• 07.07.2004, 12:13:49
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  • OTS0157 OTW0157

Ein Gerechter ging von dieser Welt

Die Juden Österreichs trauern um Bundespräsident Dr. Thomas Klestil

Wien (OTS) - Stirbt ein Gerechter, so weint selbst der Himmel,
heißt es in den jüdischen Schriften. So sind Schmerz und Trauer auch
die bestimmenden Gefühle, die uns Juden an diesem schicksalsschweren
Tag mit allen Österreichern vereinen, im Andenken an einen Mann, der
wie kaum ein anderer nach innen und außen zu vermitteln vermochte,
daß Recht und Menschlichkeit die Basis eines Staatswesens zu sein
haben und nicht müde wurde, diese Forderungen auch Tag für Tag
einzumahnen.

Unvergesslich wird er uns Juden aber ob seiner kompromisslosen
Haltung zur jüngsten Vergangenheit dieses Landes bleiben. Sein
bewegender Besuch in Israel im Jahre 1994 hatte historische
Dimension, als er vor den Abgeordneten der Knesset von einer
Täterschaft vieler Österreicher in nationalsozialistischer Zeit
sprach, von der Verantwortung des neuen, demokratischen Österreich
den Opfern und deren Nachkommen gegenüber und von der Notwendigkeit,
diesem Einbekenntnis in allen gesellschaftlichen Bereichen auch
Gesten der Versöhnung folgen zu lassen. Und daß seine Botschaft auch
die Herzen der Betroffenen erreichte, davon künden die Tränen der
Rührung vieler vertriebener Gemeindemitglieder, die seiner Einladung
folgend, ihn in der Hofburg besuchten und sich mit der neuen, alten
Heimat auszusöhnen bereit zeigten. Davon zeugt aber auch das in
vielen intensiven Gesprächen vertiefte, fast freundschaftliche
Verständnis für die aktuellen Anliegen unserer Gemeinde, die nach der
Schoah so schwer an ihrem Erbe zu tragen hat.

Unsere Gelehrten sprechen davon, daß ein Mensch neben seinem
Familiennamen und seinem Vornamen einen dritten Namen trägt, den er
sich - im Gegensatz zu den beiden obengenannten - bis zu seinem
Lebenabschluß selbst erwerben muß: den guten Namen. Bundespräsident
Dr. Thomas Klestil s.A. hat sich ohne Zweifel mit goldenen Lettern
für immer in die Herzen aller Österreicher und Österreicherinnen
eingeschrieben. Möge ihn der Ewige als Gerechten einbinden in den
Bund des ewigen Lebens!

Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs

Dr. Ariel Muzicant, Präsident
Renate Erbst, Vizepräsidentin
Hofrat Marko Feingold, Vizepräsident
Oskar Deutsch, Vizepräsident der IKG Wien
Bohor Alaev, Vizepräsident der IKG Wien
Prof. Paul Chaim Eisenberg, Oberrabbiner
Dr. Avshalom Hodik, Generalsekretär

OTS0157    2004-07-07/12:13

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