• 19.10.2004, 10:54:56
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Neue Gefahr für Europas Bienen

AGES informiert über den kleinen Stockkäfer

Wien (OTS) - Europas Imker sehen sich mit einer neuen Gefahr
konfrontiert: "Die Europäische Kommission hat bestätigt, dass der
kleine Stockkäfer erstmals in Europa aufgetaucht ist. Entdeckt wurde
er in Portugal, eingeschleppt wurde er durch Bienenimporte aus den
USA", sagt Karl Pfeiffer, Leiter der Abteilung Bie-nenbiologie und
-erzeugnisse am Institut für Bienenkunde der Österreichischen Agentur
für Gesundheit und Ernäh-rungssicherheit GmbH (AGES).

Der ursprünglich in Afrika beheimatete Käfer ist der gefährlichste
Bienenschädling der Welt: "Binnen weniger Wo-chen kann er ein
Bienenvolk ausrotten", sagt Pfeiffer. Seine Bekämpfung ist schwierig,
in den USA (1996) und Australien (2002) hat er bereits Fuß gefasst
und schwere Schäden verursacht.

Der Käfer

Der kleine Stockkäfer (Aethina tumida) oder Bienenbeutenkäfer
(engl.: small hive beetle) ist ursprünglich in Afrika südlich der
Sahara beheimatet. Er gehört zur Familie der Glanzkäfer. Viele dieser
Käfer sind bekannte Schädlinge, zum Beispiel der Rapsglanzkäfer.

Die Käfer sind ca. 5 mm lang und ca. 3 mm breit, wobei die Weibchen
etwas größer sind als die Männchen. Der Körper ist oval, die Fühler
keulenförmig. Ist er unmittelbar nach dem Schlüpfen rötlich gefärbt,
wird der Käfer später dunkelbraun bis schwarz. Die Lebensdauer
beträgt vier bis sechs Monate, in denen die Käferweibchen bis zu 1000
Eier produzieren.

Lebenszyklus

"Der kleine Stockkäfer ist nach seiner Lebensweise benannt, denn
für seine Vermehrung ist er auf Bienenvölker als Wirt spezialisiert.
Erwachsene Käfer können bis zu 16 Kilometer fliegen, um einen
Bienenstock zu finden. Nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier
bevorzugt in Ritzen und Spalten der Bienenstöcke ab", sagt Ernst
Hüttinger von der Abteilung Bienenbiologie und -erzeugnisse, der sich
seit Jahren intensiv mit diesem Käfer befasst.

Nach drei bis vier Tagen schlüpfen die Larven. Zehn bis 16 Tage lang
fressen sie Honig, Pollen und die Bienenbrut.

Sind die Larven ausgewachsen (ca. 12 mm lang), erreichen sie das so
genannte Wanderlarven-Stadium: "Sie verlassen den Stock und graben
sich vor dem Flugloch des Bienenstocks fünf bis 60 cm tief in die
Erde. Ist der Untergrund nicht geeignet, können sie dabei bis zu 80
Meter wandern", so Hüttinger.

In der Erde verpuppen sich die Larven. Die Puppenruhe dauert drei
bis vier Wochen. Die frisch geschlüpften Käfer sind nach einer Woche
paarungsreif und suchen erneut Bienenstöcke zur Vermehrung auf.

Gefährlichkeit

In seiner Heimat Afrika gilt der kleine Stockkäfer als
unbedeutender Schädling. Denn die afrikanischen Bienen können sich
effizient gegen den Schädling verteidigen: Sie hindern ihn durch
häufige Angriffe daran, in den Stock einzudringen bzw. entfernen
seine Eier und Larven. Wird der Befall doch zu groß, verlassen die
Bienen den Stock und bauen woanders einen neuen Stock auf.

Ganz anders stellt sich die Situation bei den europäischen Bienen
dar, wie sie auch in den USA und Australien gehalten werden: "Ihre
Abwehrmechanismen sind weit weniger wirksam. Daher kann sich der
Käfer stärker vermehren. Ist die Population groß genug, können Käfer,
vor allem aber ihre Larven, ein Bienenvolk binnen weniger Wochen
ausrotten. Denn auf ihrem Weg durch den Stock fressen sie nicht nur
die Brut, sondern zerstören auch die Waben. In den USA hat der Käfer
auf diese Weise schwere Schäden verursacht", sagt Hüttinger.

Besonders gefährlich ist der kleine Stockkäfer, weil er - im
Gegensatz zu anderen Bienenparasiten wie z. b. der Varroa-Milbe -
nicht auf Bienen als Transportmittel angewiesen ist, sondern sie aus
eigener Kraft erreichen kann. Hinzu kommt, dass er nicht unbedingt
auf Bienen zum Überleben angewiesen ist. Laborversuche haben gezeigt,
dass der Käfer auch Hummeln als Wirte benutzen kann. Zudem kann er
auch überreife und faule Früchte (v.a. Melonen, Weintrauben, etc.)
als Nahrungsquelle nutzen.

Verbreitung

Die ursprüngliche Heimat des kleinen Stockkäfers ist der
afrikanische Kontinent südlich der Sahara. 1996 wurde er jedoch
erstmals in South Carolina (USA) entdeckt. Seither hat er sich bis
nach Kalifornien und nach Kanada ausgebreitet. Auch in Ägypten wurde
der Käfer bereits gesichtet. 2002 tauchte der Käfer auch in
Australien auf. Im Oktober 2004 hat er schließlich den Sprung nach
Europa geschafft.

Wie der kleine Stockkäfer seinen Weg auf andere Kontinente
gefunden hat, ist nach wie vor ungeklärt. Mögliche Wege wären:

- zusammen mit importierten Honigbienen (Bienenvölker, Paketbienen,
Versandkäfige für Königinnen)

- in Bienenschwärmen, die ungewollt mit Schiffstransporten befördert
werden

- in gebrauchten Geräten oder Materialien für die
Bienenzucht

- mit importierten Waren wie z. B.
Obst

Nächste Schritte

Mittlerweile hat die EU sämtliche Importe von Bienen- und
Hummelköniginnen aus den USA (mit Ausnahme von Hawaii) gestoppt. Denn
hat sich der kleine Stockkäfer einmal festgesetzt, lässt er sich
praktisch nicht mehr ausrotten, wie die Erfahrungen in den USA
zeigen.

Sämtliche Vorbeugungsmaßnahmen werden auf EU-Ebene koordiniert: So
überprüfen derzeit alle Mitgliedsstaaten, ob es Importe aus den
betroffenen Regionen gegeben hat. Auch die innergemeinschaftlichen
Vertriebswege werden kontrolliert. Nach Österreich wurden keine
Bienen aus den USA importiert.

Sollte der kleine Stockkäfer doch nach Österreich gelangen, leitet
das Bundesministerium für Gesundheit und Frau-en (BMGF) die
entsprechenden Seuchenbekämpfungsmaßnahmen nach dem
Bienenseuchengesetz ein. "Ein Katalog mit notwendigen Maßnahmen wird
von der AGES erstellt und an das Ministerium weiter geleitet", sagt
Karl Pfeiffer: "Darin sind unter anderem praktische Hinweise für
Imker enthalten, mit denen der Käfer in Schach gehalten werden
könnte. Neben strengen Hygienemaßnahmen bedarf es der regelmäßigen
Kontrolle des Bienenstocks." Die Käfer findet man zum Beispiel
meistens an der hinteren Innenseite des Deckels, aber auch in Ritzen
und Spalten. Werden Käfer oder Larven gefunden, muss der
Entwicklungszyklus unterbunden werden: Das bedeutet, dass die Larven
beim Verlassen des Stocks in Wannen oder Folien aufgefangen und so an
der Verpuppung gehindert werden. "Der Einsatz chemischer Mittel ist
derzeit nicht möglich", so Pfeiffer.

Wirtschaftliche Aspekte

Mit einem Pro Kopf-Verbrauch bei 1,3 Kilo Honig liegt Österreich
weltweit im Spitzenfeld. 24.196 Imker mit 291.429 Bienenvölkern
(Stand von 2003, Quelle: Österreichischer Imkerbund) produzieren pro
Jahr 4000 bis 6500 Tonnen Honig. Die gleiche Menge wird zusätzlich
importiert. Der Wert des produzierten Honigs allein beträgt rund 28
bis 42 Millionen Euro.

Der ökonomische Wert der Biene liegt aber nicht nur in der
Honigproduktion, sondern auch in ihrer Funktion als Bestäuber von z.
B. Obstbäumen. Internationale Schätzungen gehen davon aus, dass der
Bestäubungswert das zehn- bis 20-fache des Honigwerts beträgt. Das
ergibt einen volkswirtschaftlichen Wert von rund 400 bis 800
Millionen Euro im Jahr.

Bilder des kleinen Stockkäfers zum Download finden sie unter
http://www.ages.at - Bereich Presse

Rückfragehinweis:
AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH
Unternehmenskommunikation
DI Oskar Wawschinek
Spargelfeldstraße 191, A-1226 Wien
Tel: +43 (0)50 555-25000
mailto:[email protected]
http://www.ages.at
Fachlich
Dr. Karl Pfeiffer
Tel: +43 (0)74 86-8090 11
mailto:[email protected]

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