- 12.12.2004, 12:59:22
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Ernst Strasser: "Ich habe schon 1992 gesagt, dass ich nicht als Politiker in Pension gehen werde."
Ex-Innenminister Strasser zu Gast im "Ö3 Frühstück bei mir"
Wien (OTS) - Sein Rücktritt kam am Freitag vollkommen
überraschend: Nach fast fünf Jahren legte Ernst Strasser sein Amt als
Innenminister zurück, um in die Privatwirtschaft zu gehen. Im "Ö3
Frühstück bei mir" mit Claudia Stöckl spricht Strasser über die
Beweggründe für seinen Rücktritt und zieht Bilanz über seine Zeit in
der Regierung.
Im Folgenden Auszüge aus dem Gespräch zwischen Claudia Stöckl und
Ex-Minister Ernst Strasser.
Claudia Stöckl: "Herr Strasser, Sie gehen ja jetzt in die
Privatwirtschaft, was würden Sie als Topmanager sagen, wenn einer
Ihrer Mitarbeiter Sie erst zwölf Stunden vorher von seiner Kündigung
informiert?"
Ernst Strasser:"Das würde mir nicht gut gefallen, wenn Sie da auf das
anspielen, was in den letzten Wochen passiert ist, so war es auch
nicht."
Claudia Stöckl:"Also Wolfgang Schüssel hat schon früher gewusst, dass
Sie als Innenminister zurücktreten?"
Ernst Strasser:"Ich glaube, dass das ganz korrekt ist, wie er das in
der ZIB 2 dargestellt hat."
Claudia Stöckl: "Er (Schüssel,Anmerkung der Red.) hat gemeint, dass
Sie am Vorabend telefoniert haben miteinander, und dass er das dann
akzeptiert hat. Das heißt, er hat das erst am Vorabend erfahren, so
habe ich das seinen Worten entnommen."
Ernst Strasser: "Aber das war nicht das erste Gespräch, das wir
geführt haben. Wir waren hier im Gespräch."
Claudia Stöckl:"Trotz allem wird ja jetzt sehr viel besprochen, dass
das Verhältnis zwischen Ihnen und Wolfgang Schüssel als unterkühlt zu
bezeichnen ist. Sie haben ganz deutlich gesagt, dass Sie nicht
Freunde sind, sondern dass das eine reine Arbeitsbeziehung ist."
Ernst Strasser:"Ich habe zwei Freunde und ich habe da einen sehr
engen Begriff von Freundschaft. Die zwei Freunde sind außerhalb der
Politik(...), das sind jahrzehntelange Freundschaften. Ich habe das
auch in der Wirtschaft damals gelernt, dass das überhaupt nicht
notwendig ist, dass man mit einem Vorstandskollegen gemeinsam auf
Urlaub fährt, sondern es ist notwendig, dass eine respektvolle
Arbeitsbeziehung besteht. Und ich hatte auch immer das Gefühl, dass
die von Wolfgang Schüssel mir gegenüber besteht."
Claudia Stöckl: "Es wurde sehr viel interpretiert über die wahren
Gründe Ihres Rücktritts und viele Analysten haben dann auch gesagt,
es liegt an einer Enttäuschung, weil Sie eben nicht den Posten des
EU-Kommissars bekommen haben, weil Sie nicht den Posten des
Außenministers bekommen haben. Kann man darin auch einen Grund
finden?"
Ernst Strasser:"Der Außenminister, das ist Unsinn, der Kommissar für
Inneres und Justiz, da hätte ich darüber nachgedacht. Allerdings
wüsste ich jetzt nicht, wenn ich gefragt worden wäre, wie ich mich
entschieden hätte. Weil es ist schon so, ich bin jetzt auf dem Weg
hin zum 50er, ich bin 48 Jahre alt, und ich habe mich so mit meinen
Freunden und mit meiner Frau lange und eingehend besprochen, was denn
die Perspektiven sind. Und es stimmt, Innenminister der Republik
Österreich sein zu dürfen, es gibt nicht sehr viel in der Politik in
Österreich, was nachher reizvoll ist. Und was darüber stehen würde
wie Kanzler, Vizekanzler und Parteiobmann, dafür fühle ich mich nicht
geschaffen, das empfinde ich als eine Nummer zu groß für mich."
Claudia Stöckl: "Ganz ehrlich, Sie wollten nie Bundeskanzler oder
Vizekanzler werden?"
Ernst Strasser:"Ich glaube, man muss eine große Geduld haben im
Finden von Kompromissen, das ist nicht meine Stärke. Bekanntlich gibt
es in Österreich aller Voraussicht nach keine Alleinregierung und
egal mit welchem Regierungspartner man zusammen wäre, es ist immer
notwendig, hier irgendwelche Kompromisse zu suchen und oft halt auch
Kompromisse, die dann auch von den Bürgern nicht wirklich verstanden
werden.(..) Ehrlich gesagt, da ist der Wolfgang Schüssel Weltmeister,
das macht er ganz hervorragend, da ist er wie geboren dafür. Das ist
nicht meine Stärke, meine Stärken liegen eher darin, dass ich eine
Situation gut analysieren kann, dass ich dann die Mitarbeiter
motivieren kann, dass wir ein gemeinsames Konzept entwickeln und auf
Grund dieser Analyse wird dieses Konzept dann umsetzen."
Claudia Stöckl:"Warum muss man vorzeitig zurücktreten?"
Ernst Strasser:"Es ist richtig, dass jetzt das Arbeitsprogramm in
meinem Bereich abgeschlossen ist und gleichzeitig, in meinem
persönlichen Bereich, wo ich auf die 50 zugehe und wenn man so eine
große Veränderung durchführt, ist es notwendig, das davor zu machen.
Das sind einfach meine Gründe."
Claudia Stöckl:"Wann hatten Sie denn das erste Mal das Gefühl, Ihren
persönlichen Karriereweg korrigieren zu müssen? Sie sprechen immer
davon, dass Sie im Spätsommer diese Entscheidung getroffen haben, als
Innenminister zurückzutreten?"
Ernst Strasser:"Beschäftigt haben wir uns seit dem Frühsommer damit,
ich, meine Frau und ein paar wenige gute Freunde, das ist auch aus
meiner Sicht keine Korrektur. Erwin Pröll hat mich 1992 in die
Politik geholt. (...) Ich habe das in meiner ersten Pressekonferenz
als Politiker gesagt, dass ich nicht als Politiker in Pension gehen
werde, das war im April 1992. Es gibt seit einem Jahr, oder ein
bisschen länger, ein sehr schönes Angebot aus der Privatwirtschaft,
irgendwann im Frühling habe ich dann zu denken begonnen."
Claudia Stöckl:"Also es gab zuerst das Angebot und dann den Gedanken
dazu und nicht zuerst den Willen, sich zu verändern?"
Ernst Strasser:"Ja, so ungefähr."
Claudia Stöckl:"Man hat ja auch von der Umfärbung des
Innenministeriums unter Ihrer Führung gesprochen."
Strasser:"Ja, das ist so. Wenn es strukturelle Veränderungen gibt,
bedingen die auch personelle Veränderungen."
Claudia Stöckl:"Man sagt, dass Österreich jetzt eines der schärfsten
Asylgesetze hat, Sie sind deswegen als Hardliner kritisiert worden.
Persönlich waren sie Jungscharführer und man hat das Gefühl, dass Sie
in Ihrem Leben die Werte der christlichen Nächstenliebe schon auch
pflegen. Wie leicht war es denn, diese Gratwanderung ganz persönlich
zu machen?"
Ernst Strasser:"Christliche Nächstenliebe hängt damit zusammen, dass
diejenigen, die Asyl brauchen, das auch bekommen. Das ist eines der
Ziele, der Vorschläge, die wir ausarbeiten lassen müssen. Christliche
Nächstenliebe bedeutet auch, dass selbstverständlich eine
Verpflichtung besteht, dort, wo ein Missbrauch besteht, den
abzustellen. Das ist leider der Fall. Das Schwierige an der Sache
ist, diese beiden Gruppen von Asylwerbern zu unterscheiden. Wie ich
das Ministerium übernommen habe, hatten wir 2.300 betreute
Flüchtlinge, jetzt haben wir 27.000, mehr als das Zehnfache."
Claudia Stöckl:"Wie sehr haben Sie sich überhaupt persönlich mit den
Schicksalen befasst, darf man da überhaupt Gefühle aufkommen lassen?"
Ernst Strasser:"Selbstverständlich, das muss man durchaus auch
persönlich an sich heranlassen. Ich kenne Gott sei Dank auch keinen
Fall, wo so eine Hilfe nicht stattgefunden hätte. Was schwerer wiegt
ist, es ist notwendig, aus Gründen der Sicherheit, aus Gründen der
Klarheit, aus Gründen des sozialen Friedens, dass in der Frage des
Asyls ein sehr klarer und konsequenter, von manchen als harter Kurs
bezeichnet, gefahren wird. Manche haben das auch bemerkt, dass hier
das Hirn des Innenministers und das Herz des Ernst Strasser nicht
immer ganz gleich ticken."
Claudia Stöckl:"Gibt es Dinge, über die Sie froh sind, dass Sie diese
jetzt zurück lassen? Was werden Sie ganz sicher nicht vermissen?"
Ernst Strasser: "Es gibt da schon ein paar Dinge. Ich bin Zivildiener
und habe mir nie etwas aus Uniformen gemacht. Zum Schrecken meines
Kabinetts - und jetzt kann ich es ja zugeben - habe ich nie gelernt,
was welche Abzeichen bedeuten und die Mitarbeiter im Kabinett haben
mir so eine Tafel vorgelegt, das musst Du jetzt endlich erlernen,
damit Du das weißt! Ich weiß nicht warum, ich habe mich immer dagegen
gesträubt und habe mir gedacht, das wird schon so auch gehen, wie man
sieht, ist es ja auch gegangen."
Claudia Stöckl:"Wissen Sie schon, wann Sie nächstes Jahr in die
Privatwirtschaft gehen werden?"
Strasser:"Wenn es so weit ist. Im ersten Quartal 2005 möchte ich mich
entscheiden und dann hängt das von den gemeinsamen Zielsetzungen ab."
OTS0029 2004-12-12/12:59
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