Vom Heiligen Krieg um das Öl und Europas Heuchelei

"Presse"-Leitartikel, von Franz Schellhorn

Wien (OTS) - Das Schreckensszenario der westlichen Welt nimmt langsam, aber sicher Gestalt an: Der "Heilige Krieg" der radikalislamischen Fanatiker verlagert sich zusehends nach Saudiarabien und nähert sich damit seiner eigentlichen Bestimmung:
Der Kontrolle über das Erdöl. Damit trifft die al-Qaida den Westen dort, wo es wirklich schmerzt: an der Lebensader Wirtschaft. Und das vor allem deshalb, weil es die Industriestaaten nicht geschafft haben, sich aus der eklatanten Öl-Abhängigkeit zu befreien. Das gilt vor allem für die USA, aber auch für Europa.
Aus der Warte der Terroristen und ihres saudischen Anführers Osama bin Laden kann das zentrale Angriffsziel auch nur Saudiarabien heißen. Schon deshalb, weil die Saudis auf einem Viertel der weltweiten Erdölreserven sitzen. Das Land mit den zweitgrößten Ölreserven heißt übrigens Irak. Dahinter kommen die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und dann lange nichts. Allein diese fünf Staaten kontrollieren rund zwei Drittel der weltweiten Erdölvorräte. In anderen Worten: Würden diese Förderländer in die Hände islamistischer Fanatiker fallen, hätten diese die westliche Welt an der Gurgel. Das gilt umso mehr, als die Ölreserven in den sicheren Förderstaaten - wie den USA, Kanada, Mexiko, Norwegen oder Großbritannien - langsam, aber sicher zur Neige gehen.
Auch weltweit wird das Zeitalter des Erdöls früher oder später zu Ende sein. Aber eben später als früher. Vorerst stehen der Welt Jahrzehnte mit stark steigendem Ölverbrauch bevor. Allein vier Milliarden Menschen leben heute ohne Auto. Es darf davon ausgegangen werden, dass der erste fahrbare Untersatz eines Kleinbauern aus dem Tschad kein Wasserstoff-getriebener BMW sein wird.
Das Dilemma: Zur Deckung des steigenden Bedarfes wäre ja prinzipiell reichlich Erdöl vorhanden. Um dieses zu Tage zu bringen, sind allerdings enorme Investitionen in die Förderanlagen nötig. Saudiarabien ist zur Zeit der einzige große Ölproduzent, der über freie Kapazitäten verfügt und seine Produktion kurzfristig ausweiten könnte. Alle anderen produzieren bereits am Anschlag. Nur: Wer wird schon viel Geld in Förderanlagen stecken, wenn diese von islamistischen Terroristen kurz nach Fertigstellung in die Luft gejagt werden? Zudem bringt jeder gesprengte Ölturm oder Ölhafen in der Golfregion hoch entwickelte Industriestaaten in massive wirtschaftliche Gefahr. Und das weiß nicht nur Osama bin Laden.
Wie brandgefährlich die Lage aus weltwirtschaftlicher Sicht heute ist, lässt sich schon daran ablesen, dass neun der zehn seit 1945 aufgetretenen US-Rezessionen Ölpreisschocks vorausgingen. Erdöl ist zwar längst nicht mehr so wichtig wie in den 70er und 80er Jahren, aber ohne Öl läuft auch heute gar nichts. Die Amerikaner wissen das und sprechen es offen aus. Nicht erst seit der Ära Bush II. Schon der frühere Außenminister Henry Kissinger meinte: "Erdöl ist viel zu wichtig, als dass man es den Arabern überlassen könnte".
Die Zaungäste aus Europa wollen mit so unmoralischen Thesen freilich ebenso wenig zu tun haben wie mit dem Verzicht auf Ölprodukte. Geht es ums Erdöl, ist es schicker, über die "kriegsgeilen USA" herzuziehen. Ganz so, als würde unsere Wirtschaft von Moral und Himbeersaft angetrieben. Über das Faktum, dass auch sämtliche europäischen Rezessionen mit Ölpreisschocks zu tun hatten, sprechen wir lieber nicht. Schon gar nicht darüber, dass Europa knapp ein Viertel des in der Golfregion geförderten Erdöls absaugt. Und damit deutlich mehr als die USA (20 Prozent). Europas Wirtschafts- und damit auch Sozialsysteme hängen ganz entscheidend vom Zugriff auf günstiges Erdöl ab.
Die sichere Versorgung mit Erdöl ist (nicht zuletzt für Europa) eine ökonomische Überlebensfrage. Und diese Frage wird über Krieg und Frieden entscheiden. Europa wird - angesichts fehlender Alternativen zum Erdöl - um folgende Aussage nicht herumkommen: "Erdöl ist viel zu wichtig, als dass wir es islamistischen Terroristen überlassen."

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