"Kleine Zeitung" Kommentar: "Olympia ist wieder in seiner generalüberholten Hauptstadt" (von August Kuhn)

Ausgabe vom 14.08.2004

Graz (OTS) - Athen galt als der logische Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 1996. 100 Jahre nach 1896, als in Griechenland die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit mit 250 Sportlern aus 14 Ländern in neun Sportarten (Fechten, Gewichtheben, Leichtathletik, Rad, Ringen, Schießen, Schwimmen, Tennis und Turnen) stattfanden. Doch nicht Athen bekam den Zuschlag, sondern Atlanta, die Metropole von Coca-Cola.

So viel zum Thema Tradition, das innerhalb des Internationalen Olympischen Comitees (IOC) längst durch ein anderes, wesentlich passenderes Wort abgelöst wurde: Korruption.

Atlanta bot die schlechtesten Sommerspiele, mit Chaos als ständigem Begleiter und uninteressierten, mäßig motivierten Mitarbeitern. 2000 war Sydney an der Reihe - mit den besten Spielen aller Zeiten.

Als es um die Bewerbung für die Spiele 2004 ging, hatte sich Griechenlands Staatspräsident Konstantinos Stefanopoulos (77), der in den letzten Jahren zwei Mal zum populärsten Griechen gewählt wurde, für die harte Gangart gegenüber dem IOC entschieden. Zum Entsetzen der jetzigen OK-Chefin Gianna Angelopoulos-Daskalaki erklärte er im Rahmen einer Präsentation vor dem IOC, Griechenland werde sich nie wieder bewerben, sollte man auch die Sommerspiele 2004 nicht zugesprochen bekommen.

Athen machte das Rennen. Ein Trostpreis, mit dem nicht alle Griechen eine Freude hatten, weil es ein Massenspektakel mit 10.000 Athleten aus 200 Nationen in 300 Disziplinen ist, das fast ausschließlich aus Steuergeldern finanziert wurde: Knapp acht Milliarden Euro Kosten, sechs Milliarden davon flossen in Sportstätten, Infrastruktur und Sicherheit. Das "Gegengeschäft" kann sich sehen lassen: der neue Flughafen, die Autobahn, der Ausbau des öffentlichen Verkehrs, die hypermodernen Stadien.

Athen hat einen neuen Namen: die generalüberholte Hauptstadt. Viel besser könnte man nicht beschreiben, was sich hier getan hat. Aber auch den Kummer der Athener muss man kennen, die in den letzten fünf Jahren mit Baustellen und Verkehrschaos leben mussten. "Mein Auto", erzählt ein junger Athener, "hatte eine Dreckschicht, dass ich nicht mehr wusste, welche Farbe es hatte."

Jetzt sind sie nur noch stolz. So stolz, dass sie (fast) alle hier geblieben sind, obwohl Athen im August sonst eine ausgestorbene Stadt ist. Sie wollen miterleben, wie die Welt auf das generalüberholte Athen und die Spiele 2004 reagiert. Die Antwort wird es erst am 29. August geben. Wenn der Vorhang wieder fällt. ****

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