Falsche Bezeichnungen beherbergen Gefahren

Der Begriff "geistige Behinderung" ist überholt und stellt heute eine Diskriminierung dar

Wien (OTS) - Selbstvertreter von Behindertenorganisationen lehnen den Begriff "geistige Behinderung" auch in Österreich massiv ab. Das sollte uns aktuell zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung auch in Österreich zu denken geben.

Inzwischen hat die Heilpädagogik Erfolge aufzuweisen, die eine gleichberechtigte Integration dieser Personen in die Gesellschaft zu Recht fordern lassen, und zwar bereits auch durch die Betroffenen selbst. Dadurch wird die gängige Bezeichnung "geistige behindert" obsolet. Sie hat lange genug vor allem dazu gedient, den Unterschied zu anderen Formen der Behinderung zu verdeutlichen. Nach heutigen Erkenntnissen entspricht sie nicht den Fakten und Tatsachen dieser Form der Behinderung und schon gar nicht mehr dem allgemeinen Sprachgebrauch, der diskriminierend Assoziationen ermöglicht hat.

Es höchste Zeit, dieser Form der Behinderung einen Namen zu geben, der den Tatsachen entspricht

Die Einschränkungen in diesem Personenkreis, wie beispielsweise bei Menschen mit Down-Syndrom, kennzeichnen sich insbesondere in Bereichen, wie dem abstrakt-logischen Denken, den analytischen Fähigkeiten, dem numerischen Umgang im höheren Zahlenbereich, dem Generalisierungsvermögen und beispielsweise der Strategieentwicklung, d.h. in intellektuell-kognitiven Bereichen. In vielen anderen "geistigen" Bereichen zeigen diese Personen Fähigkeiten, die, wenn adäquat gefördert, zu bewährten Kompetenzen heranwachsen, wie etwa soziale und berufliche Kompetenzen. Weiter ist bekannt, dass viele dieser Personen differenzierte geistige Interessen zeigen, die die Grundlage für ein aktives und gleichberechtigtes Leben in unserer Gesellschaft darstellen. Mit der Bezeichnung intellektuelle Behinderung oder intellektuell-kognitive Beeinträchtigung werden die zentralen Einschränkungen hervorgehoben, ohne dass dabei sämtliche "geistige" Bereiche die menschliches Leben kennzeichnen, als behindert bezeichnet werden.

In vielen Ländern gibt es keine "geistige Behinderung" mehr

Man spricht international inzwischen bereits von intellectual disabilities. Diese Bemühungen um korrekte Bezeichnung stellen keinesfalls eine Wortklauberei dar. Schließlich geht es dabei um die Rechte und Würde dieser Personen.

In einer Zeit, die auf manchmal seltsame Weise fortschrittsgläubig ist, sind Menschen mit Behinderung auch von entfesselten Forschungsvorhaben in ihrer Existenz bedroht. Alleine die Bezeichnung "geistige Behinderung" stellt für sie bei erkennbar selektiven Bestrebungen eine enorme Gefahr dar. Dies wird schon bei den noch ungeregelten Beratungen für werdende Eltern zu einem Problem. Pränatale Diagnoseformen ohne zwingende Beratung ermöglichen eine Diskriminierung, die durch wiederum diskriminierende Begriffe kaum zu Gunsten des werdenden Lebens verlaufen können.

Die Lebenshilfe Österreich hat daher ihre Arbeit zu dieser Begriffsdiskussion aktiv in diese Richtung aufgenommen.

Univ.-Prof. Dr. Germain Weber Präsident Lebenshilfe Österreich

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