Gusenbauer: Schonungslose Aufarbeitung der Vergangenheit bleibt keinem Land erspart

Wien (SK) "Ich will, dass die Sozialdemokratie die Vergangenheit 'einigermaßen anständig' aufarbeitet", sagte SPÖ-Parteivorsitzender Alfred Gusenbauer in der BSA-Veranstaltung "Vergessen, verurteilen -oder Wahrheit suchen?" am Mittwochabend. Solange das "schlechte Gewissen" noch vorhanden sei, werde man die Vergangenheit nicht verarbeiten können, zeigte sich Gusenbauer überzeugt - daher trete er auch dafür ein, dass die "braunen Flecken" innerhalb der Sozialdemokratie untersucht werden. In dieser letzten Veranstaltung der Reihe "Der Wille zum aufrechten Gang" setzten sich weiters Univ. Prof. Dr. Gerhard Botz (Institut für Zeitgeschichte) und Adv. Nkosinati S. Memela (Erster Sekretär, Südafrikanische Botschaft) mit der Thematik auseinander. BSA-Präsident Caspar Einem übernahm die Präsentation; Andreas Schwarcz moderierte die Veranstaltung. ****

Vor vier Jahren habe sich die SPÖ die Aufgabe gestellt, sich mit den "braunen Flecken" in der Sozialdemokratie auseinander zu setzen, sagte Gusenbauer. In diesem Zusammenhang wurde zuerst die Historikerkommission beauftragt, um die "Übertragung der Vermögensverhältnisse" zu erforschen. Danach wurde im Rahmen der "personellen Kontinuität und Diskontinuität" untersucht, welche ehemaligen NSDAP-Mitglieder in der Sozialdemokratie Unterschlupf fanden, und die dritte Auseinandersetzung bezog sich auf die Frage, welche "Lehren aus dem Fortgang der Geschichte" gezogen wurden, erklärte Gusenbauer. Durch die parlamentarische Demokratie und mit der Etablierung des Rechtsstaates wurden die richtigen Konsequenzen gezogen, so Gusenbauer - jetzt gehe es um die Frage, welche "Konsequenzen aus der Aufarbeitung der Geschichte" gezogen werden".

Die Überwindung der Vergangenheit nach 1945 bezog sich nicht auf die "Zeit von 1938 bis 1945", sondern auch die Zeit bis 1934, kritisierte Gusenbauer. So sei in den 1970er Jahren nicht die Aussöhnung von "Opfer und Täter der Nazi-Zeit" im Mittelpunkt gestanden, sondern die Konzentration sei auf den Kräften gelegen, die sich "im Bürgerkrieg des Jahres 1934" gegenüberstanden. Gusenbauer: "Die Überwindung der Vergangenheit bezog sich auf die falsche Zeit."
Freilich waren die Opfer des nationalsozialistischen Regimes entweder tot oder sie befanden sich Exil, erinnerte Gusenbauer. In Österreich wurde danach mit den "Mitteln der strukturellen Gewalt" ein Prozess der "gewaltsamen Verdrängung" in die Wege geleitet, so der Parteichef: "Nicht die Täter, sondern die Opfer der Nazis waren gesellschaftlich diskreditiert." Hinsichtlich des Massenphänomens Nationalsozialismus, wo ein Drittel der (männlichen) Bevölkerung in der "nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie" involviert war, wurden die Opfer dem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, die "Vergangenheit nicht zu thematisieren", kritisierte Gusenbauer.

Dass es innerhalb der Sozialdemokratie keine "Politik der aktiven Rückholung" gab, wurde von Gusenbauer als "Sündenfall" bezeichnet. Viele Sozialdemokraten, die zwischen 1934 und 1938 das Land verlassen mussten, befanden sich im Ausland im Exil: "Nach 1945 gab es einen eklatanten Mangel an 'Führungskräften' im Land. Und da es keine aktive Einladung gab, blieb das intellektuelle Potential auch meist im Ausland." Die in Österreich zu Verfügung stehenden 'Führungskräfte' waren demnach entweder ehemalige NSDAP-Mitglieder oder sie kamen aus konservativen Kreisen, so Gusenbauer: "Die Sozialdemokratie mit ihrem großen personellen Aderlass verfügte nicht um über das geeignete Personal, um regieren zu können." In diesem Zusammenhang wollten die Großparteien den VdU instrumentalisieren. "In den ersten 15 Jahren der Zweiten Republik hat es ein politisch-strategisches Spiel mit dem nationalsozialistischen Lager gegeben", erinnerte Gusenbauer und betonte, dass er die Frage, ob dieses "Spiel" eine notwendige Voraussetzung zur Bildung der Nation war, mit einem "großen Fragezeichen" versehen möchte.

Caspar Einem wies abschließend darauf hin, dass es einen Schlussbericht "zur Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Integration ehemaliger Nationalsozialisten" geben werde. Die SPÖ werde mit den Ergebnissen ihrer Forschung im Herbst an die Öffentlichkeit treten, Teile des Berichtes sollen online publiziert und der Endbericht werde in Buchform erscheinen.
(Schluss) gg

Rückfragen & Kontakt:

Pressedienst der SPÖ
Tel.: (++43-1) 53427-275
http://www.spoe.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | SPK0005