"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum Europa nur bis zum Bosporus reichen sollte" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 15.09.2004

Graz (OTS) - Wo beginnt Europa, und wo endet es? Eine der vielen Ungereimtheiten, die mit der Frage nach unserer gemeinsamen europäischen Identität verbunden sind, ist, dass Nichteuropäer sie viel leichter beantworten können als wir Europäer selbst.

Europa das sind seine Musik, seine Malerei, seine Philosophie, seine Architektur und seine Literatur. Europa, das ist aber auch seine Religion. Ohne das Christentum mit seinen jüdischen Wurzeln sein revolutionäres Menschenbild hätte sich unsere politische Kultur, basierend auf der Würde und Freiheit der Person nie entwickeln können. Ähnliches gilt für Menschenrechte und Rechtsstaat und - dies als besondere Pointe - selbst für die Aufklärung.

Voltaire, Rousseau und Kant sind in ihrer Vernunftbetontheit nur als Gegenbewegung zu dem von ihnen als irrational empfunden christlichen Offenbarungsglauben verständlich.

Ob es einem also gefällt oder nicht: Die Prägung Europas durch das Christentum zu leugnen, hieße einen Teil unserer eigenen Identität zu verdrängen.

Das bedeutet nicht, dass Europa notwendigerweise ein christlicher Club sein muss. Dies würde nicht nur unser Verständnisvon Toleranz und Pluralismus ad absurdum führen, auf das wir Europäer zu Recht so stolz sind. Es würde auch negieren, dass das Christentum in Europa ausgedünnt und in Ländern wie Frankreich überhaupt nur mehr in Glutnestern vorhanden ist. Vor dieser Säkularisierung die Augen zu verschließen, wäre ebenso verbohrt wie aus Gründen der "political correctness" die kulturelleFremdheit und die fundamentalen Unterschiede zu übersehen, die die Türkei von Europa trennen.

Europa ist mehr als eine empirische Tatsache. Es ist ein Ideal. So eindrucksvoll die Reformen Ankaras auch sein mögen: Die Türkei bleibt ein zwischen Gottesstaat und moderner Demokratie, zwischen Tradition und Moderne zerrissenes Land ist, in dem nun sogar ernsthaft erörtert wird, ob Ehebruch mit Kerker bestraft werden soll.

Nach wie vor werden türkische Töchter von ihren Vätern zwangsverheiratet und Mädchen, die vergewaltigt wurden, aus Gründen der "Familienehre von ihren Brüdern umgebracht.

Was ändert es für die Opfer, wenn in türkischen Gefängnissen zwar nicht mehr systematisch aber doch gefoltert wird? Entscheidend muss daher sein, ob die Türkei bereit ist, ein europäisches - und damit stark christlich geprägtes Wertegefühl auszuformen. Ist das für eine islamische Gesellschaft möglich? Wenn ja, sicher nicht von heute auf morgen: Deshalb: Nein zum überhasteten EU-Beitritt: Ja zur Freundschaft.****

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