Pflegepreis Niederösterreich 2004: LHStv. Prokop übergibt Auszeichnung an Christine Fichtinger aus Harmersdorf am 7.12., 16 Uhr, im Regierungssitzungssaal

St. Pölten (OTS) - Der Tagesablauf von Christine Fichtinger kennt keinen Leerlauf: Landwirtschaft mit 24 Hektar, Quarzsandgrube, Haushalt mit neun Personen, die Pflege der 92-Jährigen Schwiegermutter, vor allem aber ihres seit zwölf Jahren nach einem schweren Arbeitsunfall völlig gelähmten und an einem apallischen Syndrom leidenden Sohnes Franz. Voller Lebensfreude und Tatendrang meistert sie die Überraschungen, die das Schicksal mit sich bringt. Nie stand es für Christine Fichtinger und ihre Familie zur Diskussion, Franz nach seinem Arbeitsunfall in fremde Pflege zu geben. Sie ist stolz auf ihre Familie und sieht den Pflegepreis als Auszeichnung für alle: "Ohne meinen Mann, ohne meine Tochter Christine und meine Schwiegertochter Monika, die jede freie Minute opfern, hätte ich nie die Kraft gehabt, alles zu schaffen - es geht nur miteinander."

Für die außergewöhnliche Mutterliebe und die Lebensqualität, die sie ihrem Sohn schenkt, erhält Christine Fichtinger am Dienstag, dem 7. Dezember 2004, um 16 Uhr, den diesjährigen Pflegepreis für Niederösterreich. Die Ehrung nehmen Frau Landeshauptmann-Stellvertreter Liese Prokop, Ing. Johann Kaiser, Direktor der AUVA-Landesstelle Wien, und Dr. Christoph Lechner, Arbeiterkammer Niederösterreich, vor. Unter den Gratulanten:
Landesrätin Christa Kranzl, Bürgermeister Anton Fischer, Hürm/Harmersdorf, Mag. Barbara Hofstätter, Neue NÖN, Mag. Pia-Maria Rosner-Scheibengraf, Wirtschaftskammer Österreich, Bundesvorsitzender-Stellvertreter Karl Ziegler, Kammerrat Rudolf Silvan, Rehabilitationsausschuss - beide Gewerkschaft Bau-Holz, Gewerkschaftssekretär Karl Demler, Gewerkschaft Agrar, Nahrung u. Genuss, Mitglieder der Jury, die Direktoren der AUVA-Landesstelle Wien und die Betreuer der AUVA-Außenstelle St. Pölten sowie die Familie der Pflegepreisträgerin.

Fatale Folgen einer Fuhre: am 27. November 1992 traf ein bei Verladearbeiten herabfallender Stein Franz Fichtinger - damals 20 Jahre alt - so unglücklich am Kopf, dass er seitdem bewegungsunfähig ist und rund um die Uhr betreut werden muss. Franz hatte Tischler gelernt und nach dem Präsenzdienst als Lkw-Fahrer gearbeitet. Dank der liebevollen und fürsorglichen Pflege durch seine Eltern und der Integration in die Familie begann er wieder aktiv am Leben teilzunehmen. Er scheint bei klarem Verstand und bemüht sich zu sprechen. Die Sprachverständlichkeit schwankt mit seinem Befinden. Die Familie hat gelernt, ihn zu verstehen.

Besondere Freude bereiten Franz die Stunden mit dem Vater in der Hobby-Tischlerwerkstatt, wo er mit seinem Fachwissen helfen kann. Die Arbeit in der Landwirtschaft verfolgt er ebenfalls mit großem Interesse. Kinobesuche, Ausflüge, das Leben in der Pfarre bringen Abwechslung. Die Familie versteckt ihren Franz nicht, sie lässt ihn am Leben teilhaben - ein wichtiger Beitrag zu seiner Lebensfreude. Ein kleiner Wehrmutstropfen ist, dass der Kontakt zu Franz Fichtingers Sohn - er kam sechs Wochen vor dem Unfall auf die Welt -abgebrochen ist.

Der Tag von Christine Fichtinger (55) beginnt um halb sechs Uhr mit dem Frühstück gemeinsam mit ihrem Mann. Franz wird umgelagert, die Zeit bis zum Aufstehen hilft Ö3 zu überbrücken. Ab 6 Uhr steht die Stallarbeit auf dem Programm: während sich Frau Fichtinger um sechs Rinder und zwei Kälber kümmert, versorgt ihr Mann die sechs Noriker der kleinen Pferdezucht. Bis 7 Uhr 15 gibt sie sich dafür Zeit. Dann steht der Sohn im Mittelpunkt: Körperpflege, Anziehen, in den Rollstuhl setzten, und frühstücken. "Wenn es Franz gut geht, geht es allen gut", sagt Christine Fichtinger.

Während ihre Schwiegertochter das Mittagessen vorbereitet, geht sie hinüber in den Altbau, um nach der 92-Jährigen und seit rund drei Monaten sehr schwachen Schwiegermutter zu sehen - um einzuheizen, Frühstück zu geben, bei der Körperpflege und in den Rollstuhl zu helfen. Bis sie wieder zurück ist, kann es 10 Uhr oder auch halb elf sein. Immer wieder während des Tages heißt es nachzuschauen, für Essen und Trinken zu sorgen.

Bei den Garten-, Feld-, oder Waldarbeiten am Nachmittag ist Franz mit dabei. Bis 22 Uhr muss auch die Hausarbeit erledigt sein.

Ihr Leben teilt sich Christine Fichtinger genau ein. Für ein bisserl Lesen, Stickarbeiten, Blumen, Urlaub, Freizeitaktivitäten bleibt wenig Zeit. Ihr Motto: "Beklage nie den Morgen, der Müh und Arbeit gibt. Es ist so schön zu sorgen, für Menschen, die man liebt."

Einmal pro Woche kommt eine Physiotherapeutin um Franz zu bewegen. Pflegegriffe und Techniken für den 1,85 Meter großen Sohn hat sich die Preisträgerin von Experten abgeschaut und selbst zurecht gelegt.

Die letzte Novemberwoche bedeutet für das Ehepaar Fichtinger aber auch gute Erinnerungen: vor rund 14 Tagen wurde der 35ste Hochzeitstag gefeiert. Christine hatte ihren Vater beim Quarzsandkauf begleitet und so ihren Franz kennen gelernt. Christine und Franz Fichtinger haben drei Söhne und zwei Töchter. Sohn Martin lebt mit seiner Monika und ihrem zweieinhalb jährigen Marcel im Elternhaus in Harmersdorf. Tochter Christine ist Krankenschwester geworden, um sich um Franz kümmern zu können, wenn es die Eltern nicht mehr schaffen. Sie arbeitet mit ihrem Freund Matthias im Krankenhaus Krems und wohnt ebenfalls zu Hause.

Die AUVA-Landesstelle Wien unterstützt Familie Fichtinger mit medizinischen Hilfsmitteln, Zuschüssen zu behindertengerechten Umbauten und zum Fahrzeugkauf - bis jetzt in Höhe von insgesamt rund 80.000 Euro - und Rehabilitationsaufenthalten im Klosterneuburger AUVA-Zentrum Weißer Hof. Franz Fichtinger ist dank Invaliditätspension, Unfallrente und Pflegegeld der Stufe 7 finanziell abgesichert.

Der Pflegepreis

Der Pflegepreis entstand 1998 auf Initiative der zuständigen Landesstelle der AUVA (Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt). Er steht unter der Patronanz des Landeshauptmanns und wird vom Präsidenten der Arbeiterkammer Niederösterreich unterstützt.

Die Auswahl der Pflegerin des Jahres erfolgt in einem mehrstufigen Bewertungsprozess. Gemeinsam mit den regionalen Sozialarbeitern werden vom Rehabilitationsteam der AUVA-Landesstelle Wien alle Betreuer, die einen schwerstversehrten Angehörigen nach einem Arbeitsunfall oder einer Berufskrankheit aufopfernd und lange Jahre zu Hause pflegen, nominiert. Als Kriterien gelten: Pflegedauer mehr als drei Jahre für Versehrte der höchsten Pflegestufe 7, mehr als fünf Jahre für Pflegestufe 6 und mehr als zehn Jahre für Versicherte der Pflegestufe 5.

Dr. Djawad Lessan, Chefarzt der AUVA-Landesstelle, Hermine Ebner, Pflegedienstleitung des AUVA-Unfallkrankenhauses und des Rehabilitationszentrums Wien-Meidling, und Werner Vogl, Diplomierter Sozialarbeiter, besuchen die Kandidaten und wählen jedes Jahr zwei Pflegepersonen aus. Ausschlaggebend neben der Anzahl der Pflegejahre sind die Pflegeintensität, der gesundheitliche Zustand, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Entbehrungen, die die Kandidaten auf sich nehmen.

Die endgültige Auswahl trifft eine Jury, der 2004 Dr. Christian Haberle, Arbeiterkammer Niederösterreich, Mag. Barbara Hofstätter, Neue NÖN, Direktor Ing. Johann Kaiser, Leiter der AUVA-Landesstelle Wien und Dipl.-Ing. Peter Vavken, Direktor-Stellvertreter der AUVA-Landesstelle Wien, angehörten. Der Beschluss, Christine Fichtinger zu wählen, erfolgte einstimmig.

Neben einer Urkunde und dem Relief "Sonnenstiege" von Prof. Horst Aschermann besteht der Preis aus einem einwöchigen Erholungsurlaub im generalüberholten AK-Hotel Hirschwang für zwei Personen, der vom Präsidenten der Arbeiterkammer Niederösterreich, Josef Staudinger, zur Verfügung gestellt wird.

Anna Rappersberger, die Preisträgerin des Vorjahres, konnte ihren Erholungsurlaub aus gesundheitlichen Gründen noch nicht antreten.

In Österreich leben rund 7.300 nach einem Arbeitsunfall Schwerstversehrte und rund 3.000 davon in Niederösterreich, Burgenland und Wien. In Niederösterreich fallen derzeit sechs Versicherte in die höchste Pflegestufe 7 (bis zu Wachkoma), drei Versicherte in Stufe 6 sowie 43 Versehrte in die Pflegestufe 5 (schwere Querschnittlähmungen). Erfreulicherweise werden in Niederösterreich alle Versicherte der höchsten Pflegestufe zu Hause gepflegt.

Die AUVA-Landesstelle Wien finden Sie im Internet unter www.auva.at/wien

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