• 21.07.2004, 17:22:20
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"Die Presse" Kommentar: Charisma kommt mit der Macht (von Wolfgang Böhm)

Ausgabe vom 22.7.04

Wien (OTS) - Vielleicht wird José Manuel Durao Barroso
unterschätzt. Vielleicht ist der Portugiese gar nicht so langweilig
und schwach, wie ihm nachgesagt wird. Immerhin war er Minister, hat
eine Partei und ein Land angeführt, bevor ihn die Staats- und
Regierungschefs der EU ausgewählt haben, künftig die Europäischen
Kommission zu leiten. Jedenfalls aber startet der 48-jährige
Konservative mit einem ziemlichen Handicap in seine neue Aufgabe.
Denn er ist der kleinste gemeinsame Nenner - und damit Symbol für den
derzeitigen Zustand der Europäischen Union.
Barroso wird hoffentlich mit dem Hinweis an seine Kritiker Recht
behalten: "Das Charisma kommt mit der Macht." Derzeit hat freilich
weder er noch die EU, in der er künftig eine bedeutende Rolle spielen
wird, diese Eigenschaften - weder Charisma noch Macht.
Wer den Leitspruch des Portugiesen umdreht, wird merken, dass darin
die eigentliche Crux liegt: Eine Führungspersönlichkeit kann nur dann
erfolgreich sein, wenn man ihr Macht gibt. Sie bleibt völlig
uncharismatisch, wenn sie gegängelt wird. Das ist in der Politik
genauso wie in privaten Unternehmen.
Barroso muss gleich in den ersten Wochen seiner Tätigkeit den Beweis
antreten, dass er kein Spielball der großen EU-Staaten ist. Wenn er
mächtig sein möchte, braucht er eine gute und unabhängige Mannschaft
aus Kommissaren. Leute wie bisher Mario Monti aus Italien oder Franz
Fischler aus Österreich.
Lässt sich Barroso etwa von Deutschland einen Superkommissar für
Wirtschaft aufschwatzen, von Frankreich einen Währungskommissar oder
von den Niederländern einen Agrarkommissar, dann ist die EU genau
dort, wo sie niemand haben möchte. Brüssel wäre völlig zur
Abwicklungszentrale nationaler Einzelinteressen abgesunken.
Immerhin, Barroso hat gestern im Europaparlament Widerstand gegen
solche Einflussnahme angekündigt. Es ist für die gute Sache Europa zu
hoffen, dass er das auch durchhalten wird. Denn eine starke
Kommission mit einem charismatischen Chef wäre die beste Werbung für
eine bereits an massiven Imageproblemen leidende EU.

OTS0161    2004-07-21/17:22

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