- 30.03.2004, 19:08:48
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ÖSTERREICH, EIN LAND MIT HERVORRAGENDEN ARCHITEKTEN In Debatte ein Abgehen vom Billigstbieterprinzip gefordert
Wien (PK) - Der letzte Themenblock befasste sich mit dem Image
und den wirtschaftlichen Effekten. DI Jakob Dunkl (IG
Architektur) nannte das Ziel der Interessengemeinschaft, das
Image der Architektur zu korrigieren und bewusst zu machen, dass
Architektur kein Luxus sei, sondern ein notwendiger Baustein des
Lebensraumes. "Wir brauchen Spitzenarchitektur, aber gleichzeitig
auch Alltagsarchitektur". Dass beide Ansprüche zusammenkommen
können, bewies Dunkl an Beispielen von Zweckbauten der
Weinwirtschaft, die bewusst Spitzenarchitekten heranziehe, um
ihren Aufstieg vom Glykolskandal zu Weltspitzenprodukten mit den
Mitteln der Architektur darzustellen und bewusst zu machen.
Doris Burtscher (IG Architektur) kehrte noch einmal zur
Vorarlberger Architekturbewegung zurück, die es sich zum Ziel
setze, Perfektion, Modernität, Innovation und Know-How zum
Ausdruck zu bringen. Dies seien auch die Begriffe, mit denen sich
die ganze Region definiere. Die Architektur schaffe auf diese
Weise Identität und transportiere Images. An einer solchen
regionalen Imagebildung, für die es auch hervorragende Beispiele
in der Schweiz oder im spanischen Bilbao gebe, müsse
Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung mit der Architektur
zusammenwirken.
Jakob Dunkl resümierte schließlich die Forderungen der IG
Architektur, indem er auf die Förderung junger Architekten
hinwies, die Absicht zurückwies, jungen Architekten beim Eintritt
in eine Kammer den Verzicht auf geleistete Pensionsbeiträge
zuzumuten, und verlangte, junge Architekten bei Wettbewerben zu
fördern.
Abgeordnete Carina Felzmann (V, ARGE Kreativwirtschaft) gab
Eindrücke einer Reise nach Athen wieder, wo neben die Architektur
der klassischen Antike nun das Bemühen trete, für die Olympischen
Spiele moderne Architektur zu schaffen, von der zu hoffen sei,
dass auch sie in die Geschichtsbücher eingehe.
Als Ziel der ARGE Kreativwirtschaft nannte Felzmann, Österreich
im erweiterten Europa mit seinen kreativen Köpfen zu
positionieren. Da Österreich weder billige Rohstoffe noch ein
Billiglohnstandort sei, müsse es die vielen Begabungen auf den
Gebieten Architektur, Design, Musik, Literatur und Film nützen.
Die ARGE will ein Netzwerk und eine Plattform schaffen, um
kreativen Köpfen die Türen zu Gewerbe und Industrie zu öffnen.
"Die einen brauchen Ideen, die anderen Aufträge". Schon heute
beschäftigen die 300 Unternehmen der Kreativwirtschaft 11.000
Beschäftigte und erlösen 1,2 Mrd. € jährlich. Schließlich machte
Carina Felzmann darauf aufmerksam, dass die österreichische EU-
Präsidentschaft 2006 im Zeichen der Kreativwirtschaft stehen
werde.
Michaela Mischek fragte als Vertreterin der Bauwirtschaft nach
den Bedingungen, die notwendig wären, damit Architekten
wesentliche Impulsgeber für die Bauwirtschaft sein könnten. Sie
sind es derzeit nicht, wenn man von dem positiven Beispiel
Vorarlbergs absieht. Grundsätzlich bekannte sich Mischek zum
Dreieck Planer – Bauherr - Bauwirtschaft und führte aus, dass
überall dort, wo es dieses Dreieck nicht gebe, nur ein schlechtes
Produkt herauskommen könne. Dieses Dreieck funktioniere nicht,
daher träten immer mehr Totalunternehmen auf. "Bauen ist mühsam",
sagte Mischek und führte darauf die Neigung vieler Bauherrn
zurück, es sich mit Totalunternehmern einfacher zu machen. Auf
der anderen Seiten gebe es viele Architekten, die meinten, der
Bauherr verstehe ohnedies nichts von Architektur. Baukultur sei
eine gemeinsam zu lösende Aufgabe - erst durch die Kooperation
sei eine Qualitätssteigerung möglich. Im Einzelnen forderte
Mischek das Abgehen vom Billigstbieterprinzip und einen Übergang
zum Bestbieterprinzip, eine Forschungs- und
Innovationsinitiative, um die KMU in direkten Kontakt mit
Baukünstlern zu bringen, die Errichtung von Kompetenzzentren und
mehr Kontakte zwischen Hochschulen, Professoren und
Bauwirtschaft.
Univ.-Prof. Mag. Hans Hollein, Präsident der Zentralvereinigung
der Architekten Österreichs, nahm vor Beginn seiner Ausführungen
die Glückwünsche der Vorsitz führenden Abgeordneten Christine
Muttonen und der Teilnehmer der Enquete zu seinem heutigen 70.
Geburtstag entgegen. Zum Thema Architektur als "Exportschlager"
ins Ausland sagte Hollein, Österreich sei ein Land mit
hervorragenden Architekten, die im Ausland Spitzenpositionen
erreichen, außerdem verfüge Österreich über eine international
renommierte Architektenausbildung sowie über sehr gute
Architekturlehrer und -studenten. Da Österreich zu klein sei, um
das Potential seiner Architekten auszuschöpfen, müssen
österreichische Architekten international mitspielen. Grundlagen
für erfolgreichen Architekturexport schaffen Einzelpersonen und
Institutionen, wobei derzeit Einzelarbeiten im Vordergrund
stehen. Um erfolgreich zu sein, braucht die österreichische
Architektur ein kreatives Umfeld, hervorragende Lehrer von der
Volksschule bis zur Universität und eine entsprechende
Ausstattung der Lehranstalten. Die Lehre sei global zu
orientieren, der internationale Austausch zu fördern und
Englischkenntnisse seien eine wichtige Voraussetzung für
internationalen Erfolg. Berufsständischem Denken erteilte Hollein
eine Absage, es sei im Hinblick auf Exporterfolge nicht
zielführend, da Wettbewerbe EU-weit oder weltweit offen seien,
wesentlich sei hingegen oft das Follow-Up nach erzieltem Gewinn
bei einem Wettbewerb. Von internationalen Aufträgen können nicht
nur österreichische Architekten profitieren, sondern im Gefolge
auch österreichische Firmen, hielt Hans Hollein fest.
DI Mag. Max Rieder, Mitglied des Architekturbeirats des
Bundeskanzleramtes, betonte als letzter Referent, Baukultur
brauche engagierte PartnerInnen. Voraussetzung für Partnerschaft
sei aber Gleichberechtigung, diese fehle derzeit jedoch. Man
befinde sich in einer win-loose-Beziehung, skizzierte Rieder, die
Architekten seien auf der Looser-Seite. Ihr jahrzehntelanges
Engagement für Baukultur habe eine Dimension der Selbstzerstörung
erreicht, sie seien mit Auftragsmangel, Preiswettbewerben und
unfinanzierbaren Vorleistungen konfrontiert. Architekten würden
vom Baugeschehen verdrängt und immer mehr als "Imageproduzenten
für Oberflächen und als Fassadengestalter" missbraucht.
Rieder hob die - uneigennützige - Bereitschaft der
Architektenschaft hervor, unentgeltlich und freiwillig dem
Wettbewerb "zu frönen". Ihm zufolge beträgt der
Dienstleistungswert der rund 5.400 jährlich bei Wettbewerben
eingereichten Projekte - Rieder geht bei seinen Berechnungen von
180 Verfahren mit je 30 TeilnehmerInnen aus - einen Wert von 64,8
Mill. €. Die Architekten wollten diesen Beitrag in Zukunft
refundiert bekommen, sagte Rieder, derzeit erreiche die Bundes-
und Landesförderung für Architektur nicht einmal annähernd diesen
eingesetzten Betrag.
Eingefordert wurde von Rieder auch mehr Planungskultur. Er wies
darauf hin, dass die 6.000 Ziviltechniker und 3.500 Architekten
lediglich 17 % des Hoch- und Tiefbaus Österreichs "beplanen" und
weder im Wohnbau noch sonst wo tatsächlichen Einfluss hätten. Das
sei so, als ob 83 % aller Herzoperationen von Allgemeinmedizinern
statt von Kardiologen durchgeführt würden, veranschaulichte er.
Rieder fragt sich, wieso könne man "monofunktionalen" Wohnbau und
die in Österreich "herumstehenden" Tourismus- und
landwirtschaftlichen Bauten noch fördern. Das Kultur- und
Tourismusland Österreich vernachlässige massiv den touristischen
Raum, beklagte er, Österreich habe nur noch "unglaubliche, öde
Lärmschutzkorridore durch das ganze Land, skurrile Raststätten,
kitschige Alpenhotels, Seilbahnstationen, Zollstationswüsten,
Einkaufszentren auf der grünen Wiese, unsägliche Techno- und
Gewerbeparks" zu bieten. Förderungen und
Finanzausgleichszahlungen müssten in Hinkunft an Grundsätze der
Qualität gebunden werden, forderte Rieder, diese seien sehr wohl
formulierbar.
DI Martin Höbarth (Präsidentenkonferenz der
Landwirtschaftskammern Österreichs) unterstrich in der
anschließenden Diskussion, wesentlich sei nicht nur, wie und wo
was gebaut werde, sondern auch, welcher Baustoff verwendet wird.
Die Sicherung der Lebensqualität beginne mit der Wahl der
Baustoffe, bekräftigte er. Nach Ansicht Höbarths kommt man,
beschäftigt man sich mit ökologischem und nachhaltigem Bauen, um
den Baustoff Holz nicht herum, nicht zuletzt sei dieser ein
wichtiger Beitrag für den Klimaschutz. Ansetzen könnte die
Politik ihm zufolge bei der Wohnbauförderung oder bei der
Ausschreibung von Wettbewerben.
Dr. Andreas Lehne (Bundesdenkmalamt) erklärte, Substanzerhaltung
und kreatives neues Bauen müssten nicht strikt getrennt sein.
Seiner Meinung nach gibt es aber einen breiten gesellschaftlichen
Konsens darüber, dass wertvolles Altes erhalten bleiben müsse.
Verantwortungsvoller Umgang mit dem Erbe gehöre zur Kultur dazu.
Auch Bundesrat Dr. Georg Spiegelfeld-Schneeburg (V) wies auf die
Notwendigkeit hin, das kulturelle Erbe der Vergangenheit für die
Zukunft zu bewahren. Er trat für eine steuerliche Entlastung
privater Eigentümer von Kulturdenkmalen ein. In der Ausbildung
von Architekten wünsche er sich ein größeres Augenmerk für
Denkmalpflege an sich, sagte Spiegelfeld-Schneeburg.
DI Volker Dienst, Koordinator der Plattform für Architektur und
Baukultur, wandte sich dagegen, moderne Architektur gegen
Denkmalschutz auszuspielen. Auch mit qualitativ hochwertiger
moderner Architektur könne man durchaus Reiselust fördern, wie
das Beispiel Bilbao zeige, meinte er in Richtung der
Denkmalschutz-Verfechter. Zudem betonte er, Städte sollten nicht
nur touristische Objekte, sondern für die Menschen da sein.
Dienst zufolge könnte das Parlament selbst Bauherrnverantwortung
wahrnehmen und für eine Neugestaltung des Plenarsaals sorgen.
Weitere Vorschläge betrafen eine Qualifizierung der
Wohnbauförderung, die Bereitstellung von Mitteln für
Architekturforschung, die Erstellung eines Schwarz-Weiß-Buchs und
das Aufzeigen von Best-Practise-Modellen.
Andreas Vass, ein Vertreter der IG-Architektur, wies darauf hin,
dass derzeit zwei Gesetze im Parlament liegen bzw. demnächst dem
Parlament vorgelegt werden, die für den Faktor Kreativwirtschaft
von großer Bedeutung sind. Zum einen geht es um die
Sozialversicherungsbeiträge österreichischer Architekten und
Zivilingenieure, die seiner Ansicht nach in Österreich
unverhältnismäßig hoch und für junge Architekten bzw. für
Architekten, die Auftragseinbrüche erleiden, nicht leistbar
seien. Zum zweiten sehe ein neues Ziviltechnikergesetz, das die
Bedingungen für den Berufszugang regelt, noch restriktivere
Bestimmungen als bisher vor.
Bundesrat Wolfgang Schimböck (S) bedauerte, dass oftmals weder
die Verantwortlichen in Gemeindestuben noch in
Wohnbaugesellschaften wüssten, dass es eine Wohnsoziologie gebe.
Seiner Auffassung nach müssen die Planungen ein größeres Maß an
Funktionalität berücksichtigen. Menschen möchten in ihrer
gewohnten Umgebung älter werden, umriss Schimböck eines der
Probleme. Darüber hinaus forderte er eine Demokratisierung der
Architektur ein, z.B. durch Mitspracherechte der Betroffenen bei
Kinderspielplätzen.
Univ.-Prof. DI Dr. Christian Kühn, Vorstand der
Architekturstiftung Österreich, äußerte die Befürchtung, dass der
in Amerika herrschende Trend des "Marktpopulismus", wo man bei
Bauten aus zehn Standardmodellen wählen müsse, auch nach Europa
kommen werde. Gleichzeitig drohe alles, was älter als 80 Jahre
ist, "einbalsamiert" zu werden, konstatierte er. Kühn wünscht
sich, dass Österreich "gegen den Strom rudert", und zeigte sich
überzeugt, dass sich das bezahlt mache.
Univ.-Prof. DI Dr. Volker Giencke (Institut für Hochbau und
Entwerfen der Leopold-Franzens Universität Innsbruck) nahm zu
einzelnen Wortmeldungen Stellung und meinte, das Statement von
Staatssekretär Morak habe ihn "nicht ganz hoffnungslos gestimmt".
Kritik übte er hingegen an Wirtschaftsminister Bartenstein, der
ihm zufolge "kulturelle Bewusstlosigkeit auf den Tisch gelegt
hat". Stärker berücksichtigt wissen will Giencke den Qualitäts-
Aspekt in der Architekturdebatte.
Mag. Maria Ranacher (Gesellschaft für Denkmal- und
Ortsbildpflege) warnte davor, alte Architektur durch neue zu
ersetzen, und meinte, neue Architektur solle dort entstehen, wo
sie hingehöre. Ihrer Auffassung nach kann man alte Architektur
nicht nur durch Abriss oder Entkernung "umbringen", sondern auch,
indem man sie mit moderner Architektur "umbaut".
Dr. Hannes Pflaum, Präsident des Architekturzentrums Wien, wies
auf immer wieder auftretende Schwierigkeiten bei
Vertragsverhandlungen zwischen dem Bauherrn und dem Sieger eines
Architekturwettbewerbs hin. Vertragsverhandlungen im eigentlichen
Sinn könnten gar nicht mehr geführt werden, skizzierte er,
vielmehr würden den Architekten oftmals "Knebelungsverträge"
vorgelegt, die kaum kalkulierbare Risken enthielten und zum Teil
extreme Preisnachlässe durch kostenlose Zusatzleistungen
erzwingen würden. Eine der Ursachen des Problems sieht Pflaum
darin, dass Auftraggebern das von der Jury ausgewählte Projekt
nicht gefalle und sie fälschlicher Weise glaubten, durch eine
entsprechende Vertragserstellung "das Ärgste" verhindern zu
müssen.
Pflaum hat, wie er ausführte, keine generelle Lösung für das
Problem, er regte aber an, Ausschreibungen ausgewogene
Vertragsmuster zugrunde zu legen und eventuell eine
Schlichtungsstelle einzurichten. Zumindest die öffentliche Hand
könnte ihm zufolge entsprechende Musterverträge verwenden und in
diesem Sinn auch auf ausgegliederte Unternehmen einwirken. Dann
könnten solche Verträge, wie sie derzeit beispielsweise die ÖBB
für Architekten verwendeten, nicht mehr vorkommen, erklärte er.
DI Jakob Dunkl, Vertreter der IG Architektur, machte geltend,
dass die finanzielle Komponente außerordentlich wichtig sei.
Seiner Meinung nach macht es sich Wirtschaftsminister Bartenstein
zu einfach, wenn er sage, er sehe sich außerstande, Qualität zu
definieren oder der Gesellschaft Qualitätsrichtlinien mit auf den
Weg zu geben. Dunkl betonte, es gehe um die Qualität von
Prozessen, solche Wettbewerbe wie in Klagenfurt dürften nicht
mehr passieren.
Abgeordnete Mag. Christine Muttonen (S) bedankte sich vom Vorsitz
aus bei den ReferentInnen und TeilnehmerInnen der Diskussion und
hielt fest, mit der heutigen Veranstaltung sei ein Prozess in
Gang gesetzt worden, der im Parlament in den Ausschüssen
weitergeführt werde. (Schluss)
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OTS0251 2004-03-30/19:08
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