WirtschaftsBlatt Kommentar vom 18.12.2004 VA Tech: Siemens muss nachbessern - von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Preise
etwas mit Gestehungskosten oder Wiederbeschaffungskosten, kurz mit dem "inneren Wert" einer Ware zu tun haben. Ein Kauf kommt nur zu Stande, wenn es einen Preis gibt, der dem Verkäufer hoch genug ist, dass er verkauft und dem Käufer tief genug, dass er kauft - kurz: Der Preis ergibt sich (unabhängig vom "Wert" der Ware) stets aus Angebot und Nachfrage.
Daher sind die Schätzungen über den Wert der VA Tech-Aktie, die derzeit von 46 bis 63 Euro reichen, zwar eine interessante Richtschnur, eine Übernahme durch Siemens wird aber nur dann zu Stande kommen, wenn ausreichend viele Aktionäre bereit sind, zum angebotenen Preis zu verkaufen.
Erschwerend für Siemens kommt hinzu, dass es nicht nur um den Kauf von Aktien geht. Für die Übernahme eines Unternehmens kann ja schon eine relative Mehrheit der Aktien reichen. Dazu müsste aber die Hauptversammlung im Jänner jene Klausel im Statut abschaffen, die die Stimmrechte eines Einzelaktionärs mit 25 Prozent beschränken. Nur dann kann Siemens tatsächlich die Stimmenmehrheit übernehmen. Einer Statutenänderung müssen in der Hauptversammlung 75 Prozent des anwesenden Kapitals zustimmen. Jedenfalls anwesend sein werden Siemens (16,6 Prozent), die ÖIAG (14,7) sowie Goldman, Sachs und Fidelity (je fünf Prozent) - und eine schwer absehbare Anzahl von Einzelaktionären.
Und hier liegt der springende Punkt: Seit dem Bekanntwerden der Übernahmegelüste von Siemens haben gut 30 Prozent der VA Tech-Aktien den Besitzer gewechselt. Berücksichtigt man, dass wohl einige Aktien auch innerhalb dieser Gruppe hin- und her verkauft wurden, so befinden sich jetzt zumindest 25 Prozent der Aktien im Besitz von Spekulanten, die die Aktie um rund 58 Euro gekauft haben, um damit kurzfristig Geld zu verdienen. Für diese Spekulanten gibt es keinen vernünftigen Grund, ihr Eigentum um 58 oder gar um 55 Euro zu verkaufen. Wenn auch nur die Hälfte von ihnen zur Hauptversammlung kommt oder sich dort vertreten lässt, ist sie stark genug, um eine Dreiviertel-Mehrheit für die Statutenänderung auch dann zu blockieren, wenn sich Siemens mit den drei übrigen Grossaktionären geeinigt hat. Und ohne Statutenänderung gibt es auch keine Übernahme. Bitter für Siemens. Aber es wird dem Konzern wohl nichts anderes übrig bleiben, als sein Angebot nachzubessern - und zwar auf deutlich über 58 Euro.

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