"DER STANDARD"-Kommentar: "Zurück in die olympische Zukunft" von Fritz Neumann

Teure Spiele, billige Schmähs - Die Geister, die man rief, wird man nicht mehr los - Ausgabe vom 13.08.2004

Wien (OTS) - Insgesamt mag sich manchmal die Frage stellen, ob
sich der Mensch weiterentwickelt. Olympisch gesehen, ist er, der Mensch, wieder dort angekommen, wo er Jahrhunderte vor Christus war. Von ein paar Kleinigkeiten wie der Tatsache vielleicht abgesehen, dass im antiken Olympia mit dem Leonidaion ein einziges Hotel stand, das Ehrengästen vorbehalten war, während die übrigen Besucher allesamt im Freien schliefen.

Doch die Sportler waren Vollprofis. Nur ganz zu Beginn blieben Teilnahme und Sieg den Aristokraten vorbehalten, weil allein sie das Geld und die Muße für die oft tagelange Anreise und den stets wochenlangen Aufenthalt aufbrachten. Doch kaum hatte Athen die Demokratie eingeführt, wurde auch schon jeder Bürger, der in Olympia einen Sieg davontrug, von seiner Heimatstadt reich belohnt. Gymnasien und Trainingsstätten entstanden, der Sport geriet zur Massenbewegung.

Damals wie heute sind die Dichter und Schreiber, die Olympia in ihren Bann zieht, sonder Zahl. Wollten Philosophen zu Superlativen greifen, so nahmen sie Olympia als Bezugspunkt - Diogenes nannte die Weisheit größer als selbst den olympischen Sieg. Manche hängen sich ein intellektuelles Mäntelchen um, indem sie die olympische und die Bewegung an sich verdammen, auch daran hat sich nichts geändert. Das Nachrichtenmagazin profil schlug just in dieser Woche mit "Sport ist ungesund" auf der Titelseite zu. Auch recht schräg kommen jene Archäologen daher, die sich darüber aufregen, dass nun im antiken Olympia die Bewerbe im Kugelstoßen stattfinden - obwohl die 15.000 Zuschauer auf Erdwällen sitzen, obwohl auf Werbebanden, Videowände, Fahnen und Beleuchtung verzichtet wird.

Als letzter Olympia-Höhepunkt beginnt in gut zwei Wochen der Marathon am Ort jener berühmten Schlacht, in der seinerzeit die Griechen mit ihrer Phalanxtaktik den Persern ordentlich einschenkten. Etwa drei Jahrhunderte vor jener Schlacht, 776 vor Christus, soll der olympische Ursprung liegen, zumindest stammen die ersten Aufzeichnungen aus jener Zeit. 393 nach Christus ließ Kaiser Theodosius die Spiele verbieten, weil er sie zu einem kommerziellen Spektakel verkommen und in ihnen einen heidnischen Kult sah.

Insofern hatte Pierre de Coubertin nichts aus der Geschichte gelernt, als er glaubte, Olympia würde den hehren Gedanken des Amateurismus durch die Zeit tragen, ganz zu schweigen von Avery Brundage, der den Tiroler Skifahrer Karl Schranz wegen Profitums ausschloss. Und wenn IOC-Präsident Jacques Rogge nun sagt, er wolle Teilnehmerzahlen beschränken und dem Gigantismus entgegenwirken, so mag das sympathisch klingen, doch es ist nicht mehr als ein billiger Schmäh. Wer zahlt, schafft an - auch dem IOC. Wächst der Druck von Sponsoren und Medien, werden neue Sportarten mir nichts, dir nichts ins Programm aufgenommen. Andere, durchaus traditionelle Sportarten haben dagegen keine Lobby und keine Chance.

Heute, da sie eröffnet werden, sind die Spiele dort angekommen, wo sie hingehören - in Griechenland, das ist die romantische Sichtweise, vor allem aber an einem Punkt, an dem ihr Sinn und Zweck einzig der Rekord, ihr Ziel also immer ist, das jeweils letzte Ereignis zu überbieten. Zahlen sind das Transportmittel; und wenn vor vier Jahren die Australier mit einem Budget von 4,1 Milliarden Dollar 1,5 Prozent ihres Bruttosozialprodukts in Olympia investierten, können die Griechen auf jene fast sieben Milliarden Euro, die sechs Prozent ihres BSP bedeuten, geradezu stolz sein.

Olympische Spiele haben einigen Städten (wie Los Angeles) weniger und anderen Städten (wie Barcelona) mehr gebracht, wirklich geschadet indes haben sie noch keiner Region und keinem Land. Und es hat schon seinen Sinn, dass das Spektakel alle vier Jahre über einen anderen Teil der Welt kommt. Im Gegensatz zu ihrem antiken Pendant werden die Spiele der Neuzeit jedenfalls nicht über ihre Kommerzialisierung stolpern.

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