Der letzte Kronzeuge Stauffenbergs: Carl Szokoll und die Zivilcourage

3sat-Porträt des Nazi-Widerstandskämpfers und "Retters von Wien" anno 1945

Wien (OTS) - "Die Jugend von heute braucht wieder Ideale und sie braucht vor allem angesichts des neuen Europas auch viel Zivilcourage. Diese Werte zu vermitteln, bin ich verpflichtet." Das sagt Carl Szokoll, 88, als Nazi-Widerstandskämpfer am Stauffenberg-Attentat beteiligt und erst mehr als vier Jahrzehnte nach Ende des Krieges als einer der "Retter von Wien" im Jahr 1945 gefeiert. Diesem bedeutenden Zeitzeugen ist das halbstündige Porträt "Der letzte Kronzeuge Stauffenbergs: Carl Szokoll und die Zivilcourage" von Peter Dusek, Leiter des ORF-Fernseharchivs, und Regisseur Georg Madeja gewidmet, das am Dienstag im RadioCafe in Wien präsentiert wurde und das 3sat am Sonntag, dem 9. Mai 2004, um 18.30 Uhr zeigt. Dieser Film ist auch Teil eines Schulprojekts des internationalen "Arbeitskreises zur Förderung und Entwicklung von reflektiertem Geschichtsbewusstsein" und wird in erweiterter Form in Schulen gezeigt werden. Zudem ist die Herausgabe von Begleitmaterial zu diesem Thema geplant.

Carl Szokoll kann als letzter Kronzeuge des missglückten Stauffenberg-Attentats auf Adolf Hitler bezeichnet werden. Wenn der 88-Jährige von seiner lebensgefährlichen Teilnahme an der Aktion "Walküre" im Juli 1944 Schülern von heute erzählt, dann münden seine Erinnerungen stets in den Satz: "Wir leben in viel besseren Zeiten als im grauenhaften NS-Regime, aber Zivilcourage ist immer notwendig."

Die Fragen der Schüler kreisen stets um den Umstand, wieso Carl Szokoll unentdeckt blieb, während alle anderen Mitstreiter von Stauffenberg verhaftet und hingerichtet wurden. "Ich hatte Glück. Stauffenberg riet mir bei einem letzten Zusammentreffen, in Hinkunft mich über die Stiefelausgabestelle mit ihm verbinden zu lassen." Offenbar gab er diesen Rat nicht an andere weiter, denn als am 20. Juli 1944 das Bombenattentat misslang, wurden alle hingerichtet, die Stauffenberg direkt angerufen hatten. Nur Major Szokoll ließ sich über die Wäschekammer bzw. Stiefelausgabestelle mit dem Kopf der Aktion "Walküre" verbinden.

Allerdings riskierte Carl Szokoll wenige Monate später noch einmal Kopf und Kragen. Denn in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs gehörte er zu jenen, die die Politik der verbrannten Erde durch die Nationalsozialisten vereitelten und zugleich den Kontakt zur Sowjetarmee herstellten. Dadurch wurde Wien ein Schicksal wie Budapest erspart. Carl Szokoll entging auch im Frühjahr 1945 nur knapp der Verhaftung und Hinrichtung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er seine Widerstandserfahrungen als Filmproduzent auf und war u. a. für den Erfolgsfilm "Die letzte Brücke" mit Bernhard Wicki und Maria Schell verantwortlich. Noch heute agiert er als Zeitzeuge vor Schülern und Lehrern, um seine Lebenserinnerungen an die nächsten Generationen weiterzugeben.

In der halbstündigen Dokumentation wird der aufregende Lebensweg des heute 88-jährigen Carl Szokoll nacherzählt und man erlebt ihn auch bei Veranstaltungen mit der Jugend von heute. Neben authentischem Archivmaterial werden auch Zitate aus diversen Stauffenberg-Verfilmungen gebracht, auch aus der aktuellen Version der ARD-ORF-RAI-Koproduktion "Stauffenberg", die am 25. Februar 2004 im ORF zu sehen war.

Rückfragen & Kontakt:

http://presse.ORF.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRF0005