• 12.08.2004, 18:34:04
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Zurück in die olympische Zukunft" von Fritz Neumann

Teure Spiele, billige Schmähs - Die Geister, die man rief, wird man nicht mehr los - Ausgabe vom 13.08.2004

Wien (OTS) - Insgesamt mag sich manchmal die Frage stellen, ob
sich der Mensch weiterentwickelt. Olympisch gesehen, ist er, der
Mensch, wieder dort angekommen, wo er Jahrhunderte vor Christus war.
Von ein paar Kleinigkeiten wie der Tatsache vielleicht abgesehen,
dass im antiken Olympia mit dem Leonidaion ein einziges Hotel stand,
das Ehrengästen vorbehalten war, während die übrigen Besucher
allesamt im Freien schliefen.

Doch die Sportler waren Vollprofis. Nur ganz zu Beginn blieben
Teilnahme und Sieg den Aristokraten vorbehalten, weil allein sie das
Geld und die Muße für die oft tagelange Anreise und den stets
wochenlangen Aufenthalt aufbrachten. Doch kaum hatte Athen die
Demokratie eingeführt, wurde auch schon jeder Bürger, der in Olympia
einen Sieg davontrug, von seiner Heimatstadt reich belohnt. Gymnasien
und Trainingsstätten entstanden, der Sport geriet zur Massenbewegung.

Damals wie heute sind die Dichter und Schreiber, die Olympia in ihren
Bann zieht, sonder Zahl. Wollten Philosophen zu Superlativen greifen,
so nahmen sie Olympia als Bezugspunkt - Diogenes nannte die Weisheit
größer als selbst den olympischen Sieg. Manche hängen sich ein
intellektuelles Mäntelchen um, indem sie die olympische und die
Bewegung an sich verdammen, auch daran hat sich nichts geändert. Das
Nachrichtenmagazin profil schlug just in dieser Woche mit "Sport ist
ungesund" auf der Titelseite zu. Auch recht schräg kommen jene
Archäologen daher, die sich darüber aufregen, dass nun im antiken
Olympia die Bewerbe im Kugelstoßen stattfinden - obwohl die 15.000
Zuschauer auf Erdwällen sitzen, obwohl auf Werbebanden, Videowände,
Fahnen und Beleuchtung verzichtet wird.

Als letzter Olympia-Höhepunkt beginnt in gut zwei Wochen der Marathon
am Ort jener berühmten Schlacht, in der seinerzeit die Griechen mit
ihrer Phalanxtaktik den Persern ordentlich einschenkten. Etwa drei
Jahrhunderte vor jener Schlacht, 776 vor Christus, soll der
olympische Ursprung liegen, zumindest stammen die ersten
Aufzeichnungen aus jener Zeit. 393 nach Christus ließ Kaiser
Theodosius die Spiele verbieten, weil er sie zu einem kommerziellen
Spektakel verkommen und in ihnen einen heidnischen Kult sah.

Insofern hatte Pierre de Coubertin nichts aus der Geschichte gelernt,
als er glaubte, Olympia würde den hehren Gedanken des Amateurismus
durch die Zeit tragen, ganz zu schweigen von Avery Brundage, der den
Tiroler Skifahrer Karl Schranz wegen Profitums ausschloss. Und wenn
IOC-Präsident Jacques Rogge nun sagt, er wolle Teilnehmerzahlen
beschränken und dem Gigantismus entgegenwirken, so mag das
sympathisch klingen, doch es ist nicht mehr als ein billiger Schmäh.
Wer zahlt, schafft an - auch dem IOC. Wächst der Druck von Sponsoren
und Medien, werden neue Sportarten mir nichts, dir nichts ins
Programm aufgenommen. Andere, durchaus traditionelle Sportarten haben
dagegen keine Lobby und keine Chance.

Heute, da sie eröffnet werden, sind die Spiele dort angekommen, wo
sie hingehören - in Griechenland, das ist die romantische Sichtweise,
vor allem aber an einem Punkt, an dem ihr Sinn und Zweck einzig der
Rekord, ihr Ziel also immer ist, das jeweils letzte Ereignis zu
überbieten. Zahlen sind das Transportmittel; und wenn vor vier Jahren
die Australier mit einem Budget von 4,1 Milliarden Dollar 1,5 Prozent
ihres Bruttosozialprodukts in Olympia investierten, können die
Griechen auf jene fast sieben Milliarden Euro, die sechs Prozent
ihres BSP bedeuten, geradezu stolz sein.

Olympische Spiele haben einigen Städten (wie Los Angeles) weniger und
anderen Städten (wie Barcelona) mehr gebracht, wirklich geschadet
indes haben sie noch keiner Region und keinem Land. Und es hat schon
seinen Sinn, dass das Spektakel alle vier Jahre über einen anderen
Teil der Welt kommt. Im Gegensatz zu ihrem antiken Pendant werden die
Spiele der Neuzeit jedenfalls nicht über ihre Kommerzialisierung
stolpern.

OTS0191    2004-08-12/18:34

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