• 02.10.2004, 18:44:18
  • /
  • OTS0031 OTW0031

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Krampf mit Kaiser Karl" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 03.10.2004

Graz (OTS) - Vor dem Schloss Miramare bei Triest, das der in
Mexiko erschossene Kaiser Maximilian, der Bruder von Kaiser Franz
Joseph, erbauen ließ, hängen Plakate mit dem Bild eines anderen
Habsburger-Kaisers. Über dem Porträt eines versonnen in die Ferne
blickenden jungen Mannes in prächtiger Uniform steht zu lesen:
"Beatificazione Carlo d'Austria". Darunter nur das Datum der
Seligsprechung, über die man sich unter einer Telefonnummer bei
Carlo-Verehrern in den Diözesen Görz und Triest informieren kann.

Die Seligsprechung Kaiser Karls als Postkarten-Kitsch. Für die
Mitglieder der Gebetsliga ist das der allein selig machende Zugang.
Kein Kratzer trübt das schöne Bild. Auch nicht der Hinweis, dass in
den blutigen Schlachten am nahe gelegenen Isonzo von den Truppen, die
unter dem Befehl des Kaisers Karl standen, Giftgas eingesetzt wurde.

Ein skrupelloser Machthaber war der letzte Kaiser wahrlich nicht,
doch auch nicht der Friedensengel, der die Völker von der Geisel des
Ersten Weltkriegs befreite. Er hat das Gute gewollt, aber sein
Spielraum war, als er 1916 auf den Thron folgte, durch den
Bündnispartner Preußen beschränkt. Vor allem waren seine Versuche,
das Schicksal noch zu wenden, ungeschickt und zum Scheitern
verurteilt.

Die Historiker sind sich in ihrem Urteil weitgehend einig. Die
Diskussion über die Seligsprechung hat die Figur Kaiser Karls nicht
mehr wie früher in Schwarz-Weiß gezeichnet. Im Vergleich zum
Habsburg-Kannibalismus vor vierzig Jahren, als ein Generalstreik
wegen der Ausstellung des Passes für Otto Habsburg drohte, ist das
ein Fortschritt. Trotzdem legen radikale Republikaner ihre
ideologisch gefärbten Brillen nie ab. Wie umgekehrt nostalgische
Monarchisten das heutige Spektakel, wenn auf der Fassade des
Petersdomes das Bild des letzten Herrschers aus dem Hause Habsburg
prangt,als Bestätigung des Gottesgnadentums werten.

Eine umstrittene Angelegenheit bleibt der Akt selbst für kirchentreue
Katholiken. Kaiser Karl war bestimmt ein frommer Mensch, aber das für
Seligsprechungen, die unter dem jetzigen Papst inflationäre Züge
angenommen haben, erforderliche Wunder entzieht sich dem
Menschenverstand: Im fernen Brasilien wurde eine polnische Nonne nach
der Anrufung des Kaisers von einem unheilbaren Venenleiden erlöst. Es
ist schwer, über das Krampfadern-Wunder keine Satire zu schreiben.

Politiker, seien es Kaiser, Präsidenten oder Kanzler, sollten nicht
selig gesprochen werden. Vor allem dann nicht, wenn ihr Handeln noch
vielen Menschen in Erinnerung ist. *****

OTS0031    2004-10-02/18:44

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel