• 01.10.2004, 17:57:41
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"Die Presse"-Kommentar: "Vom richtigen Gebrauch der Geschichte" von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 2.10.2004

Wien (OTS) - Die politischen Kontroversen rund um die
Seligsprechung des letzten österreichischen Kaisers zeigen:
Gelegentlich besteht der Pluralismus in solchen Debatten nur darin,
dass die Argumente unterschiedlich schlecht sind. Die etwas
fanatischeren Anhänger des Habsburgers meinen, die Kritiker der
Seligsprechung seien geschichtsvergessene Antichristen. Und der
ehemalige Ministrant Josef Cap will uns weismachen, dass die
Teilnahme hoher staatlicher Würdenträger an diesem kirchlichen Akt
einen Anschlag auf die republikanische Gesinnung der österreichischen
Massen darstellt.
Je nun. Die Diskussionen über die Sinnhaftigkeit von Seligsprechungen
im Allgemeinen, diejenigen von politischen Akteuren im Besonderen,
jene von Herrschern im Speziellen und von Habsburgern im noch
Spezielleren werden am Montag schlagartig beendet sein.
Was über den Montag hinaus andauern wird, ist eine spezifisch
österreichische Unfähigkeit zum angemessenen öffentlichen Umgang mit
der Geschichte.
Man mag den skurrilen Streit darüber, ob auf die Fürsprache des
letzten Kaisers nur ordinäre Krampfadern geheilt wurden oder doch
eine lebensbedrohende Venen-Erkrankung, mit Amusement verfolgen. Die
dahinter stehende Frage nach dem rechten "Gebrauch der Geschichte"
verdient durchaus ernsthafte Behandlung.
Geschichtsschreibung besteht bekanntlich nicht darin, darzustellen,
"wie es wirklich war". Die Zeugnisse und Dokumente, die uns zur
Verfügung stehen, stellen immer nur einen Ausschnitt aus den
vergangenen Wirklichkeiten dar. Wir sind also auch in der
wissenschaftlichen Geschichtsschreibung darauf angewiesen, im
alltäglichen Sinn des Wortes "Geschichten zu schreiben". Wir befinden
uns auch bei strengster Faktentreue tief im Gebiet der Spekulation
darüber, wie es wirklich war: Wir wissen ja nicht, was wir alles
nicht wissen.
Am Ende kommen wir - ganz wie die zuständige Kommission im
Seligsprechungsverfahren - nicht darum herum, uns im Falle
widersprüchlicher Zeugnisse für die eine oder andere Lesart der
Geschichte zu entscheiden.
Gewiss, man könnte sich auf einen wissenschaftlich-skeptischen
Standpunkt zurückziehen: "Wir können es nicht mit letzter Gewissheit
sagen, also lassen wir es offen." Spätestens dann, wenn es um Fragen
der nationalen oder staatlichen Identität geht, lässt sich dieser
Standpunkt schwer aufrecht erhalten. Wir haben das in den vergangenen
Jahren oft genug erlebt: 1998 etwa, in den Debatten zum Thema "60
Jahre Anschluss", hätte man die Frage "War Österreich Täter oder
Opfer?" redlicherweise mit "Sowohl als auch" beantworten müssen.
Dasselbe gilt für das heurige 34er Gedenken: Engelbert Dollfuß war
Zerstörer der Demokratie und erstes Opfer der Nationalsozialisten.
Worum geht es also bei Ereignissen wie der Seligsprechung Karls I.
oder den Jubiläen (60 Jahre Kriegsende, 50 Jahre Staatsvertrag und
vieles mehr), wie sie uns im kommenden Jahr ins Haus stehen? Konrad
Paul Liessmann meinte kürzlich bei einem "philosophischen
Mittagessen", es handle sich in erster Linie um die Frage, "welche
Mythen es wert sind, weitererzählt zu werden". Anders gesagt:
Jubiläen sind die öffentlichen Schauplätze eines - natürlich
politischen - Kampfes um die Deutungshoheit über das, was wir
Geschichte nennen.

Die Auseinandersetzung verspricht diesmal besonders intensiv zu
werden: Etliche professionelle Teilnehmer - Historiker,
Schriftsteller, Intellektuelle - aus der 68er-Generation werden ihn
als letzte Möglichkeit sehen, ihr Deutungsmonopol der
österreichischen Geschichte des 20.#Jahrhunderts aufrecht zu
erhalten. Es beruht darauf, dass sie erfolgreich den Eindruck
erweckten, sie könnten berichten, "wie es wirklich war".
Wenn alle Teilnehmer ihre politischen Interessen offen legen,
erwarten uns 2005 sehr interessante Debatten.

[email protected]

Ob Seligsprechung oder Jubiläum: In historischen Debatten geht es vor
allem um die politische Deutungshoheit.

OTS0243    2004-10-01/17:57

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