"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Museumschef auf politischem Parkett" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 02.06.2004

Wien (OTS) - So haben wir uns die Privatisierung immer
vorgestellt: Wilfried Seipel, Direktor des Kunsthistorischen Museums, kassiert ein Gehalt von immerhin 230.000 Euro jährlich und hat ein reich dotiertes Repräsentationsbudget.
Für so viel Geld darf der Staatsbürger beste Arbeit und korrektestes Verhalten erwarten. Genau das aber lässt Wilfried Seipel laut jüngstem Rechnungshofbericht vermissen. Vor einem Jahr hat er offenkundige Schwächen der Sicherheitsanlage so lange ignoriert, bis eines der wertvollsten Stücke - die so genannte "Saliera" im Wert von rund 50 Millionen Euro - gestohlen wurde: Die Nachtwächter waren der dutzendfachen Fehlanzeigen müde und reagierten nicht auf den ausnahmsweise echten Alarm.
Seipel ließ der Diebstahl ebenso kalt wie die anderen Vorwürfe der Prüfer: Sie werfen ihm die Vermengung privater und dienstlicher Interessen im Zusammenhang mit Kunstankäufen und bei der Anschaffung eines Dienstwagens sowie selbstherrliches Verhalten vor. Unter anderem wurden Bilder ins Ausland verliehen, die nach Ansicht von Experten aus konservatorischen Gründen das Haus nicht verlassen dürften.
In der "echten" Privatwirtschaft würde der Generaldirektor ziemliche Probleme bekommen, wenn diese Vorwürfe stimmen. Seipel hingegen ignoriert die Kritik und sieht sich einfach "im Zielpunkt politischer Rechnungen".
Der Museumsdirektor gilt als Liebkind von Kanzler Schüssel und Kulturministerin Gehrer. Der Verdacht politischer Intrigen ist also durchaus nahe liegend. Gerade deshalb wäre überkorrektes Verhalten beider Seiten dringend notwendig. Andernfalls erweisen Seipel, Gehrer & Co nicht nur dem Museum, sondern auch allen Privatisierungen einen schlechten Dienst.

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