• 13.05.2004, 18:34:57
  • /
  • OTS0243 OTW0243

"DER STANDARD"-Kommentar: "Arbeitslose Schnäppchenjäger" von Helmut Spudich

Nicht nur Firmen, auch Menschen brauchen Rahmenbedingungen zur Entwicklung - Ausgabe vom 14.5.2004

Wien (OTS) - Die aktuelle Kündigungswelle in Österreich - der
Mobilfunker One baut 225 Arbeitsplätze ab, der Fotokonzern Kodak 175
- wirft ein Schlaglicht auf das anhaltende Arbeitslosigkeitsproblem,
das praktisch alle Industriestaaten plagt.
Bei Kodak können wir dabei zusehen, wie eine technische Innovation
(eine so genannte "disruptive Technologie") ein einträgliches
Geschäftsmodell zerstört. Jahrzehntelang war Kodak buchstäblich ein
Bilderbuchkonzern, Menschen liebten es "Kodak-Momente" auf Film zu
bannen, der Konzern brachte die Bildchen auf Papier und wuchs und
wuchs.
Bis zum Jahr 2001, als die anfangs belächelten Digitalkameras ("Der
Qualitätsunterschied wird immer bleiben", "Menschen wollen ihre
Erinnerungen immer als Papierbilder zum Einstecken haben" waren
stereotype Antworten auf die Herausforderung) kritische Masse
gewannen. Seither geht’s mit Film und Fotopapier bergab, im
vergangenen Jahr wurde ein Viertel weniger Bilder ausgearbeitet.
Kodak zieht die Konsequenzen, bevor es zu spät ist: Die
Umstrukturierung ist seit einiger Zeit im Gang, die Sperre des Wiener
Großlabors ist nur ein Schnappschuss des Wandels, dem noch mehr Jobs
zum Opfer fallen werden.
Der Mobilfunker One hingegen zählt zu den Innovationen, die zwar das
Geschäftsmodell anderer (der Festnetzbetreiber, dank Fotohandys auch
der Fotoausarbeiter) nachhaltig stören - die aber dafür ihrerseits
neue Jobs schaffen. Oder schaffen sollten: Denn jetzt ist auch diese
These, dass durch Innovation neue Jobs nachwachsen, wo andere
verloren gehen, nachhaltig erschüttert.
Was bei Kodak noch den größeren Teil eines Jahrhunderts brauchte -
der Reifungsprozess der analogen chemischen Fotografie, bis der Zenit
überschritten war -, das spielt sich bei den jüngeren Technologien im
Zeitraffertempo ab. Gerade ein bisschen mehr als zehn Jahre alt ist
der Mobilfunkmarkt als Massenprodukt - und schon ist er in der
absteigenden Phase von Überkapazität und Preisverfall angelangt.
Viel schneller, als irgendwer erwartete, erreichten Handys eine fast
hundertprozentige Marktdurchdringung. Die nachdrängende Innovation
wird in wenigen Jahren dazu führen, dass Frequenzen zum Telefonieren
nicht mehr Mangelware, sondern im Überfluss vorhanden sein werden.
Gestützt von der "Verhoferisierung" der Gesellschaft, auf
der ständigen Jagd nach dem nächsten Schnäppchen, werden neue Kunden
den anderen mit Schleuderpreisen abgejagt. Damit die Preise billig
sind, müssen die Kosten niedrig sein - also muss mit möglichst wenig
Mitarbeitern produziert werden.
So weit, so logisch - und wir finden uns in gleichem Ausmaß als
Gewinner und Verlierer dieser Entwicklung wieder. Als Konsumenten
gewinnen wir durch billigere Preise. Als Berufstätige verlieren wir
durch tendenziell sinkendes Einkommen (höhere Arbeitslosigkeit erhöht
den Druck, für etwas weniger Geld in Arbeit zu bleiben) und höheren
Aufwand für Arbeitslosigkeit. Und für Arbeitssuchende wird es immer
schwerer, einen Job zu finden und zu behalten.
Ein einfacher Ausweg aus dieser Lage, vielfach "jobless recovery"
bezeichnet (es gibt wieder Wirtschaftswachstum, aber die
Beschäftigung nimmt weiter ab), ist weit und breit nicht in Sicht. Es
wird uns nicht erspart bleiben, weiter auf Innovation zu setzen -
Rezepte, wie die garantierte Weiterbeschäftigung überflüssig
gewordener Heizer auf Elektroloks, haben ihre Untauglichkeit
bewiesen. Damit wir mit den vielen Änderungen eines Arbeitslebens
jedoch Schritt halten können, braucht es wesentlich höherer
Investitionen in Bildung, sowohl durch den Staat als auch mit
privatem Einsatz.
Der Politik bleibt jedenfalls eine gewaltige Aufgabe - nebst den viel
zitierten Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Wirtschaft vor
allem Rahmenbedingungen zur Entwicklung der Menschen zu schaffen, die
mit diesen Änderungen zurechtkommen müssen. Aber davon war in den
vergangenen Jahren hierzulande wenig zu sehen.

OTS0243    2004-05-13/18:34

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel