• 08.10.2004, 20:01:04
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Auch ohne den Terror bleibt Ägypten eine Zitterpartie am Nil" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 09.10.2004

Graz (OTS) - Die Terroristen in Ägypten haben fast immer Touristen
als Ziel. Dabei könnten sie ebenso Vorortzüge sprengen oder
Busbahnhöfe. Bisher aber haben sie das nicht getan. Es darf vermutet
werden, dass die Terroristen und ihre Hintermänner meinen, so dem
verhassten Regime am meisten zu schaden.

Aber Ägypten hält sich erstaunlich gut gegen den Terror. Nach der
Ermordung von Anwar el Sadat im Oktober 1981 wegen seines Friedens
mit Israel wurde befürchtet, dass sein damals wenig profilierter
Nachfolger Hosni Mubarak eine leichte Beute werden könnte. Das war
ein Irrtum.

Nun geht die Zeit von Mubarak langsam zu Ende. Wohin Ägypten nach ihm
gehen könnte, wird wieder besorgt gefragt. Ägypten ist nicht
irgendein Land, sondern die Hauptmacht im Nahen Osten, obwohl es kein
Öl fördert. Das Hauptproblem scheint zu sein, dass Ägypten mehr
stagniert als sich bewegt.

So können die Urteile über das Land ganz konträr ausfallen. Will man
von Ägypten, dass es jener arabische Staat und jene moslemische
Gesellschaft ist, die sich in Richtung Westen bewegt, dann fällt das
Urteil negativ aus.

In Ägypten wird der Ausnahmezustand aufrecht erhalten und die Folter
ist nicht selten. Es gibt keine Demokratie, sondern Scheinwahlen.

Die Zivilgesellschaft hat nur Minderheitenstatus. Wer aufmuckt, ob
Dichter oder Journalist, riskiert Freiheit und Leben und Heimat.
Westliches hat an den Ufern des Nil kein Asylrecht. Die Wirtschaft
stagniert, ohne Weizen aus den USA wäre die Ernährungslage schlimm.

Ägypten ist noch weit weg von der Schwelle zu einem Schwellenstaat.

Andererseits hat sich das Land vom billigen arabischen Populismus
gegen Europa und den Westen ein deutliches Stück abgesetzt. Im
Vergleich zu Saudiarabien oder Syrien oder Libyen fällt Ägypten
angenehm auf. In Ägypten ist viel mehr öffentliches Denken erlaubt
als in den oben genannten Staaten.

Im Vergleich fällt das Urteil über Ägypten durchaus positiv aus.

Was Ägypten fehlt, ist der Aufbruch aus der Lethargie und
Selbstfesselung. Die Kräfte der Beharrung sind im Ernstfall immer
wieder die stärkeren gewesen. Gleichgültig, ob die Regierung die
Ansätze zur Demokratie unterdrückt oder der starke Islam eine
Erneuerung der Gesellschaft blockiert. Es ging und geht sich nie aus
mit nachhaltigen Reformen.

So bleibt Ägypten aus europäischer Sicht eine Zitterpartie am Nil.
Auch ohne Terror. ****

OTS0249    2004-10-08/20:01

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