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"Die Presse" Kommentar: "Düstere Aussichten für Schwarzes Gold" (von Michael Prüller)
Ausgabe 12.8.2004
Wien (OTS) - Düstere Aussichten für Schwarzes Gold
Erdöl hat etwas Episches. Schon der Titel "Schwarzes Gold" deutet auf
Abenteuergeschichten hin. Andere wichtige Rohstoffe, von der
Steinkohle bis zur essigsauren Tonerde, haben es nie geschafft,
dieselbe Faszination auszuüben wie das optisch unansehnliche und
unangenehm riechende Erdöl. Die Geschichte dieser Substanz und ihrer
Gewinnung ist voller Romantik: vom (falschen) Colonel Drake, dem in
der Blütezeit des Wilden Westens in Titusville in Pennsylvania die
erste erfolgreiche Bohrung gelang (in wenigen Tagen jährt sich das
denkwürdige Ereignis zum 145. Mal), bis hin zu so welthistorischen
Ereignissen wie Hitlers Zangenangriff auf die Ölfelder des Kaukasus
oder so nebensächlichen Kulturerscheinungen wie Ölbaron J. R. und die
anderen, gelegentlich wechselnden, Mitglieder des Ewing-Clans aus
Dallas. Und richtige Männer nehmen kaum sonst etwas ernst genug, um
sich den Preis zu merken: Was kostet ein Liter Milch, ein Hemd, eine
Bahnfahrt Graz-Wien? . . .? Was kostet ein Liter Superbenzin? 0,975
Euro, gestern bei meiner Tankstelle.
Es ist also nicht erstaunlich, dass Erdöl im Moment das Denken mehr
beherrscht und die Fantasie stärker anregt als auf den ersten Blick
angemessen erscheint. Gut, der Preis ist hoch. Aber erstens haben
sich viele andere Dinge in den vergangenen Jahren rascher verteuert
als das Schwarze Gold. Und zweitens ist Erdöl zwar noch das
wichtigste internationale Handelsgut der Welt, aber für die
Weltwirtschaft nicht mehr so bedeutend wie noch zur Zeit der
legendären Ölembargos 1973 oder 1979.
Freilich stimmt, dass die gestiegenen Ölpreise wie eine Sondersteuer
auf die Wirtschaft und die Konsumenten wirken. Aber diese "Steuer"
ist insgesamt gesehen nicht so hoch, dass sie die optimistische
Stimmung der Weltwirtschaft wirklich schon kippen könnte. Und die
"Steuereintreiber", die ölexportierenden Länder, horten das Geld ja
nicht, und sie geben es auch nicht nur für Kamelrennen, Eislaufplätze
in der Wüste oder fundamentalistische Koranschulen aus, sondern
investieren es auch in sinnvolle Projekte auf der ganzen Welt.
So weit kein Grund zur Panik. Nur: Es gibt Anzeichen dafür, dass die
Ölpreis-Hausse nicht ein vorübergehendes Ergebnis zufällig
zusammentreffender Faktoren ist. Viel spricht dafür, dass nun für
viele Jahre die Nachfragekurve steiler ansteigen wird als die
Angebotskurve. China und Indien vorneweg, aber auch die
Wohlstandsentwicklung etwa in Brasilien und Südostasien lassen einen
anhaltenden Nachfrageboom erwarten. Auf der anderen Seite gibt es
zwar noch komfortable Förder-Reserven, aber sie werden immer
schwerer, immer teurer erschließbar: Sei es, dass sie in
Krisenregionen liegen, zunehmend zu Terrorzielen werden, oder in
unwegsamen Gegenden zu finden sind. Öl in sicheren, billigen Lagen _
etwa Nordsee oder Texas _ wird immer weniger.
Der lange Abschied der Welt vom Öl hat möglicherweise begonnen.
Daraus ergibt sich ein hohes Preisniveau auf lange Sicht. Es wäre
aber ein Trugschluss zu glauben, die Situation durch massive
öffentliche Spenden für Alternativenergien oder für Sparmaßnahmen
entscheidend verbessern zu können. Denn solange Öl immer noch
billiger ist als eine nicht-subventionierte Alternative, so lange ist
es auch wirtschaftlicher, Öl einzusetzen statt Subventionen.
Natürlich: Irgendwann kommt einmal der Tag, an dem die Alternativen
wirtschaftlicher sein werden, und um dafür gerüstet zu sein, mögen
etwa Investitionen öffentlicher Mittel in Forschung und Entwicklung
gerechtfertigt sein. Aber den hohen Ölpreis zum Anlass zu nehmen, um
die derzeit noch teureren Alternativen großflächig voranzutreiben,
was macht das für Sinn?
Obwohl: Gerechter wäre es vielleicht schon, wenn wir mehr Geld für
größere Unabhängigkeit vom Öl zahlen würden. Denn derzeit tragen nur
die Steuerzahler der USA und Großbritanniens (via Pentagon und
königliche Streitkräfte) Zusatzkosten für die
Energieversorgung-Sicherheit der ganzen Welt.
OTS0155 2004-08-11/18:02
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