"Kleine Zeitung" Kommentar: "Sind unsere Schulen die Brutstätte für Analphabeten? (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 25.11.2004

Graz (OTS) - In Österreich herrscht Katastrophenalarm. Ausgelöst hat ihn die Nachricht, dass Österreichs Schüler in den Kulturtechniken des Lesens und des Erfassens von Texten vom zehnten auf den 19. Platz zurückgefallen sind. Sofort heulten im ganzen Land die Sirenen, vor allem die der Opposition. Sie klangen so schrill, dass man annehmen musste, die heimischen Schulen seien eine Brutstätte des Analphabetismus und der Rotstift von Schwarzblau der alleinige Urheber.

So kann man die durchgesickerten Details der Pisa-Studie lesen und erfassen, wenn man auf flotte Polemik aus ist - für eine Bildungsdebatte ist dieser Alarmismus unbrauchbar.

Der Rückfall in der Lesekompetenz hat in erster Linie methodische Ursachen: So waren die tendenziell eher leseschwächeren Berufsschüler in der Pisa-Studie 2001 im Gegensatz zur jüngsten Erhebung unterrepräsentiert, was das Ergebnis damals verzerrte. Es lag im Übrigen nur ganz knapp über dem OECD-Durchschnitt, jedenfalls meilenweit entfernt von den Besten (Finnland, Schweden). Für eine selbstkritische Analyse blieb damals keine Zeit, weil sich das Land mit selbstzufriedener Wollust dem Pisa-Schock der traumatisierten deutschen Nachbarn hingab.

Die Schwächen gab es also damals wie heute, und es ist lächerlich, sie auf irgendeine Regierung zurückzuführen; schon allein deshalb, weil sich wegen der notwendigen Zweidrittel-Mehrheit in Schulfragen ÖVP und SPÖ seit Jahrzehnten ideologisch blockieren; so lange währt der bildungspolitische Stillstand. Anderswo wurde das System Schule den Anforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst; in Österreich ist Schule, wie sie immer war, und die Experten sagen: Sie ist sehr teuer, und sie ist sehr durchschnittlich.

An einem Missstand hat sich bis heute nichts geändert: dem Umstand, dass noch immer das soziale Herkunftsmilieu eines Schülers dessen Bildungskarriere bestimmt. Die Kinder der Gebildeten bleiben (tendenziell) oben, die der Ungebildeten (tendenziell) unten. Die frühe Selektion im Alter von zehn verstärkt diese Klassenteilung.

Eine zweite strukturelle Schwäche ist die mangelhafte Kultur der individuellen Förderung. Anderswo haftet die Schule für Nachzügler, hier werden sie allzu schnell aufgegeben oder dem Nachhilfe-Gewerbe überantwortet.

Freilich: Wenn ein Fünftel aller 15-Jährigen miserabel liest, dann geht das Pisa-Ergebnis auch die Eltern an. Sie müssen in den Kindern die Liebe zum Buch wecken. Wenn die Schule sie nicht kaputt macht, währt sie ein Leben lang. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001