Offener Brief an Bundeskanzler Schüssel

Wien (OTS) - =

Bundeskanzleramt
Hrn. Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel
Ballhausplatz 2
1010 Wien

Wien, 21.07.2004

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!

Ich schreibe diesen Brief im Namen meiner Tunnelbaukollegen (Mineure).
Grund meines Schreibens ist die Pensionsreform für Schwerarbeiter. Ich hätte eine Frage: Wissen Sie was ein Tunnelarbeiter ist, und was er zu leisten hat? Ich glaube nicht! Deshalb möchte ich Ihnen ein paar Dinge aufzählen über unsere Arbeitsverhältnisse:

Wir arbeiten rund um die Uhr und das im Durchlaufbetrieb, das heißt, der Vortrieb steht nur ein- bis zweimal im Jahr für ein paar Tage still (Weihnachten und Ostern), ansonsten sind wir 9 Tage auf der Baustelle und drei Tage zu Hause, egal ob Samstag, Sonntag oder Feiertag - Tag und Nacht, ob in Vorarlberg, in Wien beim U-Bahnbau oder sonst irgendwo, muss aus wirtschaftlichen oder geologischen Gründen immer durchgearbeitet werden.

Wir stehen oft monatelang im kalten Bergwasser, über Staub und Lärmbelastung auf Tunnelbaustellen brauche ich keine Worte verlieren.

Man nennt uns nicht nur Schwerarbeiter, sondern wir sind schwerst arbeitende Menschen!

Meine Gruppe (Drittel) und ich sind seit 1979 mit diesen Aufgaben vertraut. Wie unser körperlicher Zustand nach 25 Jahren Tunnelbau aussieht, können Sie sich ja vorstellen. Es schmerzt fast jeder Knochen und bei den meisten haben die Lunge und das Gehör auch schon etwas abbekommen.

Ich mache mir schon längere Zeit darüber Gedanken, wie es mit uns weiter gehen soll, für andere leichte Arbeiten sind wir schon zu alt (Gemeindearbeiter maximales Aufnahmealter von 35 Jahren). Unser einziger Lichtblick war es bis jetzt, mit 55 Jahren in Pension zu gehen und ein wenig von der versäumten Freizeit nach zu holen bzw. uns von der schweren Arbeit erholen zu können, damit das Leben, das wir geführt haben, einen Sinn hatte.

Wenn es nach euren Wünschen geht und wir bis 65 Jahren arbeiten sollen, kann ich Ihnen garantieren, dass 85 % der Tunnelarbeiter die Baustelle in einem Sarg verlassen werden. Man kann von einem Mineur mit 65 Jahren nicht mehr von einer Pension, sondern von einem Sterbegeld sprechen.

Zu der Aussage von Minister Bartenstein "Schwerarbeiter verdienen sowieso mehr als andere Arbeiter", möchte ich Sie nur fragen, ob Sie wissen, wie viele Steuern und Abgaben wir zu leisten haben? Nur weil wir verpflichtet sind, an Sonntagen und Feiertagen zu arbeiten, wird uns bis zu 68 % von unserem Gehalt abgezogen.

Herr Doktor Schüssel, ich glaube, wenn Sie sich mit ein paar Ministern ein Wochenende Zeit nehmen und es mit uns auf einer Tunnelbaustelle verbringen, das heißt Samstag Nacht mit in den Tunnel fahren und eine Schicht (wo der größte Teil der Österreicher zu Hause bei seiner Familie ist) mit uns Arbeitern mitarbeiten würden, wären wir davon überzeugt, dass Sie sich den ganzen Unsinn mit den Abschlägen für die Schwerarbeiter-Pension noch einmal gründlich überlegen würden.

Mit einem aufrichtigen Glück auf beende ich diesen Brief, mit der Bitte um Antwort damit ich meinen verzweifelten Kollegen eine positive Nachricht überbringen kann.

Fritz Pracher
Drittelführer im Tunnelbau
derzeit Mineur bei der
Arge LT 22 - Bierhäuselberg, Tunnel

Rückfragen & Kontakt:

Fritz Pracher
Tel. 03185/8905
Mobil 0664/38 41 630

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NGB0001