"Kleine Zeitung" Kommentar: "Krampf mit Kaiser Karl" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 03.10.2004

Graz (OTS) - Vor dem Schloss Miramare bei Triest, das der in
Mexiko erschossene Kaiser Maximilian, der Bruder von Kaiser Franz Joseph, erbauen ließ, hängen Plakate mit dem Bild eines anderen Habsburger-Kaisers. Über dem Porträt eines versonnen in die Ferne blickenden jungen Mannes in prächtiger Uniform steht zu lesen:
"Beatificazione Carlo d'Austria". Darunter nur das Datum der Seligsprechung, über die man sich unter einer Telefonnummer bei Carlo-Verehrern in den Diözesen Görz und Triest informieren kann.

Die Seligsprechung Kaiser Karls als Postkarten-Kitsch. Für die Mitglieder der Gebetsliga ist das der allein selig machende Zugang. Kein Kratzer trübt das schöne Bild. Auch nicht der Hinweis, dass in den blutigen Schlachten am nahe gelegenen Isonzo von den Truppen, die unter dem Befehl des Kaisers Karl standen, Giftgas eingesetzt wurde.

Ein skrupelloser Machthaber war der letzte Kaiser wahrlich nicht, doch auch nicht der Friedensengel, der die Völker von der Geisel des Ersten Weltkriegs befreite. Er hat das Gute gewollt, aber sein Spielraum war, als er 1916 auf den Thron folgte, durch den Bündnispartner Preußen beschränkt. Vor allem waren seine Versuche, das Schicksal noch zu wenden, ungeschickt und zum Scheitern verurteilt.

Die Historiker sind sich in ihrem Urteil weitgehend einig. Die Diskussion über die Seligsprechung hat die Figur Kaiser Karls nicht mehr wie früher in Schwarz-Weiß gezeichnet. Im Vergleich zum Habsburg-Kannibalismus vor vierzig Jahren, als ein Generalstreik wegen der Ausstellung des Passes für Otto Habsburg drohte, ist das ein Fortschritt. Trotzdem legen radikale Republikaner ihre ideologisch gefärbten Brillen nie ab. Wie umgekehrt nostalgische Monarchisten das heutige Spektakel, wenn auf der Fassade des Petersdomes das Bild des letzten Herrschers aus dem Hause Habsburg prangt,als Bestätigung des Gottesgnadentums werten.

Eine umstrittene Angelegenheit bleibt der Akt selbst für kirchentreue Katholiken. Kaiser Karl war bestimmt ein frommer Mensch, aber das für Seligsprechungen, die unter dem jetzigen Papst inflationäre Züge angenommen haben, erforderliche Wunder entzieht sich dem Menschenverstand: Im fernen Brasilien wurde eine polnische Nonne nach der Anrufung des Kaisers von einem unheilbaren Venenleiden erlöst. Es ist schwer, über das Krampfadern-Wunder keine Satire zu schreiben.

Politiker, seien es Kaiser, Präsidenten oder Kanzler, sollten nicht selig gesprochen werden. Vor allem dann nicht, wenn ihr Handeln noch vielen Menschen in Erinnerung ist. *****

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