"DER STANDARD"- Kommentar: "Wählerin-Beschimpfung" von Eva Linsinger

Ausgabe von 28.4.04

Wien (OTS) - Endlich hat Benita Ferrero-Waldner die Schuldigen an ihrer Wahlniederlage gefunden. Es sind natürlich weder unpopuläre Maßnahmen der Regierung oder Landesparteien mit mangelndem Einsatz -sondern die bösen Wählerinnen. Denn die waren, frei nach Ferrero-Waldner und ihrem Wahlkampfleiter Kurt Bergmann, entweder schlicht zu blöd, um den Fortschritt einer ersten Frau in der Hofburg mit ihrer Stimme zu würdigen. Oder, in ihrer Spezialausformung als "linke Emanzen", überhaupt so gemein, Ferrero-Waldner zu "schaden".

Diese leicht beleidigte schwarze Wählerinnen-Beschimpfung hat gleich mehrere bemerkenswerte Facetten. Die erste ist die Wortwahl: Die Verwendung des Ausdrucks "Emanzen", speziell in der Kombination mit "verhärmt", ist ein beliebter Verbaltrick, um fortschrittliche Frauen zu diskreditieren und sich gleichzeitig von ihnen zu distanzieren. Das passt zu Ferrero-Waldners Positionierung im Wahlkampf und führt zum viel prinzipielleren Aspekt: Sie hat zwar das gute F, die Frauenkarte, massiv gespielt - sich aber gleichzeitig vom bösen F, dem Feminismus, erschrocken abgegrenzt. Wer nicht den geringsten emanzipatorischen Ansatz hat, darf sich nicht wundern, wenn das Frauen-As nicht sticht. Anspruch und Angebot müssen zusammenpassen, gerade wenn frau Frauensolidarität einfordert. Das Geschlecht der Kandidatin ist als alleiniges Argument ein bisschen wenig. Vor allem dann, wenn es von einer Partei kommt, die sich in ihren Kanzler-Jahren zwar massiv der Mütter und Familien angenommen hat, der aber zur sonstigen Frauenförderung wenig bis gar nichts eingefallen ist.

Und die jetzt sogar Wählerinnen beschimpft. Diese Schuldzuweisungen nach der Wahl entlarven das vorherige Buhlen um Frauenstimmen als das, was es war - als Wahlkampftrick.

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