- 27.08.2004, 10:52:14
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Dem Geheimnis des Eisernen Brunnens auf der Spur
Er ist Wahrzeichen der steirischen Stadt Bruck an der Mur und ein schmiedetechnisches Meisterwerk. Und doch fehlt dem Eisernen Brunnen eine kunsthistorische Aufarbeitung.
Bruck an der Mur (OTS) - Jede Stadt hat ihre Wahrzeichen. Eine
Postkarte aus Bruck an der Mur zeigt gern das Kornmesserhaus, den
Schloßberg mit seinem Uhrturm und eben den Eisernen Brunnen. Dabei
handelt es sich zu Recht um ein beeindruckendes Kunstwerk.
Der Eiserne Brunnen ist der künstlerisch bedeutendste
schmiedeeiserne Brunnen der Steiermark. Jährlich besuchen Touristen
aus dem In- und Ausland die Stadt, um den Eisernen Brunnen aus der
Nähe zu betrachten. Seit dem 17. Jahrhundert steht er auf dem
Hauptplatz. So prominent der Brunnen aufgrund seines Aussehens ist,
so wenig erforscht ist seine Herkunft. Dabei wäre eine
wissenschaftliche Aufarbeitung längst an der Zeit. In Bruck versucht
man nun im Zuge einer Restaurierung eine Annäherung an das Wesen des
Brunnens und ist seinem Geheimnis und seiner Geschichte auf der Spur.
Die Erste, die dem Eisernen Brunnen näher kommt, ist Mag. Verena
Krehon, Fachrestauratorin für Metallobjekte. Sie führt in diesem Jahr
eine Befundung des Brunnens durch, d.h. eine Bestandsaufnahme.
Antworten auf Fragen wie "In welchem Zustand ist der Brunnen?", "Wie
ist der statische Zusammenhalt?" sucht sie direkt am Objekt. Auch
Krehon ist von der Einzigartigkeit des Eisernen Brunnens fasziniert:
"Das Außergewöhnliche ist die Kombination von künstlerischer
Gestaltung und schmiedetechnischer Verarbeitung", erklärt sie.
Prachtstück des Brunnens ist die eiserne Brunnenlaube. Wann genau
sie errichtet wurde, ist ebenso unbekannt wie der Name des Künstlers.
"Es war auf jeden Fall ein Kunstschmied. Das zeigt die Liebe zum
Detail. Die Darstellungen sind Meisterarbeit", weiß Krehon. Jedes
Laubblatt ist einzigartig, die Spindelblumen fein gearbeitet, ganz in
der Tradition der Renaissance. Später wurden um den Reif realistische
Tierfiguren angebracht. Die Verzierungen faszinieren nicht nur
Kunstexperten. Vor einigen Jahren mussten sie teilweise nachgebaut
werden, da "Souvenirjäger" sie vom Brunnen gerissen hatten.
Auch das Entstehungsdatum des Brunnens lässt sich nicht genau
bestimmen. Jedenfalls gab es 1613 die Idee zur Errichtung eines
dauerhaften Brunnens. 13 Jahre später renovierte der Steinmetzmeister
Hans Prasser den Steinkranz des Brunnens und verewigte sich mit
seiner bekannte Innschrift "Ich Hans Prasser..." darauf. Das
schmiedeeiserne Umfassungsgitter wurde aus Sicherheitsgründen 1693
angebracht und zeichnet sich ebenfalls durch eine sorgfältige
Bearbeitung aus.
Krehon wird ein wenig Licht in die Vergangenheit des Brunnens
bringen, zumindest was den technischen Aufbau betrifft. Die
Restauratorin wird die historischen Herstellungstechniken aufzeigen.
Damals waren aber Handwerk und Kunst stark vernetzt. Eine
kunsthistorische Aufarbeitung der steirischen Schmiedearbeit in Form
von Dissertationen oder Diplomarbeiten wünscht sich auch Krehon. Der
Eiserne Brunnen dürfte so einiges erlebt haben. Das zeigen schon ein
paar bekannte Anekdoten.
Wussten Sie zum Beispiel, dass es den Eisernen Brunnen auch in
Wien gibt? Beim Museum für Angewandte Kunst steht ein Duplikat aus
dem vorigen Jahrhundert. Der Kunstsammler Nathaniel Rothschild wollte
1925 das Brucker Wahrzeichen für sein Museum erwerben und im Gegenzug
der Stadt ein Spital errichten. Eine Kampagne der nationalen Presse
hat angeblich die Gemeindevertretung von dem Handel abgehalten.
Fakt ist, dass der Brucker Bevölkerung "ihr" Brunnen am Herzen
liegt. Bruck an der Mur ohne Eisernen Brunnen am Hauptplatz wäre wie
Paris ohne Eifelturm. Doch wie werden die Brucker reagieren, wenn der
Brunnen seine Farbe wechselt? Vielleicht verliert der Eiserne Brunnen
sein charakteristisches Schwarz. Denn bei der Bestandsaufnahme
analysiert die Restauratorin auch die ursprünglichen
Farbbeschichtungen. Auch wenn manche Fragen zum Brunnen offen
bleiben, eines ist sicher: Im 17. Jahrhundert wurden Schmiedeeisen
bunt gestaltet. Ein Eiserner Brunnen in Knallfarben a la Disneyland?
Krehon beruhigt: "Im Prinzip wird nichts verändert, denn die
Formgebung ist dominant. Mögliche Farben sind sicher dezent. Nur
waren damals die Eisen sicher nicht schwarz, sondern möglicherweise
blau oder grün." Die erfahrene Restauratorin hütet sich aber davor,
Kunstwerke zu verfälschen oder zu verkitschen. Sie möchte bei ihrer
Arbeit stets das Authentische erhalten.
Die Brucker lassen sich "ihren" Brunnen ohnehin nicht
verschandeln. Schon einmal gab es Diskussionen um das Aussehen des
Wahrzeichens. Als das dominante Schwungrad 1883 angebracht wurde, war
ein Teil der Bevölkerung beleidigt und sprach von einer "Schande für
die Stadt".
Eine Schande wird die Restauration für Bruck an der Mur mit
Sicherheit nicht. Im Gegenteil. Die Stadt betreibt ein umfangreiches
und engagiertes Programm zur Erhaltung ihrer Denkmäler. "Jedes
Kunstwerk hat seine eigene Geschichte, die erhalten werden soll. Beim
Eisernen Brunnen kommen wir ihr erst allmählich auf die Spur. Es
würde mich sehr freuen, wenn sich Kunsthistoriker der Sache
anschließen würden", so der Brucker Bürgermeister Bernd Rosenberger.
Der Eiserne Brunnen wird nun professionell und mit entsprechender
Qualität restauriert. Schließlich sollen Touristen auch in Zukunft
dem Geheimnis des Kunstwerks nachgehen können. Vielleicht sehen sie
ja Hexen und finstere Gestalten nachts um den Brunnen schleichen.
Eiserner Brunnen und Mythos eben.
OTS0066 2004-08-27/10:52
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