- 24.11.2004, 20:34:00
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Sind unsere Schulen die Brutstätte für Analphabeten? (von Hubert Patterer)
Ausgabe vom 25.11.2004
Graz (OTS) - In Österreich herrscht Katastrophenalarm. Ausgelöst
hat ihn die Nachricht, dass Österreichs Schüler in den
Kulturtechniken des Lesens und des Erfassens von Texten vom zehnten
auf den 19. Platz zurückgefallen sind. Sofort heulten im ganzen Land
die Sirenen, vor allem die der Opposition. Sie klangen so schrill,
dass man annehmen musste, die heimischen Schulen seien eine
Brutstätte des Analphabetismus und der Rotstift von Schwarzblau der
alleinige Urheber.
So kann man die durchgesickerten Details der Pisa-Studie lesen und
erfassen, wenn man auf flotte Polemik aus ist - für eine
Bildungsdebatte ist dieser Alarmismus unbrauchbar.
Der Rückfall in der Lesekompetenz hat in erster Linie methodische
Ursachen: So waren die tendenziell eher leseschwächeren Berufsschüler
in der Pisa-Studie 2001 im Gegensatz zur jüngsten Erhebung
unterrepräsentiert, was das Ergebnis damals verzerrte. Es lag im
Übrigen nur ganz knapp über dem OECD-Durchschnitt, jedenfalls
meilenweit entfernt von den Besten (Finnland, Schweden). Für eine
selbstkritische Analyse blieb damals keine Zeit, weil sich das Land
mit selbstzufriedener Wollust dem Pisa-Schock der traumatisierten
deutschen Nachbarn hingab.
Die Schwächen gab es also damals wie heute, und es ist lächerlich,
sie auf irgendeine Regierung zurückzuführen; schon allein deshalb,
weil sich wegen der notwendigen Zweidrittel-Mehrheit in Schulfragen
ÖVP und SPÖ seit Jahrzehnten ideologisch blockieren; so lange währt
der bildungspolitische Stillstand. Anderswo wurde das System Schule
den Anforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst; in Österreich ist
Schule, wie sie immer war, und die Experten sagen: Sie ist sehr
teuer, und sie ist sehr durchschnittlich.
An einem Missstand hat sich bis heute nichts geändert: dem Umstand,
dass noch immer das soziale Herkunftsmilieu eines Schülers dessen
Bildungskarriere bestimmt. Die Kinder der Gebildeten bleiben
(tendenziell) oben, die der Ungebildeten (tendenziell) unten. Die
frühe Selektion im Alter von zehn verstärkt diese Klassenteilung.
Eine zweite strukturelle Schwäche ist die mangelhafte Kultur der
individuellen Förderung. Anderswo haftet die Schule für Nachzügler,
hier werden sie allzu schnell aufgegeben oder dem Nachhilfe-Gewerbe
überantwortet.
Freilich: Wenn ein Fünftel aller 15-Jährigen miserabel liest, dann
geht das Pisa-Ergebnis auch die Eltern an. Sie müssen in den Kindern
die Liebe zum Buch wecken. Wenn die Schule sie nicht kaputt macht,
währt sie ein Leben lang. ****
OTS0299 2004-11-24/20:34
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