"Nestbeschmutzer" kontra "latente Faschisten"

Wien (OTS) - Man muss kein Prophet sein, um anzunehmen, dass in Österreich die Freude über den Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek nicht ungeteilt ist. Im Gegenteil: Es ist eher wahrscheinlich, dass in weiten Teilen der Bevölkerung Unverständnis und Ablehnung dominieren. Das hat einen nachvollziehbaren Grund:
Während das literarische Werk der Preisträgerin der Hochkultur zuzuzählen ist und also ein Minderheitenprogramm darstellt, waren die politischen Äußerungen der Autorin während der vergangenen Jahre fixer Bestandteil des massenmedialen Polit-Unterhaltungsprogramms. Elfriede Jelinek gehört, so ist es in die Wahrnehmungsmuster der "Kronen Zeitung"-Leser unauslöschlich eingebrannt, zu den besonders verabscheuenswürdigen Exemplaren der Gattung "Nestbeschmutzer". Das sind, in den Augen ihrer Gegner, jene "Staatskünstler", die sich im Zuge der sozialdemokratisch dominierten Kulturpolitik von 1970 bis 2000 von Pasterk, Scholten & Co. dafür bezahlen ließen, das Land und seine Bewohner wegen deren unbewältigter Nazi-Vergangenheit, wegen des nach wie vor wütenden Antisemitismus zu geißeln und zugleich jede Veränderung der politischen Machtverhältnisse prophylaktisch als potenziellen Rückfall in die faschistische Barbarei geißelten. Als es dann mit der ÖVP-FPÖ-Regierungsbildung des Jahres 2000 tatsächlich zu diesem Machtwechsel kam, haben denn auch etliche österreichische Künstlerinnen und Künstler ihren fragwürdigen Beitrag zur maßlosen europäischen Erregung jener Tage geleistet.
Mit ihrer Entscheidung für Jelinek hat die Nobelpreis-Akademie, vermutlich unbewusst, der österreichischen Öffentlichkeit eine Aufgabe neu gestellt, an der diese bisher mit geradezu verbissener Regelmäßigkeit gescheitert ist: Sie muss einen angemessenen Umgang mit den politischen Äußerungen von Künstlern finden. Das war während der Kulturkampf-Atmosphäre in den Anfangsjahren von Schwarz-Blau so gut wie unmöglich. Inzwischen könnte sich ein neuerlicher Versuch lohnen. Voraussetzung dafür wäre, dass die Politiker der regierenden Koalition ihre Neigung unter Kontrolle bringen, alles, was von künstlerischer Seite an Österreich-Kritik vorgebracht wird, in die Nähe des Vaterlandsverrates zu rücken. Vielleicht könnte dann auch der Realitätsbezug der Künstler und Intellektuellen wieder einigermaßen hergestellt werden.
Unternimmt man diesen Versuch am Beispiel der Elfriede Jelinek, so manifestiert sich das Problem am Begriff des Klischees: Die Nobelpreis-Akademie lobt zu Recht die Leidenschaft und Kraft, mit der es der Jelinek gelingt, in ihren Romanen und Dramen die Macht der gesellschaftlichen Klischees zu enthüllen. Es ist - für den Bereich der Prosa muss man übrigens sagen: es war - tatsächlich beeindruckend, zu sehen, wie sie das, was jeder von uns jeden Tag auf der Straße an Klischeehaftem und Vorurteilsgesteuertem sehen und hören kann, einem Verdichtungs- und Zuspitzungsprozess unterzieht, der in der Regel ein lehrreich-schmerzhaftes Ergebnis hervorbringt. Es ist aber zugleich überraschend und enttäuschend, wie sehr immer dann, wenn die Jelinek das Reich ihrer Kunst verlässt und sich auf den politischen Boulevard begibt, auch sie selbst kaum mehr zustande bringt als Klischees und Vorurteile.

Staatskünstlerische Nestbeschmutzer" gegen "latente Faschisten":
die ewige Wiederkehr des sogenannten politischen Diskurses in Österreich. Sie könnte durchbrochen werden, wenn politisierende Künstler mit dem Eintritt in die politische Arena die dortigen Spielregeln respektieren. Und wenn Politik und Publikum bereit wären, sich den Zumutungen künstlerischer Zuspitzung gelassen auszusetzen und ihre erkenntnisfördernde Schmerzlichkeit zu ertragen. Das wird uns allen nicht gleich den Friedensnobelpreis eintragen, aber immerhin einen massiven Zugewinn an politischer Kultur.

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