• 15.11.2004, 14:19:25
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IAA-Diskussion in Wien: Wettbewerbsfähiger durch Arbeitszeitverlängerung?

Wien (OTS) - Senkung der Lohnkosten, Streichung von Feiertagen,
Arbeitszeitverlängerung - diese und andere Schlagwörter zur
Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen kursieren seit
langer Zeit in den Medien. Aus diesem Anlass hatte die IAA unter
Präsident Hans-Jörgen Manstein am Freitag, dem 12. November 2004, zu
einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde nach Wien geladen.
"ifo"-Präsident Prof. DDr. Hans-Werner Sinn, der Industrielle Dkfm.
Dr. Hannes Androsch, SPÖ-Budget- und Finanzsprecher NR-Abg. Dr.
Christoph Matznetter und Mag. Charlotte Hager, Gallup-Institut
Österreich, diskutierten unter der Leitung von Dkfm. Milan Frühbauer
zum hochaktuellen Thema "Lohnkosten, Arbeitszeit und
Wettbewerbsfähigkeit".

Ist Deutschland noch zu retten?

"Ist Deutschland noch zu retten?" - Diese Frage stellte der Präsident
des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ("ifo"), Prof. DDr.
Hans-Werner Sinn, in seinem 14. Buch zur (wirtschaftlichen) Lage der
deutschen Nation. "Die Weltwirtschaft boomt wie die letzten 20 Jahre
nicht", so Sinn. Und trotzdem: "Deutschland steckt in einer Krise."
Man müsse schon nach Bulgarien und Rumänien gehen, um noch schwächere
Länder zu finden. So sei Deutschland - neben Italien - Schlusslicht
beim Bruttoinlandsprodukt, die Zahl der Konkurse habe rasant
zugenommen. Als Ursache sieht Sinn die "fünf Schocks":
Globalisierung, europäischer Binnenmarkt, Einführung des Euro,
Osterweiterung und die deutsche Wiedervereinigung. "Eine dieser
Umwälzungen wäre schon pro Jahrzehnt ausreichend gewesen."

Sinn: "Verlängerung der Arbeitszeit bringt Wachstumsboom!"

Der "ifo"-Präsident unterscheidet klar: Österreichische und deutsche
Unternehmen seien international wettbewerbsfähig, nicht hingegen die
Arbeitnehmer wegen zu hoher Lohnkosten. Und genau da setzt der
Deutsche an: Sein Rezept zur Ankurbelung der Wirtschaft ist die
Verlängerung der Arbeitszeit. "Das erhöht die Beschäftigung, weil die
Produktivität steigt und die Kosten für den Arbeitnehmer gleich
bleiben. Es wird auch einen Wachstumsboom geben." Bei den
Stundenlohnkosten sei Deutschland viel teurer als etwa die USA oder
Österreich. In Deutschland seien die Arbeitskosten sieben Mal höher
als bei den im Mai beigetretenen EU-Ländern, in Österreich fünf Mal.
In den vergangenen 20 Jahren sei in Deutschland der Lohn um 38
Prozent gestiegen, das Arbeitsvolumen habe sich hingegen nicht
verändert. Im Vergleich: In den USA wurde das Beschäftigungsvolumen
um 20 Prozent bei einer Erhöhung der Reallöhne um vier Prozent
angehoben, so Sinn.

Deutschland: Eine "Basar-Ökonomie

"Deutschland hat sich zu einer Basar-Ökonomie entwickelt. Ein
Großteil der Verringerung der Wertschöpfungstiefe ist auf Outsourcing
und Offshoring ins Ausland zurückzuführen." Die Verlagerung der
Vorarbeiten (Beispiel Autoindustrie) ins Ausland sei laut Sinn
"Etikettenschwindel".
"Die Exporte haben in Deutschland im Jahr 2004 extrem angezogen. Und
trotzdem läuft die Wirtschaft nicht. Es gibt keine Zunahme des
privaten Konsums, der Konsumausgaben des Staates oder der Bauten."
Vom Streichen der Feiertage hält Sinn nichts: "Man müsste 20 bis 30
streichen, so viele haben wir ja gar nicht."

Androsch: "Brauchen europäische Wirtschaftspolitik, mehr Forschung,
weniger Bürokratie!"

Die Verlängerung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn ist für den
Industriellen Dkfm. Dr. Hannes Androsch nicht das "alleinige
Wundermittel". Ganz im Gegenteil: "Nur auf die Arbeitskosten zu
fokussieren, ist nicht richtig." Die Lohnkosten würden in einem
Unternehmen zwischen zehn und 30 Prozent ausmachen. "Wir brauchen
eine europäische Wirtschaftspolitik, erträgliche Bürokratie und
Energiekosten, mehr Forschung sowie bessere Universitäten." Bei
Letzteren setzt er mehr auf Qualität denn auf Quantität. "Man kann
nicht die Komplexität der Wirtschaft auf einen Punkt zurückführen."
Mehrarbeit schaffe nicht mehr Wachstum. Der Unternehmer skizziert
einen weiteren Verbesserungsvorschlag zur Frage der Arbeitszeit: Da
die Auftragslage nicht immer gleich sei, wäre es besser, Fenstertage
gegen andere freie Tage zu tauschen. So könne die eine oder andere
volle Produktivitätswoche gewonnen werden. Ebenso sei bei den
Ansichten des "ifo"-Chefs die permanente Euroaufwertung nicht
berücksichtigt, so Androsch.

Matznetter: "Arbeitszeitverlängerung führt zu Verlust der
Wettbewerbsfähigkeit!"

Eine "Konsumverhaltung" ortet der SPÖ-Budgetsprecher Dr. Christoph
Matznetter. Es bestehe eine echte Krise der Nachfrage in Deutschland,
Österreich und überall. "Die Menschen werden ständig damit
konfrontiert: Wir können uns unsere Renten nicht mehr leisten." Auch
Matznetter sieht in der Arbeitszeitverlängerung nicht das
Allheilmittel: "Wenn wir die Arbeitszeit bei gleichem Lohn anheben,
dann hat das kurzfristig vielleicht eine Wirkung. Mittelfristig geht
die Wettbewerbsfähigkeit durch Arbeitszeitverlängerung verloren." Der
SP-Budgetsprecher warnt vor einer "Radikalisierung der Gesellschaft".
"Das Senken der Löhne bringt keinen Fortschritt." Die mangelnde
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Arbeitnehmer sieht er nicht: "In
Wahrheit haben die USA einen Zustand der Null-Wettbewerbsfähigkeit
erreicht."

Was wollen eigentlich die Betroffenen - Herr und Frau Österreicher?
Darauf gibt eine Umfrage des Instituts Gallup Antwort, die Mag.
Charlotte Hager bei der Podiumsdiskussion präsentierte. Demnach geht
der Trend der Beschäftigten in Österreich nicht in Richtung
Verlängerung, sondern - wenig überraschend - in Richtung Verkürzung
der Arbeitszeit. "Mehr Freizeit, mehr Zeit für die Familie" stehen am
Wunschzettel. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung glaubt jedoch, dass
sich die Arbeitszeit trotzdem erhöhen wird. Eine verlängerte
Arbeitszeit sei nach Ansicht der Befragten ungeeignet, die
Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, wobei ältere Arbeitnehmer die
Wirkung noch besser einschätzen als die jüngeren. Nur 17 Prozent
stimmen persönlich einer Verlängerung der Wochenarbeitszeit zu,
besser verdienende eher als Personen mit einem niedrigeren Einkommen.
51 Prozent der Befragten wollen keine Stunde länger arbeiten. 45
Prozent sind im Durchschnitt bereit, etwas mehr als eine Stunde
länger zu arbeiten - Frauen eher als ihre männlichen Kollegen.

OTS0168    2004-11-15/14:19

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