• 14.09.2004, 11:46:53
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ORF-Doku erinnert an den "Bombenkrieg über Österreich"

Seltenes Filmmaterial von Starregisseur William Wyler

Wien (OTS) - Am 12. September 1944 wurde Wien erstmals von den
westlichen Alliierten schwer bombardiert, 60 Jahre später zeigt ORF 2
am Freitag, dem 17. September 2004, um 21.20 Uhr die Dokumentation
"Gefährliche Himmel - Bombenkrieg über Österreich" von Helene
Maimann. Wie erlebten die Österreicher diesen Luftkrieg? Und wie
erinnern sich heute Besatzungsmitglieder der ehemaligen US-Crews an
die verheerenden Angriffe? Der Film erzählt von Menschen und
Maschinen im Krieg: von den US-Soldaten, die die Besatzungen der
schweren Bomber bildeten; von den Spezialisten, die jeden einzelnen
Angriff bis ins Detail planten; von den Menschen, die in Bunkern
ausharrten. "Mir ist es vor allem darauf angekommen, die Menschen zu
zeigen, die diesen Krieg erlebt haben - und zwar auf beiden Seiten",
erklärt Helene Maimann. "Ich glaube, man muss dem ehemaligen Gegner
zuhören, um die damalige Situation nach 60 Jahren überhaupt verstehen
zu können. Dieser Krieg wurde ganz unterschiedlich erlebt. Daher
haben wir mit Zeitzeugen in Österreich und in den USA gedreht - auf
amerikanischer Seite vor allem mit den Bombenschützen. Denn die haben
die Bomber während der Angriffe geführt."

In verschiedenen Interviewsequenzen berichten die Zeitzeugen von
ihren Erlebnissen im Bombenkrieg. "Wenn dein Einsatz nach Wien ging,
war es zweifelhaft, ob man überlebte", sagt Bob Reichard von der 456.
Bombergruppe. Und auch James Alter von der 780. Bombergruppe erinnert
sich: "Das waren gefährliche Himmel!" Die große Angst der Amerikaner
war 1944 nicht mehr die Luftwaffe - die war kaum mehr existent -
sondern die deutsche Flak. Der Alltag unter dem Bombardement war hart
und entbehrungsreich. "Wir sind ja kaum schlafen gegangen, ist schon
wieder der nächste Alarm gewesen", so Frau Seitl. Erinnerungen an das
stundenlange Herumirren nach einem Angriff in den unterirdischen
Katakomben Wiens, bis man wieder herauskam. An das Leben der
jugendlichen Flakhelfer, die aus den Schulen direkt an die Geschütze
einberufen wurden. An den Arbeitseinsatz der Frauen, die die Männer
ersetzen mussten. An die Angst vor Terror, KZ, Spitzeln und der
Gestapo, die bei den Verfolgten des NS-Regimes weitaus größer war als
die Angst vor den Bomben. Und an die Furcht vor Verrat, die auch die
Familien selbst spaltete. "Der Großvater ist ein Nazi geworden",
erzählt Frau Fischer. "Darum haben nur meine Mutter, meine Großmutter
und ich die BBC gehört. Den Großvater haben wir schlafen geschickt
... Immer ist man beobachtet worden. Da haben Sie nichts dagegen
sagen dürfen, das war der Tod."

Helene Maimann verwendete für ihren Film unter anderem Material aus
den National Archives in Washington, das in dieser Form bisher in
Österreich nicht zu sehen war. "Es gibt sehr viel und gut erhaltenes
Filmmaterial von den Luftangriffen, teilweise in Farbe", sagt Helene
Maimann. "Das ist auch ein Thema des Films: Die US-Amerikaner haben
ihre Angriffe aus den Flugzeugen mitgefilmt. Etablierte
Hollywoodregisseure wurden eingezogen und haben den Krieg
dokumentiert. Wir haben Material von William Wyler verwendet, der bei
der Air Force gewesen ist. Und dann gibt es Tausende
Aufklärungsfotos, die nach den Angriffen aufgenommen worden sind, um
das Ergebnis festzustellen. Denn die Amerikaner wollten einen
präzisen und effizienten Luftkrieg gegen strategische Ziele führen.
Das ist aber nur teilweise gelungen. Viele Tausend Bomben sind in die
Wohngebiete rund um die Industrieanlagen und Verkehrsknotenpunkte
gefallen. Das, was man heute Kollateralschäden nennt, wurde in Kauf
genommen und nicht weiter registriert. Aber viele unter den
US-Veteranen legen heute Rechenschaft ab, was sie unter der
Zivilbevölkerung angerichtet haben." Wie Bill Neutzling, der in
"Gefährliche Himmel" sagt: "Wir haben das damals nicht gesehen. Aber
wir haben es später herausgefunden."

Spurensuche in Luftschutzkellern und Flaktürmen

Der Luftkrieg wurde aus großer Höhe - 5.000 bis 7.000 Meter -
geführt. Schon vor dem 12. September 1944 wurden die Industriezentren
von Wien, Wiener Neustadt und Linz massiv getroffen. Die Mur- und
Mürzfurche, Steyr, Graz, Klagenfurt und Eisenbahnknotenpunkte wurden
immer wieder angegriffen und - wie Attnang-Puchheim - fast
vollständig zerstört. Der Film geht auf Spurensuche in Keller,
Flaktürme und Luftschutzkeller. 1943 kam Österreich - damals Teil des
Deutschen Reichs - mit dem Vorrücken der Amerikaner in Italien in die
Reichweite der 15. US-Luftflotte. Um Foggia, nahe dem italienischen
Stiefelsporn, etablierte die 15. Air Force ihre zweite Luftflotte,
legte einen Flugplatz neben dem anderen an und stationierte Tausende
Maschinen und die dazugehörenden Besatzungen. Am 12. September 1944
startete der erste Großangriff auf Wien mit 350 Bombern - B 17 und B
24. Ab Ende des Jahres erreichte der Luftkrieg über Österreich seinen
ersten Höhepunkt - bis zum Kriegsende Ende April 1945 fielen rund
120.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben.

Gegen Kriegsende wollten die Amerikaner die barocken Schlösser in
Salzburg - Leopoldskron, Kleßheim - und die Feste Hohensalzburg
zerstören, weil sie dort die Schlupfwinkel der NS-Führung vermuteten.
Glücklicherweise kamen sie in letzter Minute davon ab. Im April 1945
hatte der Bombenkrieg der Amerikaner sein Ziel erreicht: Die
kriegswichtige Industrie und die Rohstoffversorgung waren zerstört,
die einrückenden Alliierten konnten - wenn man vom Kampf um Wien
absieht - das Land relativ rasch befreien. Der Bombenkrieg hatte
wesentlich dazu beigetragen, die Niederlage des NS-Regimes zu
beschleunigen.

OTS0110    2004-09-14/11:46

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