- 09.12.2004, 11:41:55
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Brandsteidl: PISA und was wir von Finnland lernen können
"Es braucht einen 'Neuen Geist' in der österreichischen Bildungspolitik"
Wien (OTS) - "Es braucht einen 'Neuen Geist' in der
österreichischen Bildungspolitik", stellte Wiens Amtsführende
Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl heute im Rahmen ihrer
Pressekonferenz zum Thema "PISA und was wir von Finnland lernen
können" programmatisch fest.
Brandsteidl, die zuletzt im Rahmen einer Bildungsreise nach
Finnland das Schulsystem des PISA-Siegers studiert hat, betonte, dass
es "leider kein Zufall sei, weshalb Finnland gewonnen und Österreich
verloren hat". Als Hauptunterschied hob sie den im Ländervergleich
völlig unterschiedlichen Zugang zur Frage der Selektion von
SchülerInnen hervor: "Während es in Österreich offenbar als
'Naturgesetz' betrachtet wird, dass 'manche Jugendliche es halt nicht
schaffen', versucht der finnische Staat alles, um allen SchülerInnen
eine erfolgreiche Bildungslaufbahn zu ermöglichen. Ich denke, genau
hier sollte Österreich umdenken. Genau hier ist jener 'Neue Geist'
gefragt, ohne den das österreichische Schulwesen es ganz sicher nicht
zurück auf die Siegerstraße schaffen wird."****
Getreu dem Motto "Wir können es uns als Gesellschaft einfach
nicht leisten, auch nur einen jungen Menschen zu verlieren" sei
Österreich nun aufgerufen, sein Schulsystem radikal umzugestalten.
Hierbei solle man sich nicht davor scheuen, von den Besten zu lernen
- und so würde sich gerade das finnische Schulsystem als Modell auch
für Österreich anbieten. Grund hierfür: "Finnland vereinigt
idealtypisch jene drei Faktoren, die all jene Länder auszeichnen, die
bei PISA gut abgeschnitten haben: eine gemeinsame Schule der 7- bis
15-jährigen mit hoher innerer Differenzierung, eine flächendeckende
Ganztagsschule und eine vollakademische Lehrerausbildung."
Konkret bedeute dies eine Abkehr vom Prinzip einer frühen
Selektion bei gleichzeitiger Verstärkung der individuellen
Fördermöglichkeiten von SchülerInnen. Brandsteidl: "Beides gehört
ganz klar zusammen: So wie in Österreich bereits mit 10 Jahren zu
selektieren, heißt, das Scheitern von jungen Menschen widerspruchslos
hinzunehmen. Das ist zutiefst unfair und inhuman. Stattdessen sollten
wir es so machen wie in nahezu allen anderen Ländern: Die Kinder
sollen bis zu ihrem 14. oder 15 Lebensjahr gemeinsam eine Schule
besuchen, innerhalb derer sie jedoch die Förderung bekommen, die sie
benötigen." Als Vergleich führte Brandsteidl den Bereich der
Sonderpädagogik an: So würde in Wien ein tatsächlicher
sonderpädagogischer Förderbedarf von 4,2 Prozent bestehen, der jedoch
vom Bund mit 2,7 Prozent gedeckelt werde. Demgegenüber stünde, dass
beispielsweise in Finnland 6,7 Prozent aller Kinder laufend und 20
Prozent temporär sonderpädagogisch gefördert würden. Brandsteidl: "Es
wundert nicht, dass dort, wo mehr investiert wird, auch mehr
rauskommt - der Beweis ist PISA."
Ebenso verhalte es sich bei der Frage der Ganztagsschule: Wohl
sei Wien österreichweit hierin klar führend (über 50 Prozent aller
Kinder werden in Wien nachmittags betreut), jedoch zeige das
finnische Beispiel, was es bedeute Ganztagsschulen flächendeckend
(inkl. Gratis-Mittagessen für alle Schüler) anbieten zu können:
"Ganztagsschule bedeutet nicht mehr Schulstress, sondern mehr
Förderung. Durch die Ganztagsschule wird es möglich, Jugendlichen
über das normale Maß hinaus Zuwendung, Unterstützung und Förderung zu
bieten. Überdies ist die Ganztagsschule ein unverzichtbares Element
sozialen Lernens."
Gleich der individuellen Förderung von SchülerInnen bedürfe es
jedoch ebenso einer autonomeren und eigenverantwortlicheren Struktur
im Bildungswesen: "Das Gebot der Stunde lautet 'mehr Autonomie für
die einzelnen Schulen' - nur so ist es möglich, auf die spezifischen
Bedürfnisse einzugehen und eine bestmögliche Schule für alle Kinder
zu ermöglichen." Gleichzeitig jedoch - so Brandsteidl - dürfe dieser
Zuwachs an Autonomie nicht bedeuten, dass der Staat sich seiner
Verantwortung für die Schulen entledige: "Im österreichischen
politischen Sprachgebrauch war Autonomie bislang meist ein Synonym
für 'Kindesweglegung' - das darf nicht passieren. Im Bereich des
Schulwesens muss Autonomie vielmehr heißen, dass man sich mit den
Schulen auf gemeinsame Ziele (Stichwort "Bildungsstandards") einigt,
im Konkreten jedoch den Schulen 'relative Methodenfreiheit' gewährt,
wie sie diese dann erreichen. Als Kontroll- und
Begleitinstrumentarien sollten neben der bewährten Schulaufsicht
Methoden der Eigen- und externen Evaluation dienen."
Brandsteidl abschließend: "Diese Reformschritte bedürfen einer
mutigen Politik: mutig darin, tiefgreifende Veränderungen
vorzunehmen, aber auch darin, die hierfür nötigen Ressourcen zur
Verfügung zu stellen. Voraussetzung für all das ist ein 'Neuer Geist'
in der Bildungspolitik. Ein Geist, der endlich damit aufhört, die
Schulen allein und die Schüler sich selbst zu überlassen." (Schluss)
ssr
OTS0121 2004-12-09/11:41
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