ÖSTERREICH, EIN LAND MIT HERVORRAGENDEN ARCHITEKTEN In Debatte ein Abgehen vom Billigstbieterprinzip gefordert

Wien (PK) - Der letzte Themenblock befasste sich mit dem Image
und den wirtschaftlichen Effekten. DI Jakob Dunkl (IG
Architektur) nannte das Ziel der Interessengemeinschaft, das
Image der Architektur zu korrigieren und bewusst zu machen, dass Architektur kein Luxus sei, sondern ein notwendiger Baustein des Lebensraumes. "Wir brauchen Spitzenarchitektur, aber gleichzeitig auch Alltagsarchitektur". Dass beide Ansprüche zusammenkommen können, bewies Dunkl an Beispielen von Zweckbauten der Weinwirtschaft, die bewusst Spitzenarchitekten heranziehe, um
ihren Aufstieg vom Glykolskandal zu Weltspitzenprodukten mit den Mitteln der Architektur darzustellen und bewusst zu machen.

Doris Burtscher (IG Architektur) kehrte noch einmal zur
Vorarlberger Architekturbewegung zurück, die es sich zum Ziel setze, Perfektion, Modernität, Innovation und Know-How zum
Ausdruck zu bringen. Dies seien auch die Begriffe, mit denen sich die ganze Region definiere. Die Architektur schaffe auf diese
Weise Identität und transportiere Images. An einer solchen regionalen Imagebildung, für die es auch hervorragende Beispiele
in der Schweiz oder im spanischen Bilbao gebe, müsse Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung mit der Architektur zusammenwirken.

Jakob Dunkl resümierte schließlich die Forderungen der IG Architektur, indem er auf die Förderung junger Architekten
hinwies, die Absicht zurückwies, jungen Architekten beim Eintritt in eine Kammer den Verzicht auf geleistete Pensionsbeiträge zuzumuten, und verlangte, junge Architekten bei Wettbewerben zu fördern.

Abgeordnete Carina Felzmann (V, ARGE Kreativwirtschaft) gab Eindrücke einer Reise nach Athen wieder, wo neben die Architektur der klassischen Antike nun das Bemühen trete, für die Olympischen Spiele moderne Architektur zu schaffen, von der zu hoffen sei,
dass auch sie in die Geschichtsbücher eingehe.

Als Ziel der ARGE Kreativwirtschaft nannte Felzmann, Österreich
im erweiterten Europa mit seinen kreativen Köpfen zu
positionieren. Da Österreich weder billige Rohstoffe noch ein Billiglohnstandort sei, müsse es die vielen Begabungen auf den Gebieten Architektur, Design, Musik, Literatur und Film nützen.
Die ARGE will ein Netzwerk und eine Plattform schaffen, um
kreativen Köpfen die Türen zu Gewerbe und Industrie zu öffnen. "Die einen brauchen Ideen, die anderen Aufträge". Schon heute beschäftigen die 300 Unternehmen der Kreativwirtschaft 11.000 Beschäftigte und erlösen 1,2 Mrd. € jährlich. Schließlich machte Carina Felzmann darauf aufmerksam, dass die österreichische EU-Präsidentschaft 2006 im Zeichen der Kreativwirtschaft stehen
werde.

Michaela Mischek fragte als Vertreterin der Bauwirtschaft nach
den Bedingungen, die notwendig wären, damit Architekten
wesentliche Impulsgeber für die Bauwirtschaft sein könnten. Sie sind es derzeit nicht, wenn man von dem positiven Beispiel Vorarlbergs absieht. Grundsätzlich bekannte sich Mischek zum Dreieck Planer – Bauherr - Bauwirtschaft und führte aus, dass überall dort, wo es dieses Dreieck nicht gebe, nur ein schlechtes Produkt herauskommen könne. Dieses Dreieck funktioniere nicht, daher träten immer mehr Totalunternehmen auf. "Bauen ist mühsam", sagte Mischek und führte darauf die Neigung vieler Bauherrn zurück, es sich mit Totalunternehmern einfacher zu machen. Auf
der anderen Seiten gebe es viele Architekten, die meinten, der Bauherr verstehe ohnedies nichts von Architektur. Baukultur sei
eine gemeinsam zu lösende Aufgabe - erst durch die Kooperation
sei eine Qualitätssteigerung möglich. Im Einzelnen forderte Mischek das Abgehen vom Billigstbieterprinzip und einen Übergang zum Bestbieterprinzip, eine Forschungs- und
Innovationsinitiative, um die KMU in direkten Kontakt mit Baukünstlern zu bringen, die Errichtung von Kompetenzzentren und mehr Kontakte zwischen Hochschulen, Professoren und
Bauwirtschaft.

Univ.-Prof. Mag. Hans Hollein, Präsident der Zentralvereinigung
der Architekten Österreichs, nahm vor Beginn seiner Ausführungen die Glückwünsche der Vorsitz führenden Abgeordneten Christine Muttonen und der Teilnehmer der Enquete zu seinem heutigen 70. Geburtstag entgegen. Zum Thema Architektur als "Exportschlager"
ins Ausland sagte Hollein, Österreich sei ein Land mit hervorragenden Architekten, die im Ausland Spitzenpositionen erreichen, außerdem verfüge Österreich über eine international renommierte Architektenausbildung sowie über sehr gute Architekturlehrer und -studenten. Da Österreich zu klein sei, um das Potential seiner Architekten auszuschöpfen, müssen österreichische Architekten international mitspielen. Grundlagen für erfolgreichen Architekturexport schaffen Einzelpersonen und Institutionen, wobei derzeit Einzelarbeiten im Vordergrund
stehen. Um erfolgreich zu sein, braucht die österreichische Architektur ein kreatives Umfeld, hervorragende Lehrer von der Volksschule bis zur Universität und eine entsprechende
Ausstattung der Lehranstalten. Die Lehre sei global zu
orientieren, der internationale Austausch zu fördern und Englischkenntnisse seien eine wichtige Voraussetzung für internationalen Erfolg. Berufsständischem Denken erteilte Hollein eine Absage, es sei im Hinblick auf Exporterfolge nicht zielführend, da Wettbewerbe EU-weit oder weltweit offen seien, wesentlich sei hingegen oft das Follow-Up nach erzieltem Gewinn
bei einem Wettbewerb. Von internationalen Aufträgen können nicht nur österreichische Architekten profitieren, sondern im Gefolge auch österreichische Firmen, hielt Hans Hollein fest.

DI Mag. Max Rieder, Mitglied des Architekturbeirats des Bundeskanzleramtes, betonte als letzter Referent, Baukultur
brauche engagierte PartnerInnen. Voraussetzung für Partnerschaft sei aber Gleichberechtigung, diese fehle derzeit jedoch. Man
befinde sich in einer win-loose-Beziehung, skizzierte Rieder, die Architekten seien auf der Looser-Seite. Ihr jahrzehntelanges Engagement für Baukultur habe eine Dimension der Selbstzerstörung erreicht, sie seien mit Auftragsmangel, Preiswettbewerben und unfinanzierbaren Vorleistungen konfrontiert. Architekten würden
vom Baugeschehen verdrängt und immer mehr als "Imageproduzenten für Oberflächen und als Fassadengestalter" missbraucht.

Rieder hob die - uneigennützige - Bereitschaft der Architektenschaft hervor, unentgeltlich und freiwillig dem Wettbewerb "zu frönen". Ihm zufolge beträgt der Dienstleistungswert der rund 5.400 jährlich bei Wettbewerben eingereichten Projekte - Rieder geht bei seinen Berechnungen von
180 Verfahren mit je 30 TeilnehmerInnen aus - einen Wert von 64,8 Mill. €. Die Architekten wollten diesen Beitrag in Zukunft refundiert bekommen, sagte Rieder, derzeit erreiche die Bundes-
und Landesförderung für Architektur nicht einmal annähernd diesen eingesetzten Betrag.

Eingefordert wurde von Rieder auch mehr Planungskultur. Er wies darauf hin, dass die 6.000 Ziviltechniker und 3.500 Architekten lediglich 17 % des Hoch- und Tiefbaus Österreichs "beplanen" und weder im Wohnbau noch sonst wo tatsächlichen Einfluss hätten. Das sei so, als ob 83 % aller Herzoperationen von Allgemeinmedizinern statt von Kardiologen durchgeführt würden, veranschaulichte er.

Rieder fragt sich, wieso könne man "monofunktionalen" Wohnbau und die in Österreich "herumstehenden" Tourismus- und landwirtschaftlichen Bauten noch fördern. Das Kultur- und Tourismusland Österreich vernachlässige massiv den touristischen Raum, beklagte er, Österreich habe nur noch "unglaubliche, öde Lärmschutzkorridore durch das ganze Land, skurrile Raststätten, kitschige Alpenhotels, Seilbahnstationen, Zollstationswüsten, Einkaufszentren auf der grünen Wiese, unsägliche Techno- und Gewerbeparks" zu bieten. Förderungen und
Finanzausgleichszahlungen müssten in Hinkunft an Grundsätze der Qualität gebunden werden, forderte Rieder, diese seien sehr wohl formulierbar.

DI Martin Höbarth (Präsidentenkonferenz der
Landwirtschaftskammern Österreichs) unterstrich in der anschließenden Diskussion, wesentlich sei nicht nur, wie und wo
was gebaut werde, sondern auch, welcher Baustoff verwendet wird.
Die Sicherung der Lebensqualität beginne mit der Wahl der Baustoffe, bekräftigte er. Nach Ansicht Höbarths kommt man, beschäftigt man sich mit ökologischem und nachhaltigem Bauen, um den Baustoff Holz nicht herum, nicht zuletzt sei dieser ein wichtiger Beitrag für den Klimaschutz. Ansetzen könnte die
Politik ihm zufolge bei der Wohnbauförderung oder bei der Ausschreibung von Wettbewerben.

Dr. Andreas Lehne (Bundesdenkmalamt) erklärte, Substanzerhaltung und kreatives neues Bauen müssten nicht strikt getrennt sein. Seiner Meinung nach gibt es aber einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass wertvolles Altes erhalten bleiben müsse. Verantwortungsvoller Umgang mit dem Erbe gehöre zur Kultur dazu.

Auch Bundesrat Dr. Georg Spiegelfeld-Schneeburg (V) wies auf die Notwendigkeit hin, das kulturelle Erbe der Vergangenheit für die Zukunft zu bewahren. Er trat für eine steuerliche Entlastung privater Eigentümer von Kulturdenkmalen ein. In der Ausbildung
von Architekten wünsche er sich ein größeres Augenmerk für Denkmalpflege an sich, sagte Spiegelfeld-Schneeburg.

DI Volker Dienst, Koordinator der Plattform für Architektur und Baukultur, wandte sich dagegen, moderne Architektur gegen Denkmalschutz auszuspielen. Auch mit qualitativ hochwertiger moderner Architektur könne man durchaus Reiselust fördern, wie
das Beispiel Bilbao zeige, meinte er in Richtung der Denkmalschutz-Verfechter. Zudem betonte er, Städte sollten nicht nur touristische Objekte, sondern für die Menschen da sein.

Dienst zufolge könnte das Parlament selbst Bauherrnverantwortung wahrnehmen und für eine Neugestaltung des Plenarsaals sorgen. Weitere Vorschläge betrafen eine Qualifizierung der Wohnbauförderung, die Bereitstellung von Mitteln für Architekturforschung, die Erstellung eines Schwarz-Weiß-Buchs und das Aufzeigen von Best-Practise-Modellen.

Andreas Vass, ein Vertreter der IG-Architektur, wies darauf hin, dass derzeit zwei Gesetze im Parlament liegen bzw. demnächst dem Parlament vorgelegt werden, die für den Faktor Kreativwirtschaft von großer Bedeutung sind. Zum einen geht es um die Sozialversicherungsbeiträge österreichischer Architekten und Zivilingenieure, die seiner Ansicht nach in Österreich unverhältnismäßig hoch und für junge Architekten bzw. für Architekten, die Auftragseinbrüche erleiden, nicht leistbar
seien. Zum zweiten sehe ein neues Ziviltechnikergesetz, das die Bedingungen für den Berufszugang regelt, noch restriktivere Bestimmungen als bisher vor.

Bundesrat Wolfgang Schimböck (S) bedauerte, dass oftmals weder
die Verantwortlichen in Gemeindestuben noch in
Wohnbaugesellschaften wüssten, dass es eine Wohnsoziologie gebe. Seiner Auffassung nach müssen die Planungen ein größeres Maß an Funktionalität berücksichtigen. Menschen möchten in ihrer gewohnten Umgebung älter werden, umriss Schimböck eines der Probleme. Darüber hinaus forderte er eine Demokratisierung der Architektur ein, z.B. durch Mitspracherechte der Betroffenen bei Kinderspielplätzen.

Univ.-Prof. DI Dr. Christian Kühn, Vorstand der
Architekturstiftung Österreich, äußerte die Befürchtung, dass der in Amerika herrschende Trend des "Marktpopulismus", wo man bei Bauten aus zehn Standardmodellen wählen müsse, auch nach Europa kommen werde. Gleichzeitig drohe alles, was älter als 80 Jahre
ist, "einbalsamiert" zu werden, konstatierte er. Kühn wünscht sich, dass Österreich "gegen den Strom rudert", und zeigte sich überzeugt, dass sich das bezahlt mache.

Univ.-Prof. DI Dr. Volker Giencke (Institut für Hochbau und Entwerfen der Leopold-Franzens Universität Innsbruck) nahm zu einzelnen Wortmeldungen Stellung und meinte, das Statement von Staatssekretär Morak habe ihn "nicht ganz hoffnungslos gestimmt". Kritik übte er hingegen an Wirtschaftsminister Bartenstein, der
ihm zufolge "kulturelle Bewusstlosigkeit auf den Tisch gelegt
hat". Stärker berücksichtigt wissen will Giencke den Qualitäts-Aspekt in der Architekturdebatte.

Mag. Maria Ranacher (Gesellschaft für Denkmal- und
Ortsbildpflege) warnte davor, alte Architektur durch neue zu ersetzen, und meinte, neue Architektur solle dort entstehen, wo
sie hingehöre. Ihrer Auffassung nach kann man alte Architektur nicht nur durch Abriss oder Entkernung "umbringen", sondern auch, indem man sie mit moderner Architektur "umbaut".

Dr. Hannes Pflaum, Präsident des Architekturzentrums Wien, wies
auf immer wieder auftretende Schwierigkeiten bei Vertragsverhandlungen zwischen dem Bauherrn und dem Sieger eines Architekturwettbewerbs hin. Vertragsverhandlungen im eigentlichen Sinn könnten gar nicht mehr geführt werden, skizzierte er, vielmehr würden den Architekten oftmals "Knebelungsverträge" vorgelegt, die kaum kalkulierbare Risken enthielten und zum Teil extreme Preisnachlässe durch kostenlose Zusatzleistungen
erzwingen würden. Eine der Ursachen des Problems sieht Pflaum darin, dass Auftraggebern das von der Jury ausgewählte Projekt nicht gefalle und sie fälschlicher Weise glaubten, durch eine entsprechende Vertragserstellung "das Ärgste" verhindern zu müssen.

Pflaum hat, wie er ausführte, keine generelle Lösung für das Problem, er regte aber an, Ausschreibungen ausgewogene Vertragsmuster zugrunde zu legen und eventuell eine Schlichtungsstelle einzurichten. Zumindest die öffentliche Hand könnte ihm zufolge entsprechende Musterverträge verwenden und in diesem Sinn auch auf ausgegliederte Unternehmen einwirken. Dann könnten solche Verträge, wie sie derzeit beispielsweise die ÖBB für Architekten verwendeten, nicht mehr vorkommen, erklärte er.

DI Jakob Dunkl, Vertreter der IG Architektur, machte geltend,
dass die finanzielle Komponente außerordentlich wichtig sei.
Seiner Meinung nach macht es sich Wirtschaftsminister Bartenstein
zu einfach, wenn er sage, er sehe sich außerstande, Qualität zu definieren oder der Gesellschaft Qualitätsrichtlinien mit auf den Weg zu geben. Dunkl betonte, es gehe um die Qualität von
Prozessen, solche Wettbewerbe wie in Klagenfurt dürften nicht
mehr passieren.

Abgeordnete Mag. Christine Muttonen (S) bedankte sich vom Vorsitz aus bei den ReferentInnen und TeilnehmerInnen der Diskussion und hielt fest, mit der heutigen Veranstaltung sei ein Prozess in
Gang gesetzt worden, der im Parlament in den Ausschüssen weitergeführt werde. (Schluss)

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