- 23.09.2004, 18:24:33
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"DER STANDARD"-Kommentar:"Bahn im Tunnel ohne Ausfahrt" von Luise Ungerboeck
Die Auswahl der neuen ÖBB-Führung ist ein verkehrspolitisch bedenkliches Signal - Ausgabe vom 24.9.2004
Wien (OTS) - Ein Bild mit Symbolkraft: Der größte
Mobilitätskonzern des Landes, die Österreichischen Bundesbahnen,
bekommen einen neuen Chef - und berufen wird nicht ein
Verkehrsmanager, sondern ein Immobilienspezialist.
Für die Kanzlerpartei dennoch ein Tag der Freude. Erstmals seit 30
Jahren steht im Führerstand des staatlichen Eisenbahnkonzerns kein
Roter, sondern ein Schwarzer. Die Blauen, denen man den roten Riesen
bei der Wende zusammen mit den Resten der Verstaatlichten eigentlich
überlassen hatte, wurden wieder einmal ausgebremst.
Die Ära vorm Walde (2001-2004) ist im Prinzip nicht mehr als eine
unbedeutende Verirrung. Denn "VW" wurde zwar von einer FPÖ-
Ministerin geholt, als es aber um die Teilung der
Geldvernichtungsmaschine Bahn und die Auswahl seiner persönlichen
Berater ging, entwickelte er bald mehr Affinität zur SPÖ als zu den
Blauen. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben wurde er heimlich sowieso
"rote Socke" genannt.
Leicht wird es Baumanager Martin Huber, mit diversen
Tunnelbauprojekten bisher einer der großen Auftragnehmer der ÖBB,
nicht haben. Denn die Bahn ist ein einziges Problem. An welcher
Schraube auch gedreht wird, das ganze System droht zu entgleisen. Zum
Chaos der Zerteilung in mehr als zehn Gesellschaften unter dem
Holdingdach kommt die durch Bauprojekte bedingte notorische Geldnot,
deren Zinslast das Unternehmen schwer belastet.
Dass die ÖBB in einem Tunnel ohne Ausfahrt unterwegs sind, haben
mittlerweile sogar die ÖBB-Aufsichtsräte überlauert. Vielleicht haben
sie ja gerade deshalb einen Tunnelbauer engagiert. Der wird dem
Finanzminister zwar auch keine Millionen herausbohren, sich aber ganz
bestimmt für einen Baustopp bei den verkehrspolitisch unnötigen
Projekten à la Koralmtunnel stark machen.
Spaß beiseite. Ohne der neuen schwarzen Bahnführung - auch
Finanzvorstand Erich Söllinger ist der VP zuzurechnen - zu nahe
treten oder gar deren Managementqualitäten infrage stellen zu wollen:
Dass es in ganz Europa keinen einzigen Verkehrs- oder Bahnmanager
gibt, der in der auf dem politischen Verschubbahnhof gelandeten ÖBB
die Weichen Richtung Wettbewerbsfähigkeit stellen kann, ist kaum zu
glauben.
Im Gegenteil. Es gibt viele Hinweise dafür, dass der Zielbahnhof der
ÖBB ein ganz anderer ist, als von der offiziellen Politik vorgegeben
wird. Einer ist, dass ausgerechnet das Immobilienkonzept des neuen
Chefs überzeugt haben soll. Passt wunderbar, schließlich hat die Bahn
jede Menge Immobilien, viele davon in besten Zentrumslagen. Die
lassen sich sicher exzellent verwerten, und es kommt Geld in die
leeren Kassen der Bahn.
Wie das neue Güterverkehrskonzept (dort verdienen die ÖBB richtiges
Geld!) aussehen oder wie Betrieb und Erhaltung des Systems Schiene
gesichert werden können, das interessiert genau niemanden. Das aber
sind die wichtigen Fragen, für die es dringend Antworten braucht. Wie
die vergleichsweise kleine Bahn im liberalisierten Schienen-Europa
überleben könnte, ohne plattgefahren und so endgültig zur unrentablen
Last für den Steuerzahler zu werden.
Im Güterverkehr stehen im Prinzip drei Varianten zur Auswahl. In
Kooperation mit der übermächtigen Deutschen Bahn fahren, im Verbund
mit unseren Nachbarländern gegen die Deutsche Bahn oder - die
aussichtsloseste - allein gegen die Deutsche Bahn. Seit fast zwei
Jahren gibt es keine Entscheidung, weil nur um Posten und Milliarden
für weitere (sinnlose) Bauprojekte gefeilscht wird. Und die
Konkurrenz ist auf der Überholspur.
Damit sollte klar sein, dass das Ziel der schwarz-blauen Bahnfahrt
wohl nur Zerschlagung und Verkauf sein kann. Eine
Infrastrukturholding, in der die Lebensadern der Republik gebündelt
werden, braucht es dafür nicht. Sie wäre nur ein weiteres Spielzeug
für den überforderten Infrastrukturminister Hubert Gorbach, das die
Bürger teuer zu stehen käme.
Das macht ein Sektionschef besser. Und billiger.
OTS0261 2004-09-23/18:24
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