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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das kleine Mariazell wird zur Kathedrale des geeinten Europa" (Von Wolfgang Sotill)
Ausgabe vom 22.5.2004
Graz (OTS) - Zehntausende Pilger feiern heute gemeinsam den Sieg
einer Utopie.
Nun sind die Pilger aus acht Nationen in Mariazell angekommen. Und
wen überrascht es? Viele von ihnen sind alt. Einige sind hoch betagt
und auch die Generation jener, die wir hierzulande als "agile
Pensionisten" bezeichnen würden, sind nicht mehr rüstig, sondern
einfach alt. Ihre Gesichter zeugen von einem Leben voll Arbeit und
Entbehrungen.
Es sind diejenigen, die in ihren Plastiksackerln Brot und Speck
selbst mitgebracht haben, um das wenige Geld, das sie besitzen, für
eine Kerze vor dem Gnadenaltar zu spenden. Dabei beten sie für sich
und für die Daheimgebliebenen, die ihnen aufgetragen haben: "Grüß
mir die Gnadenmutter!"
"Christus - Hoffnung Europas" lautet das Motto des Katholikentags.
"Diese Alten sollen die Hoffnungsträger sein?" Es gilt den Spöttern
zu widersprechen, denn: Diese Alten sind tatsächlich die Hoffnung
und wenn schon nicht eine zukünftige, so doch eine längst erfüllte.
Diese Alten sind der Beweis, dass die Vision von einem freien und
geeinten Europa, von dem die katholische Kirche jahrzehntelang
gepredigt hat, keine unerfüllbare Utopie war. Die Kirche hat nämlich
bereits davon gesprochen, als die westlichen Regierungen noch tief
von ihrer "Realpolitik" überzeugt waren. Das heißt: Man hat ein paar
prominente Dissidenten hofiert, ansonsten aber die Frage der
Menschenrechte nur wenig berührt und das Tagesgeschäft
vorangetrieben.
Die Kirche machte hingegen keine Realpolitik. In einer Institution,
in der die Ewigkeit eine feste Kategorie des Denkens darstellt, ist
das auch gut so. Ihre Stärke ist vielmehr die Beharrlichkeit,
wenngleich ihr dies oft auch als Unbeweglichkeit ausgelegt wird.
Kirche arbeitet nicht nur mit einer gewissen Zähigkeit, sondern oft
genug auch im Verborgenen. Wie jene jungen Christen, die noch vor
zwanzig Jahren Bibeln in die damalige CSSR geliefert haben und bei
einer Begegnung im Erzbischöflichen Palais auf dem Hradschin
erfahren mussten, was Unterdrückung bedeutet: Das Gespräch mit
Kardinal Tomasek fand nämlich bei laufenden Wasserhähnen statt, um
die "Wanzen" des Geheimdienstes auszuschalten.
Die Politik der Kirche fußte eben immer schon auf der realistischen
Hoffnung, dass die Ungerechtigkeit der KP-Regime auf Dauer keinen
Bestand haben werde. Eine Hoffnung, die sich erfüllt hat. Die Alten
aus sieben Ländern des Ostens, die nach Mariazell gekommen sind,
sind der beste Beweis dafür. Und vor allem auch die 6200
Jugendlichen, die angereist sind - als Hoffnung für die Zukunft. ****
OTS0207 2004-05-21/20:00
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