"Kleine Zeitung" Kommentar: "Milosevic und Saddam Hussein: Zwei Prozesse, eine Strategie" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 05.07.2004

Graz (OTS) - Nichts war zu spüren von Einsicht oder gar Reue, als Saddam Hussein in der Vorwoche zum ersten Mal dem Gericht in Bagdad vorgeführt wurde. Störrisch und herrisch präsentierte sich der frühere Diktator seinen Richtern. Lange genug hatte er bis zu seinem Sturz Gelegenheit, Slobodan Milosevics Strategie vor dem UNO-Tribunal in Den Haag zu verfolgen. Der serbische Ex-Herrscher hat ihm vorgezeigt, wie man sich trotz schwerer Vorwürfe und erheblicher Beweise verteidigt; etwa, in dem man das Gericht nicht anerkennt, alle Anschuldigungen als Lügen bezeichnet und seine Gegner als die "wahren Verbrecher" verhämt.
Mehr als zwei Jahre lang hat die Anklage in Den Haag ihre Vorwürfe gegenüber Milosevic - Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord - erläutert. Heute, nach einer Pause von 18 Wochen, beginnt der 62-jährige Ex-Diktator seine Verteidigung. Milosevic verzichtet, im Gegensatz zu Saddam Hussein, weiter auf seine Vertretung durch einen Anwalt.

Der wortgewandte Serbe hat seit Beginn des Prozesses im Februar 2002 immer wieder klar gemacht, dass er alle Vorwürfe über seine Verantwortung für Verbrechen und Gräueltaten in den Neunzigerjahren in Kroatien, in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo für plumpe Fälschungen des Westens, allen voran der Amerikaner, hält. Er hingegen vertrete die Wahrheit und kämpfe für sein Volk, sagt er immer wieder. Ähnliches gab in der Vorwoche auch Saddam Hussein von sich. Nicht er, sondern George W. Bush sei der Schuldige.

Das Tribunal in den Haag mühte sich von Anfang an, den Anschein jeglicher Parteilichkeit zum Nachteil von Milosevic zu vermeiden. Darauf achten auch zwei eigens angestellte Juristen, die prompt Zweifel angemeldet haben, dass die Anklage Milosevics Schuld ausreichend bewiesen habe. Manche Beobachter schließen daher nicht aus, dass Slobodan Milosevic seinen Kopf aus jener Schlinge ziehen könnte, die im Extremfall lebenslange Haft für ihn bedeuten würde.

Im Irak liegen die Dinge anders. Um Saddams Hals liegt wohl bereits jetzt der Strick des Henkers. Denn dass die von den USA eingesetzte neue Regierung als erste Amtshandlung die Todesstrafe wieder einführte, ist kein gutes Omen für einen um Objektivität bemühten Prozess.

Aber immerhin: Das irakische Volk hat jetzt die Chance, mit einer blutigen Vergangenheit aufzuräumen. Voraussetzung ist, dass der Ruf nach bloßer Rache nicht allzu laut in den Ohren seiner Richter dröhnt. ****

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