Die unterschätzte Frau Merkel und der Männerverein

"Presse"-Leitartikel vom 7.12.2004 von Christian Ultsch

Wien (OTS) - Dem einen ist sie zu kühl und zu protestantisch, dem anderen zu ostdeutsch. Dem Dritten ist ihre Frisur nicht stürmisch genug, und dem Vierten will partout nicht gefallen, dass ihre Mundwinkel meistens in Richtung Mittelpunkt der Erde zeigen. Es wird viel an Angela Merkel herumgemäkelt. Warum? Ganz einfach: Weil sie eine Frau ist und aus dem Osten kommt. Und aus diesem Stoff sind nun einmal nicht die politischen Fantasien gestrickt, die westdeutsche Männervereine in Ekstase versetzen.
Dennoch wird Merkel die Union im Herbst 2006 als Kanzlerkandidatin in die Wahlschlacht gegen die rot-grüne Regierung führen. Daran dürfte nach dem Düsseldorfer CDU-Parteitag kein ernsthafter Zweifel bestehen, auch trotz des Umstands, dass Merkel bei ihrer Wiederwahl nur noch 88,4 und nicht mehr 93,7 Prozent erreichte. Die Delegierten bedachten Merkels Auftritt nicht nur deshalb acht Minuten lang lautstark mit Applaus, um ihrer Erleichterung darüber Ausdruck zu verleihen, dass die rekordverdächtige Rede ihrer Vorsitzenden nach über zwei Stunden endlich vorbei war. Das orgiastische Klatschritual hatte vor allem den Zweck, Merkel symbolisch zur Kanzlerkandidatin zu küren.
Weshalb die bayerische CSU Merkel auch jetzt nicht so schnell auf den Schild heben wird, hat taktische Gründe: Die Schwesterpartei will sich ihre Zustimmung so teuer wie möglich abkaufen lassen und, wie schon beim Kompromiss im Streit um die Pläne zur Gesundheitsreform, weitere inhaltliche Zugeständnisse herauszuholen. Seinen Traum aber, ein zweites Mal gegen SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder anzutreten, kann Bayerns ehrgeiziger Landesmanager Edmund Stoiber begraben.
Die CDU wird ein Da capo unter keinen Umständen zulassen. Das gab's nur einmal, in der Phase der Schwächung nach der Spendenaffäre um Kohl, das kommt nicht wieder. Sollte Merkel wider Erwarten auf der Zielgeraden doch noch stolpern, wird ein anderer aus ihren Reihen in den Ring steigen, am ehesten wohl der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff.
"Attacke auf die anderen, Feuer einstellen auf uns selbst", gab Merkel nun als Parole aus. Die Union täte gut daran, sich an ihren Ratschlag zu halten. In den Umfragen liegt sie zwar immer noch klar vor SPD und Grünen. Doch in den vergangenen Monaten ist den C-Parteien dank interner Streitereien das Kunststück gelungen, ihren Vorsprung einzuschmelzen. Warum sich eine Opposition den Luxus leistet, fast ein Jahr lang über eine Gesundheitsreform zu streiten, die sie erst nach einem Wahlsieg, also von heute an gerechnet frühestens in 21 Monaten, umsetzen kann, ist völlig rätselhaft. Anstatt in der Auseinandersetzung mit Rot-Grün die großen Linien vorzugeben, verhedderte sich die Union in Details, die bis heute außer einer Handvoll Experten ohnehin niemand versteht.
Merkel versucht nun aus dieser Episode die Lehren zu ziehen und setzt verstärkt auf weichere Themen. Nachdem weder die Kopfpauschale noch der Stufentarif die Massen begeistert haben, soll nun offenbar das Bekenntnis zu Patriotismus und deutscher Leitkultur weiterhelfen. Ob freilich eine Debatte, die geradezu einlädt zu chauvinistischen Ausrutschern, Punkte bringt, sei dahingestellt.
Vor einem Jahr auf dem Leipziger Parteitag hat sich Merkel angeschickt, der CDU mit radikalen Vorschlägen für einen Wechsel im Gesundheits- und Steuersystem ein klares neoliberales Profil geben. Seither ist die Union auf Druck der CSU wieder etwas in die wolkige Mitte gerückt, was auch damit zu tun hat, dass deutsche Bürger mittlerweile nur noch erblassen, wenn sie das Wort Reform hören. Umso erstaunlicher ist, dass Merkel in Düsseldorf keine Abstriche von ihrem wirtschaftlichem Kurs machte. Diese Frau hat das, was man Charakter nennt. Deswegen hat sie es zur unangefochtenen Chefin der CDU gebracht. Und deswegen muss Schröder sie auch als Gegnerin fürchten.

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