"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Historisches Datum" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 30. April 2004

Innsbruck (OTS) - Ein Traum wird wahr: Der europäische Kontinent, Wiege der Neuzeit, überwindet seine Teilung, seinen brachialen Nationalismus, seine verbrecherischen Irrwege. Die Erweiterung der Europäischen Union um zehn Länder gibt dem Kontinent ein neues, ein anderes Gesicht. Der Termin des Beitritts, der 1. Mai 2004, könnte als historisches Datum den Beginn einer neuen Ära markieren.
Erst mit diesem Schritt löst das 21. Jahrhundert das vorherige ab. Am Beginn des 20. Jahrhunderts standen verelendete, nach Gerechtigkeit schreiende Massen. Ihnen gegenüber verrottete, autoritäre Machteliten, eingebettet in eine ihrer selbst überdrüssig gewordene dekadente Oberschicht. Am Morgenhimmel des 21. Jahrhunderts strahlten zart die wärmenden Strahlen einer sich durchsetzenden Aufklärung, eines neuen Wissens um den Menschen und die Natur, kurz: die Moderne. Der Hoffnung des Aufbruchs in eine neue Zeit folgte die Düsternis zweier Weltkriege, des Faschismus, des Kommunismus. Die Heilsversprechungen der Diktaturen endeten für Millionen Menschen in einem Blutbad. In Namen reiner Lehren und Rassen wurde in Lagern gefoltert und gemordet, wurden Familien zerrissen, Menschen massakriert, Völker ausgerottet.
Krieg auf diesem Kontinent zu verhindern war der Grund, die heutige Europäische Union zu schaffen. Friede und Freiheit, Demokratie und soziale Marktwirtschaft sind die Säulen, die das Dach der Union tragen. Unter seinem Schutz sollen Wohlfahrt und Wohlstand gedeihen. Das gelang so überzeugend, dass die nun neuen EU-Mitglieder den Kommunismus abschütteln konnten und wieder dort sind, wo sie immer schon hingehörten: in Europa.
An dieser Union gibt es einiges zu kritisieren. Etwa, dass sie zu wenig an Visionen und zu viel an Bürokratie mit sich bringe. Ein Vorwurf, der in Einzelfällen stimmen mag, aber keinesfalls das Ganze aus den Angeln heben darf.
Die Freude in den neuen Mitgliedsländern passt nicht zur EU-Skepsis in den alten. Bei nationalen Wahlgängen bietet es sich an, für Mängel und Unterlassungen die Union verantwortlich zu machen. So werden aus Europa- meist Denkzettelwahlen. Dabei wurde offenbar nur zu wenig nachgedacht. Etwa über Lehren aus dem 20. Jahrhundert.

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