"DER STANDARD"-Kommentar: "Arbeitslose Schnäppchenjäger" von Helmut Spudich

Nicht nur Firmen, auch Menschen brauchen Rahmenbedingungen zur Entwicklung - Ausgabe vom 14.5.2004

Wien (OTS) - Die aktuelle Kündigungswelle in Österreich - der Mobilfunker One baut 225 Arbeitsplätze ab, der Fotokonzern Kodak 175 - wirft ein Schlaglicht auf das anhaltende Arbeitslosigkeitsproblem, das praktisch alle Industriestaaten plagt.
Bei Kodak können wir dabei zusehen, wie eine technische Innovation (eine so genannte "disruptive Technologie") ein einträgliches Geschäftsmodell zerstört. Jahrzehntelang war Kodak buchstäblich ein Bilderbuchkonzern, Menschen liebten es "Kodak-Momente" auf Film zu bannen, der Konzern brachte die Bildchen auf Papier und wuchs und wuchs.
Bis zum Jahr 2001, als die anfangs belächelten Digitalkameras ("Der Qualitätsunterschied wird immer bleiben", "Menschen wollen ihre Erinnerungen immer als Papierbilder zum Einstecken haben" waren stereotype Antworten auf die Herausforderung) kritische Masse gewannen. Seither geht’s mit Film und Fotopapier bergab, im vergangenen Jahr wurde ein Viertel weniger Bilder ausgearbeitet. Kodak zieht die Konsequenzen, bevor es zu spät ist: Die Umstrukturierung ist seit einiger Zeit im Gang, die Sperre des Wiener Großlabors ist nur ein Schnappschuss des Wandels, dem noch mehr Jobs zum Opfer fallen werden.
Der Mobilfunker One hingegen zählt zu den Innovationen, die zwar das Geschäftsmodell anderer (der Festnetzbetreiber, dank Fotohandys auch der Fotoausarbeiter) nachhaltig stören - die aber dafür ihrerseits neue Jobs schaffen. Oder schaffen sollten: Denn jetzt ist auch diese These, dass durch Innovation neue Jobs nachwachsen, wo andere verloren gehen, nachhaltig erschüttert.
Was bei Kodak noch den größeren Teil eines Jahrhunderts brauchte -der Reifungsprozess der analogen chemischen Fotografie, bis der Zenit überschritten war -, das spielt sich bei den jüngeren Technologien im Zeitraffertempo ab. Gerade ein bisschen mehr als zehn Jahre alt ist der Mobilfunkmarkt als Massenprodukt - und schon ist er in der absteigenden Phase von Überkapazität und Preisverfall angelangt. Viel schneller, als irgendwer erwartete, erreichten Handys eine fast hundertprozentige Marktdurchdringung. Die nachdrängende Innovation wird in wenigen Jahren dazu führen, dass Frequenzen zum Telefonieren nicht mehr Mangelware, sondern im Überfluss vorhanden sein werden. Gestützt von der "Verhoferisierung" der Gesellschaft, auf
der ständigen Jagd nach dem nächsten Schnäppchen, werden neue Kunden den anderen mit Schleuderpreisen abgejagt. Damit die Preise billig sind, müssen die Kosten niedrig sein - also muss mit möglichst wenig Mitarbeitern produziert werden.
So weit, so logisch - und wir finden uns in gleichem Ausmaß als Gewinner und Verlierer dieser Entwicklung wieder. Als Konsumenten gewinnen wir durch billigere Preise. Als Berufstätige verlieren wir durch tendenziell sinkendes Einkommen (höhere Arbeitslosigkeit erhöht den Druck, für etwas weniger Geld in Arbeit zu bleiben) und höheren Aufwand für Arbeitslosigkeit. Und für Arbeitssuchende wird es immer schwerer, einen Job zu finden und zu behalten.
Ein einfacher Ausweg aus dieser Lage, vielfach "jobless recovery" bezeichnet (es gibt wieder Wirtschaftswachstum, aber die Beschäftigung nimmt weiter ab), ist weit und breit nicht in Sicht. Es wird uns nicht erspart bleiben, weiter auf Innovation zu setzen -Rezepte, wie die garantierte Weiterbeschäftigung überflüssig gewordener Heizer auf Elektroloks, haben ihre Untauglichkeit bewiesen. Damit wir mit den vielen Änderungen eines Arbeitslebens jedoch Schritt halten können, braucht es wesentlich höherer Investitionen in Bildung, sowohl durch den Staat als auch mit privatem Einsatz.
Der Politik bleibt jedenfalls eine gewaltige Aufgabe - nebst den viel zitierten Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Wirtschaft vor allem Rahmenbedingungen zur Entwicklung der Menschen zu schaffen, die mit diesen Änderungen zurechtkommen müssen. Aber davon war in den vergangenen Jahren hierzulande wenig zu sehen.

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