• 06.05.2004, 11:32:00
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Am 3. und 4. Mai 2004 lud die Raiffeisen Versicherung zum jährlichen Pensionssymposion

8. Raiffeisen Versicherungs Pensionssymposion in Paris

Wien (OTS) - Im Fokus des mittlerweile zur Tradition gewordenen
Symposions stand neben Frankreich auch der generelle Reformkurs der
nun auf mittlerweile 25 Staaten erweiterten Europäischen Union.
Hochkarätige Vortragende boten den Teilnehmern Einblicke in die
aktuelle Situation der europäischen Pensionssysteme und mögliche
Lösungsansätze für Zukunft. Höhepunkt des Symposions waren die
Ausführungen von Weltbankdirektor Prof. Dr. Robert Holzmann.

Weltbankdirektor Prof. Dr. Robert Holzmann erklärte warum Reformen
auch für Europas künftige Wettbewerbsfähigkeit so entscheidend sind
und wie seine Idealvorstellung eines Alterssicherungssystems
aussieht. Eine Zusammenfassung:

Die Pensionskosten hemmen Europas Wettbewerbsfähigkeit
Europa hat im Vergleich mit anderen Märkten enorm hohe Pensionskosten
(die durchschnittlichen Pensionskosten der "alten EU 15" liegen etwas
über 10 % des BIP, in übrigen Staaten wie USA, Japan, Australien,
Kanada sind sie nur halb so hoch. Österreich liegt mit 14,5 %
überhaupt an der Spitze). Durch die gemeinsame Währung ist es
einzelnen Ländern nicht wie früher möglich, Wettbewerbsnachteile
durch Abwertung auszugleichen. Besonders betroffen davon sind Länder
mit hohen Lohnnebenkosten.
Der Wechselkurs wird allerdings nicht allein durch die
Leistungsbilanz eines Landes bestimmt, sondern auch durch dynamisches
Wachstum. Die dafür notwendige Innovation und Mobilität (neue
Produkte, neue Märkte, lebenslanges Lernen, stärkeres Unternehmertum
etc.) wird durch das derzeitige Pensionssystem gehemmt. Anreize für
eine flexiblere Gestaltungsmöglichkeit des Arbeitslebens (z.B.
Weiterbildungskarenz) fehlen ebenso, wie für die Stärkung der
Selbstständigkeit. Ein weiterer Wettbewerbsnachteil Europas ist
dessen unterentwickeltes Finanzmarktsystem.

Sozioökonomische Veränderungen bedingen Reformen

Die Pensionsdiskussion in Europa wird primär mit fiskalischen
Argumenten geführt. Bisher wenig Beachtung finden laut Prof. Holzmann
die sozioökonomischen Faktoren, die ebenfalls eine Reform der
derzeitigen Pensionssysteme notwendig machen. Die Frauenerwerbsquote
wird weiter steigen. Die Scheidungsraten sind enorm hoch und die
Familienstrukturen ändern sich. Die Zahl von Teilzeitjobs und
atypischen Beschäftigungsverhältnissen wird zunehmen. Dafür gibt es
derzeit unzureichende bzw. gar keine Pensionsregelungen.

Das ideale Alterssicherungssystem

Die Pensionen in Europa setzen sich in der Regel nach dem
3-Säulenprinzip (staatlich, betrieblich, privat) zusammen. Für Prof.
Holzmann ist die Zusammensetzung des Ruhegenusses aus mehreren Säulen
wichtig: " Durch eine Aufteilung auf mehrere Säulen erfolgt eine
Risikodifferenzierung zwischen politischer, ökonomischer und
demografischer Risiken." Sein ideales Alterssicherungssystem sieht
dennoch etwas anders aus:

1. Eine starke Hauptsäule: Eine Kombination aus Umlageverfahren und
    kapitalgedeckter Pension. Diese Hauptsäule müsste allerdings
    anders strukturiert sein und  um Faktoren ergänzt werden, die
    den Alterungsprozess der Bevölkerung berücksichtigen. Den
    unterschiedlichen Lebensperioden und der längeren
    Lebenserwartung müsste im System durch Zu- und Abschläge
    Rechnung getragen werden.

 2. Eine "soziale" Säule: Eine Form von Mindestpension für ältere
    Menschen, die nie oder nur beschränkt die Möglichkeit gehabt
    haben am staatlichen System teilzunehmen oder aus dem
    staatlichen System zu wenig schöpfen konnten.  In den Genuss
    dieser Säule sollten betroffene Menschen mit 67 bis 70 Jahren
    kommen.

 3. Eine kapitalgedeckte Marktpension: Betriebliche und/oder private
    kapitalgedeckte Pension

Pensionsharmonisierung in Österreich

Eine Harmonisierung der verschiedenen Pensionssysteme ist für
Prof. Holzmann nicht nur für Österreich sondern europaweit aus
Gleichheits- und Effizienzgründen wichtig. "Aus Gleichheitsgründen
deshalb, weil das jetzige System in Österreich unterschiedliche
Beiträge aus der Staatsschatulle verlangt, die in keinster Weise vom
Bedarf gekennzeichnet sind, sonders sich aus einem politischen Bedarf
ergeben haben" begründet Prof. Holzmann.
Eine moderne Wirtschaft benötigt ein System, wo man humane
Arbeitsressourcen nutzen und daher zwischen öffentlichem und privaten
System wechseln kann. Dies wird derzeit behindert. Daher ist eine
Harmonisierung auch aus Effizienzgründen sinnvoll, die laut Prof.
Holzmann einfach zu realisieren wäre: "Die Frage der Umsetzung ist
auch technisch einfach und es überrascht mich, warum dies politisch
in Österreich so schwierig erscheint. Für alle könnte ein
einheitliches System binnen einem Jahr umgestellt werden."

Seine These: Man nehme einen Beamten der fünf Minuten vor Pension
ist und vergleiche ihn mit einem Beamten der 40 Jahre ist und einem
der zu arbeiten beginnt. Alle bestehenden Pensionsansprüche werden
per Stichtag in Geld umgerechnet und fiktiv gutgeschrieben. Am
nächsten Tag wird für Beamte, Gewerbetreibende usw. mit einem System
fortgefahren. In einem Kontensystem wird das Geld gutgeschrieben und
verzinst. Derjenige der vor dem Stichtag kurz vor der Pension stand
erhält im wesentlichen die gleichen Leistungen wie im alten System.
Der Einsteiger erhält die Ansprüche nach neuem System und der
40jährige erhält Leistungen je zur Hälfte aus altem und neuem System.
"Dieses System wäre gerecht, effizient und bietet jene Anreize, die
es für eine alternde Bevölkerung bedarf. Natürlich steht es dem
Staat, den Unternehmen frei, ihren Mitgliedern zusätzlich noch eine
kapitalgedeckte Pension mit beitragsbezogener Leistung zu gewähren"
erklärt Prof. Holzmann die Vorteile einer Harmonisierung.

Analyse der Reformbemühungen in Österreich

Die bisherige Pensionsreform in Österreich bezeichnet Prof.
Holzmann einerseits als überraschend stark, andererseits als noch
unzureichend. Positiv hebt er die Eindämmung der
Frühpensionsproblematik hervor. Die bereits erwähnte Harmonisierung
und ein beitragsorientiertes System (was ich einzahle bekomme ich
heraus) wären seiner Meinung nach ebenso sinnvoll wie auch Anreize zu
schaffen, dass die Menschen auch länger arbeiten. " Dies wäre auch
eine Herausforderung für Arbeitgeber und Gewerkschaften nicht nur
über Löhne zu verhandeln, sondern auch einmal über
Gesundheitsmaßnahmen und Bildungsmöglichkeiten der Mitarbeiter
nachzudenken" erläutert Prof. Holzmann den Umdenkprozess für
Arbeitsanreize.

Die kapitalgedeckte Säule in Österreich

Die Schaffung und vor allem konstante Beibehaltung von
steuerlichen Anreizen der kapitalgedeckten (betriebliche und private)
Säule ist für Prof. Holzmann ein wichtiger Aspekt bei der Sicherung
der Alterspensionen: "Steuerliche Anreize dürfen nicht einmal
gegeben, dann wieder genommen werden. Keep it simple lautet der
Erfolg bei der Schaffung von Anreizen. Das haben alle Beispiele in
den verschiedenen Ländern bisher gezeigt. Ein Negativbeispiel mit
viel zu komplexen Regelungen ist Deutschland."

Eckpfeiler der Pensionsreform in Frankreich

Frau Dominique Lassus-Minvielle vom französischen Arbeits- und
Gesundheitsministerium zeigte auf wie problematisch Bemühungen von
Strukturveränderungen sein können: Die im Vorjahr von der
konservativen Regierung beschlossene Rentenreform hat im März zu
massiven Verlusten der Partei bei den Regionalwahlen geführt.

In Frankreich gibt es eine Vielzahl von Pensionssystemen für
unterschiedliche Berufsgruppen. Dies war mit ein Grund, warum
bisherige Reformversuche in Frankreich am Protest einzelner
Gewerkschaftsgruppen und den unterschiedlichen Bestimmungen
gescheitert waren. Frankreich steht allerdings vor den gleichen
Problemen wie der Rest Europas. Die Pensionsaufwendungen machen in
Frankreich 12,7 % des BIP aus. "Derzeit erhalten 10 Erwerbstätige 4
Pensionisten. 2040 wird das Verhältnis 1 zu 3 sein" erklärt Frau
Dominique Lassus-Minvielle vom Arbeits- und Sozialministerium
Frankreichs. "Wie in Österreich treten auch die Franzosen immer
später ins Erwerbsleben ein. Mit 55 Jahren sind in Frankreich nur
mehr ein Drittel erwerbstätig, ein Drittel Frühpensionisten und ein
Drittel Arbeitssuchende."

Im Sommer 2003 wurde nun eine Pensionsreform mit dem Ziel
beschlossen, bestimmte Berufsgruppen an das größere allgemeine
Sozialversicherungssystem anzunähern. Beispielsweise soll die
Versicherungsbeitragsdauer für alle Systeme des privaten und
öffentlichen Sektors bis 2012 auf 41 Jahre erhöht werden, für die
Pensionsberechnung sollen künftig die besten 25 Jahre statt bisher 10
Jahre herangezogen werden. Frau Dominique Lassus-Minvielle: "Durch
die Reform werden Harmonisierungsmaßnahmen gesetzt, um die wirklich
großen Unterschiede der verschiedenen Pensionssysteme etwas zu
vermindern".

Herr Andreé Renaudin, Generaldirektor des französischen
Versicherungsverbandes, sieht auf Grund der Reformpläne und der
demografischen Entwicklung auch in Frankreich eine weitere Zunahme
der privaten Vorsorge: "Die Rentendebatte hat dazu geführt, dass über
die gesetzliche Pension allein die Rente nicht zu sichern ist. Die
private Vorsorge muss daher zunehmen." Er hält es daher für
wesentlich, dass alle Franzosen Zugang zu freiwilligen Sparmodellen
für die Rentenversicherung haben. Die Regierung hat im Vorjahr die
Palette der Versicherungsprodukte zur Altersversorgung um die PERP,
eines sogenannten Volksrentensparplans mit Steuerabzugsfähigkeit der
Beiträge, erweitert.

Beiträge zu freiwilligen Altersvorsorgemaßnahmen gelten in
Frankreich bis zu einem Betrag von EUR 24.000,-- als
steuerabzugsfähig, wenn die Auszahlung in Rentenform erfolgt.
Generell gilt laut Renaudin Frankreich mit einem Prämienvolumen 2003
von EUR 143 Milliarden als der weitentwickeltste
Lebensversicherungsmarkt Europas. Renaudin: " Die Lebensversicherung
stellt 60% der Nettokapitalanlage der französischen Haushalte dar und
bildet ein Drittel des Vermögens der privaten Haushalte." Der Anteil
an reinen Rentenverträgen mit 6 % am Gesamtvolumen ist in Franreich
hingegen noch sehr gering. 30 % der Rentenverträge sind privat, 70 %
betrieblich.

Dir. Franz Josef Werle, Direktor des Europäischen
Versicherungsverbandes erläuterte wie sehr die Pensionsproblematik
gerade auch die neuen Mitgliedsländer der Europäischen UNION betrifft
und wie es allgemein um den Pensionsreformkurs in Europa steht.

Dir. Werle meint, dass angesichts einer immer älter werdenden
Bevölkerung und deren zunehmendes Gewicht im Verhältnis zur
Aktivbevölkerung die im Umverteilungswege finanzierten sozialen
Sicherungssysteme schon heute je nach Land mehr oder minder großen
finanziellen Herausforderungen ausgesetzt sind. Reformen sind daher
unumgänglich, um die Nachhaltigkeit der Alterversorgungssysteme zu
sichern. Die Schaffung von wirtschaftlichen, rechtlichen, sozialen
und steuerlichen Rahmenbedingungen ist dafür notwendig, was konkret
folgendes bedeutet: eine Altersversorgung und private Vorsorge auf
mehreren Stufen und Ebenen, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem
Umlage- und Kapitaldeckungs-Finanzierungsverfahren, Flexibilität und
Anpassung an die Anforderungen der Gesellschaft, Wirtschaft und
Arbeitswelt, die Zuweisung einer klar definierten Rolle der
Versicherer und übrigen Anbieter im EU-Binnenmarkt der betrieblichen
Alterversorgung und in den Mitgliedstaaten eine fristgerechte
Umsetzung der gemeinschaftsrechtlichen Regelwerke und eine Eindämmung
neuer Vorhaben seitens der EU-Kommission.

OTS0134    2004-05-06/11:32

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | UQA

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