- 27.11.2004, 18:12:42
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Alfred und Angela" (von Erwin Zankel)
Ausgabe vom 28.11.2004
Graz (OTS) - Der Karikaturist Gerhard Haderer veröffentlichte
zeitgleich zwei Zeichnungen über zwei traurige Helden auf dem
"Boulevard of broken dreams". Der im "stern" erschienene Cartoon
zeigte Angela Merkel einsam und verlassen in der tristen Straße der
geplatzten Träume. Im "profil" fiel die Szene noch düsterer aus:
Alfred Gusenbauer in nasskalter Abenddämmerung, die Hände in den
Manteltaschen vergraben, den Kragen hochgeschlagen, eine Zigarette
schlaff im Mundwinkel, im Hintergrund die fahle Neonreklame für
"Schüssel Television".
Beide Oppositionsführer haben kein leichtes Leben. Zwar gewannen ihre
Parteien bei fast allen Zwischenwahlen, doch sinkt die Zuversicht,
Bundeskanzler zu werden, mit dem Näherrücken der entscheidenden
Wahlen im Herbst 2006. Beide haben mit denselben Schwierigkeiten zu
kämpfen.
Keine Opposition kann darauf vertrauen, dass ihr der Sieg automatisch
in den Schoß fällt. Der Spruch: "Wer regiert, verliert", ist auch
umkehrbar. Eine Regierung hat den Vorteil, dass die Wähler bereits
wissen, woran sie sind. Eine Opposition muss hingegen erst erklären,
was sie anders machen will. Unterscheidet man sich zu wenig, bleiben
die Wähler beim Bekannten. Ist der Kontrast zu groß, bekommen sie
Angst vor der Veränderung.
Merkel hat diese Erfahrung beim Versuch machen müssen, eine
Alternative zur Gesundheitspolitik zu formulieren. Ihre Utopie, die
einkommensabhängigen Krankenkassenbeiträge durch eine einheitliche
Kopfpauschale abzulösen, geriet zum Bastard, der die Unionsparteien
CDU und CSU spaltete.
Gusenbauer ist es mit dem Wirtschaftsprogramm nicht viel besser
ergangen. Der erste Entwurf war ein Rückfall in den Steuerstaat, die
gesäuberte Fassung erschöpft sich in Gemeinplätzen. Die SPÖ hat nicht
einmal den Mut, zu erläutern, was bei den Steuern und Abgaben die
"Verbreiterung der Bemessungsgrundlage" bedeutet.
Muss man überhaupt eine Alternative bieten, genügt nicht die Kritik
an den Zuständen? Wenn die Regierung Reformen ankündigt und bei der
Umsetzung ins Wanken kommt, hat die Opposition leichtes Spiel. Wenn
sie aber den Kurs hält, wendet sich das Blatt. Gerhard Schröder hat
Hartz IV hinter sich. Jetzt kann er die Kritik Merkels als
Schwarzmalerei abschmettern, die Deutschland nur schlecht machen
wolle.
Auch Wolfgang Schüssel wird nicht zögern, Gusenbauer als Miesmacher
hinzustellen. Er wird das Jubeljahr 2005 zur Stunde der Patrioten
ausrufen. Und dann spitzt sich hier wie dort die Entscheidung wieder
auf die Kanzlerfrage zu. Keine rosigen Aussichten für Alfred und
Angela. ****
OTS0040 2004-11-27/18:12
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