• 01.06.2004, 19:20:57
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Vom Heiligen Krieg um das Öl und Europas Heuchelei

"Presse"-Leitartikel, von Franz Schellhorn

Wien (OTS) - Das Schreckensszenario der westlichen Welt nimmt
langsam, aber sicher Gestalt an: Der "Heilige Krieg" der
radikalislamischen Fanatiker verlagert sich zusehends nach
Saudiarabien und nähert sich damit seiner eigentlichen Bestimmung:
Der Kontrolle über das Erdöl. Damit trifft die al-Qaida den Westen
dort, wo es wirklich schmerzt: an der Lebensader Wirtschaft. Und das
vor allem deshalb, weil es die Industriestaaten nicht geschafft
haben, sich aus der eklatanten Öl-Abhängigkeit zu befreien. Das gilt
vor allem für die USA, aber auch für Europa.
Aus der Warte der Terroristen und ihres saudischen Anführers Osama
bin Laden kann das zentrale Angriffsziel auch nur Saudiarabien
heißen. Schon deshalb, weil die Saudis auf einem Viertel der
weltweiten Erdölreserven sitzen. Das Land mit den zweitgrößten
Ölreserven heißt übrigens Irak. Dahinter kommen die Vereinigten
Arabischen Emirate, Kuwait und dann lange nichts. Allein diese fünf
Staaten kontrollieren rund zwei Drittel der weltweiten Erdölvorräte.
In anderen Worten: Würden diese Förderländer in die Hände
islamistischer Fanatiker fallen, hätten diese die westliche Welt an
der Gurgel. Das gilt umso mehr, als die Ölreserven in den sicheren
Förderstaaten - wie den USA, Kanada, Mexiko, Norwegen oder
Großbritannien - langsam, aber sicher zur Neige gehen.
Auch weltweit wird das Zeitalter des Erdöls früher oder später zu
Ende sein. Aber eben später als früher. Vorerst stehen der Welt
Jahrzehnte mit stark steigendem Ölverbrauch bevor. Allein vier
Milliarden Menschen leben heute ohne Auto. Es darf davon ausgegangen
werden, dass der erste fahrbare Untersatz eines Kleinbauern aus dem
Tschad kein Wasserstoff-getriebener BMW sein wird.
Das Dilemma: Zur Deckung des steigenden Bedarfes wäre ja prinzipiell
reichlich Erdöl vorhanden. Um dieses zu Tage zu bringen, sind
allerdings enorme Investitionen in die Förderanlagen nötig.
Saudiarabien ist zur Zeit der einzige große Ölproduzent, der über
freie Kapazitäten verfügt und seine Produktion kurzfristig ausweiten
könnte. Alle anderen produzieren bereits am Anschlag. Nur: Wer wird
schon viel Geld in Förderanlagen stecken, wenn diese von
islamistischen Terroristen kurz nach Fertigstellung in die Luft
gejagt werden? Zudem bringt jeder gesprengte Ölturm oder Ölhafen in
der Golfregion hoch entwickelte Industriestaaten in massive
wirtschaftliche Gefahr. Und das weiß nicht nur Osama bin Laden.
Wie brandgefährlich die Lage aus weltwirtschaftlicher Sicht heute
ist, lässt sich schon daran ablesen, dass neun der zehn seit 1945
aufgetretenen US-Rezessionen Ölpreisschocks vorausgingen. Erdöl ist
zwar längst nicht mehr so wichtig wie in den 70er und 80er Jahren,
aber ohne Öl läuft auch heute gar nichts. Die Amerikaner wissen das
und sprechen es offen aus. Nicht erst seit der Ära Bush II. Schon der
frühere Außenminister Henry Kissinger meinte: "Erdöl ist viel zu
wichtig, als dass man es den Arabern überlassen könnte".
Die Zaungäste aus Europa wollen mit so unmoralischen Thesen freilich
ebenso wenig zu tun haben wie mit dem Verzicht auf Ölprodukte. Geht
es ums Erdöl, ist es schicker, über die "kriegsgeilen USA"
herzuziehen. Ganz so, als würde unsere Wirtschaft von Moral und
Himbeersaft angetrieben. Über das Faktum, dass auch sämtliche
europäischen Rezessionen mit Ölpreisschocks zu tun hatten, sprechen
wir lieber nicht. Schon gar nicht darüber, dass Europa knapp ein
Viertel des in der Golfregion geförderten Erdöls absaugt. Und damit
deutlich mehr als die USA (20 Prozent). Europas Wirtschafts- und
damit auch Sozialsysteme hängen ganz entscheidend vom Zugriff auf
günstiges Erdöl ab.
Die sichere Versorgung mit Erdöl ist (nicht zuletzt für Europa) eine
ökonomische Überlebensfrage. Und diese Frage wird über Krieg und
Frieden entscheiden. Europa wird - angesichts fehlender Alternativen
zum Erdöl - um folgende Aussage nicht herumkommen: "Erdöl ist viel zu
wichtig, als dass wir es islamistischen Terroristen überlassen."

OTS0204    2004-06-01/19:20

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