Was tun? Eine Welt im Würgegriff des Terrors

"Presse"-Leitartikel vom 4.9.2004, von Andreas Unterberger

Wien (OTS) - Die ängstlich vor den Schüssen fliehenden Kinder in ihren ärmlichen Unterhosen. Der gierige Griff der befreiten Geiseln zu den Wasserflaschen nach Tagen ohne Versorgung. Der Abtransport blutverschmierter Leiber. Die verzweifelten Gesichter der wartenden Mütter. Das Chaos der russischen Einsatzkräfte.
Wir werden diese Bilder lange nicht vergessen können, vom oft lebenslangen Trauma der Opfer gar nicht zu reden. Wir werden _ wie so oft bei russischen Geiseldramen _ noch lange nicht genau erfahren, was sich im Einzelnen abgespielt hat und wie es passieren konnte, dass die Geiselnehmer entkommen konnten. Wir werden vor allem immer wieder fragen: Warum? Was tun? Stehen wir wirklich einem immer bösartiger werdenden Geschwür hilflos gegenüber?
Leicht, wenn auch schmerzlich ist die Antwort auf die zuletzt gestellte Frage: Ja, letztlich sind wir wehrlos, es gibt keinen absoluten Schutz gegen solche Verbrechen. Bei Planspielen hat man allein für die Großstadt Wien 200 gefährdete Ziele ausgemacht. Wenn man nun auch jede Schule als exponiertes Ziel einordnen muss, wenn letztlich jeder U-Bahn-Zug, jeder Autobus zum disponiblen Ziel massenhafter Erpressung wird: Dann darf man die Idee abhaken, durch defensive Maßnahmen wirkliche Sicherheit herstellen zu können. Seit der islamische Terrorismus mit bereitwillig den Tod suchenden Tätern kämpft, ist absoluter Schutz undenkbar.
Das heißt nun nicht, dass defensive Maßnahmen überflüssig wären. Die USA wie vor allem Israel haben auf diese Weise unstreitig ein Vielfaches der tatsächlich passierten Anschläge verhindert. Auch wenn das noch keine Rechtfertigung ist, den israelischen Grenzzaun tief drinnen im Palästinensergebiet zu errichten. Auch wenn jede eventuelle Einschränkung der Grundrechte sehr genau zu prüfen ist. Auch wenn die Maßnahmen oft unzureichend sind: So ist vor kurzem bei einer Amerika-Reise eine besonders genau gefilzte Mitreisende nachher draufgekommen, dass sie ein Schweizer Armeemesser im Handgepäck hatte _ welches jedoch nicht entdeckt wurde.
Genauso unmöglich ist es, alle Motive des Terrors zu beseitigen. Es zeigt sich zum einen _ im Gegensatz zu vielgepredigten Illusionen _, dass es in den meisten Fällen gar nicht die Armut ist, die den Untergrund zum Terrorismus liefert. Es sind vielmehr religiöse und vor allem nationale Motive, die Menschen zu selbstmörderischen Terroraktionen treiben. Es ist mehr als legitim, das Selbstbestimmungsrecht etwa der Tschetschenen wie auch der Palästinenser zu unterstützen _ jedoch aus Gerechtigkeit und nicht als Antwort auf terroristische Erpressung. Genauso wie bei den Kurden und vielen anderen Völkern.
Was aber tun mit einer Religion wie dem Islam, auf dessen Unterbau dubiose Prophezeiungen fürs Jenseits viele zu Mord und Selbstmord für Forderungen treiben, die weit über das Selbstbestimmungsrecht hinausgehen? Sogar Frankreichs Kopftuchverbot war nun schon Ziel des Terrors.
Vor allem aber muss gelten: Ein Staat darf sich nicht erpressen lassen (wie es leider von Spanien bis zu den Philippinen zuletzt reihum passiert ist). Denn jeder Erfolg einer terroristischen Erpressung motiviert zu vielen neuen. Wie es übrigens auch die große Aufmerksamkeit und damit Berichterstattung tut, die jeder Anschlag auslöst _ nach dem Motto: Je schlimmer die Tat, umso mehr Sondersendungen.
Könnte aber Kompromisslosigkeit aller Regierungen zum Ende des Terrorismus führen? Auch das lässt sich nicht absolut sagen. Denn Fanatiker sind oft rationalen Erwägungen nicht zugänglich, insbesondere wenn sie religiös motiviert sind. Zum anderen gibt es immer eine Grenze, wo es absurd wird zu sagen: Es geschehe Gerechtigkeit, selbst wenn die Welt darob unterginge.
So viel wir auch gegen Terror tun können, so klar ist zugleich, dass diese Kriegsform des 21. Jahrhunderts nicht mehr ganz ausrottbar ist.

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