"Kleine Zeitung" Kommentar: "Langsam wird Grassers Dreh ein durchschaubarer Schmäh" (Von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 17.09.2004

Graz (OTS) - Schon das Schauspiel war verräterisch: Mit großer Geste verkündete der zwischendurch strahlend lächelnde Karl-Heinz Grasser auf der abgewohnten Couch im Klub der Wirtschaftspublizisten die Hiobsbotschaft: Bis zum Jahresende drohe dem Staatssäckel ein Loch von gut einer Milliarde Euro. Das Staatsdefizit werde daher selbst im günstigsten Fall mit 1,4 Prozent zumindest doppelt so groß werden wie ursprünglich geplant, kündigte der Finanzminister an.

Und dann blattelte er sich selber auf: Der drohende Steuerausfall in diesem Ausmaß sei auch den Experten und Finanzämtern weit gehend unerklärlich, sagte Grasser in gespielt ratloser, für ihn völlig untypischer Manier: Denn gewöhnlich versteht es das Selbstvermarktungsgenie Grasser, auch noch so schräge Tatbestände mit dem Anschein großer Seriosität zu argumentieren und selbst gröbere Misserfolge als Glanztaten zu verkaufen.

Das macht stutzig. Hat Grasser nicht schon öfter zunächst den Teufel an die Wand gemalt, um sich dann schließlich, als sich die Dinge doch besser darstellten wie zunächst hinaus posaunt, darin zu sonnen, der beste Finanzminister aller Zeiten zu sein?

Zweimal hat er die Methode schon strapaziert: Etwa, als er das 2001 dank diverser Sonderfaktoren erzielte Nulldefizit zunächst offiziell für 2002 angepeilt hatte. Als das Jahrhundert-Ereignis dann ein Jahr früher passierte, warf er sich entsprechend in die Brust. Auch im Vorjahr malte er anfangs einen viel dramatischeren Budgetvollzug an die Wand, der ihn schließlich - als es so schlimm nicht geworden war - wieder gut da stehen ließ. Momentan hat Grasser auch noch einen etwas weniger egozentrischen Grund, die Dinge schlimmer darzustellen als sie sind: Die Verhandlungen mit den Ländern und Gemeinden über den Finanzausgleich spießen sich, sind in der heiklen Phase. Da nützt es seiner auf größtmögliche Knausrigkeit abgestellten Verhandler-Position, die ach so leeren und löchrigen Hosensäcke nach außen zu stülpen und dabei laut zu schreien: Schaut her, ich habe doch kein Geld!

Freilich sind die Staatsfinanzen nicht im Lot. Doch so arg, wie Grasser tut, ist die Lage nicht. Zudem hat er bei der Budgetplanung, monatelang abgelenkt durch nötige (Homepage-)Selbstverteidigung, auch handwerkliche Fehler gemacht, sagen Experten. Prinzipiell ist Grasser Methode, absichtsvoll schwarz zu malen, verständlich: Das bremst Begehrlichkeiten. Jedoch nur, so lange der Dreh nicht zu oft versucht wird. Sonst wird er durchsichtig, geht er, wie inzwischen, erbärmlich daneben. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001