- 22.07.2004, 10:28:26
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Offener Brief an Bundeskanzler Schüssel
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Wien (OTS) - Bundeskanzleramt
Hrn. Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel
Ballhausplatz 2
1010 Wien
Wien, 21.07.2004
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Ich schreibe diesen Brief im Namen meiner Tunnelbaukollegen
(Mineure).
Grund meines Schreibens ist die Pensionsreform für Schwerarbeiter.
Ich hätte eine Frage: Wissen Sie was ein Tunnelarbeiter ist, und was
er zu leisten hat? Ich glaube nicht! Deshalb möchte ich Ihnen ein
paar Dinge aufzählen über unsere Arbeitsverhältnisse:
Wir arbeiten rund um die Uhr und das im Durchlaufbetrieb, das heißt,
der Vortrieb steht nur ein- bis zweimal im Jahr für ein paar Tage
still (Weihnachten und Ostern), ansonsten sind wir 9 Tage auf der
Baustelle und drei Tage zu Hause, egal ob Samstag, Sonntag oder
Feiertag - Tag und Nacht, ob in Vorarlberg, in Wien beim U-Bahnbau
oder sonst irgendwo, muss aus wirtschaftlichen oder geologischen
Gründen immer durchgearbeitet werden.
Wir stehen oft monatelang im kalten Bergwasser, über Staub und
Lärmbelastung auf Tunnelbaustellen brauche ich keine Worte verlieren.
Man nennt uns nicht nur Schwerarbeiter, sondern wir sind schwerst
arbeitende Menschen!
Meine Gruppe (Drittel) und ich sind seit 1979 mit diesen Aufgaben
vertraut. Wie unser körperlicher Zustand nach 25 Jahren Tunnelbau
aussieht, können Sie sich ja vorstellen. Es schmerzt fast jeder
Knochen und bei den meisten haben die Lunge und das Gehör auch schon
etwas abbekommen.
Ich mache mir schon längere Zeit darüber Gedanken, wie es mit uns
weiter gehen soll, für andere leichte Arbeiten sind wir schon zu alt
(Gemeindearbeiter maximales Aufnahmealter von 35 Jahren). Unser
einziger Lichtblick war es bis jetzt, mit 55 Jahren in Pension zu
gehen und ein wenig von der versäumten Freizeit nach zu holen bzw.
uns von der schweren Arbeit erholen zu können, damit das Leben, das
wir geführt haben, einen Sinn hatte.
Wenn es nach euren Wünschen geht und wir bis 65 Jahren arbeiten
sollen, kann ich Ihnen garantieren, dass 85 % der Tunnelarbeiter die
Baustelle in einem Sarg verlassen werden. Man kann von einem Mineur
mit 65 Jahren nicht mehr von einer Pension, sondern von einem
Sterbegeld sprechen.
Zu der Aussage von Minister Bartenstein "Schwerarbeiter verdienen
sowieso mehr als andere Arbeiter", möchte ich Sie nur fragen, ob Sie
wissen, wie viele Steuern und Abgaben wir zu leisten haben? Nur weil
wir verpflichtet sind, an Sonntagen und Feiertagen zu arbeiten, wird
uns bis zu 68 % von unserem Gehalt abgezogen.
Herr Doktor Schüssel, ich glaube, wenn Sie sich mit ein paar
Ministern ein Wochenende Zeit nehmen und es mit uns auf einer
Tunnelbaustelle verbringen, das heißt Samstag Nacht mit in den Tunnel
fahren und eine Schicht (wo der größte Teil der Österreicher zu Hause
bei seiner Familie ist) mit uns Arbeitern mitarbeiten würden, wären
wir davon überzeugt, dass Sie sich den ganzen Unsinn mit den
Abschlägen für die Schwerarbeiter-Pension noch einmal gründlich
überlegen würden.
Mit einem aufrichtigen Glück auf beende ich diesen Brief, mit der
Bitte um Antwort damit ich meinen verzweifelten Kollegen eine
positive Nachricht überbringen kann.
Fritz Pracher
Drittelführer im Tunnelbau
derzeit Mineur bei der
Arge LT 22 - Bierhäuselberg, Tunnel
OTS0063 2004-07-22/10:28
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