Auf dem Website der Online-Ausstellung "Aus dem Leben"
(www.ausdemleben.at) finden sich etliche Hintergrundberichte zum
Thema NS-Verfolgung Homosexueller, darunter auch ein ausführlicher
Bericht über die bisher gescheiterten, schon mehr als 20 Jahre
dauernden Bemühungen um Anerkennung dieser Opfergruppe im OFG.
OTS0053 2005-01-12/09:47
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | HOI






