- 29.03.2004, 13:08:16
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Kreisky-Preis an Historikerkommission - Gusenbauer: "Kein Schlussstrich"
Kreisky-Preise für das politische Buch für Bericht der Historikerkommission und für "Kein Zeuge darf überleben - Der Genozid in Ruanda" von Alison Des Forges
Wien (SK) "Es wurden zwei Berichte ausgezeichnet, die gerade
durch ihre Sachlichkeit, um nicht zu sagen Trockenheit, eine
politische Schwergewichtung haben und auf Genozid, Massentötung und
deren Auswirkungen eingehen", so charakterisierte der Vorsitzende der
Jury, SPÖ-EU-Delegationsleiter Hannes Swoboda, am Montag bei einer
Pressekonferenz im Presseclub Concordia die beiden mit dem Bruno
Kreisky-Preis für das politische Buch 2003 ausgezeichneten Werke.
Neben Swoboda, dem Vorsitzenden der Jury, nahmen SPÖ-Vorsitzender
Alfred Gusenbauer sowie Alison Des Forges, die Autorin des Buches
"Kein Zeuge darf überleben - Der Genozid in Ruanda" und Clemens
Jabloner als Vertreter der Historikerkommission der Republik
Österreich, die für den Schlussbericht "Vermögensentzug während der
NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in
Österreich" ausgezeichnet wurde, an der Pressekonferenz teil. ****
Swoboda würdigte den Bericht der Historikerkommission dafür,
dass er sehr komprimierte und klare Schlüsse aus der nicht
ausreichend bearbeiteten Auseinandersetzung Österreichs mit dem
NS-Regime ziehe. Des Forges Werk über den Genozid in Ruanda zeige
auf, dass die Konsequenz lauten müsse, dass den Vereinten Nationen
der Mut und die Kraft gegeben werden müsse, solche Situationen zu
verhindern. "Viele haben aus Eigeninteressen nicht interveniert,
obwohl man das Kommende sehen hätte müssen", so Swoboda.
Gusenbauer erklärte zum Zweck des Bruno Kreisky-Preises:
"Herausragendes soll gewürdigt werden, das den Nerv der Zeit trifft
und sich nicht mit dem Einfachen begnügt." Beide Arbeiten würden sich
durch ein sehr aufwendiges Verfahren und die sehr sachliche Form der
Darstellung auszeichnen. Man müsse sehr vorsichtig mit dem Vergleich
zwischen den Gräuelregimes der NS-Diktatur und anderen Gräueltaten
umgehen, dennoch gebe es erstaunliche Parallelen zu dem Genozid in
Ruanda, wie Gusenbauer festhielt. "Des Forges Buch weist nach, dass
der Massenmord in Ruanda von einem autoritären Regime geplant worden
ist. Nicht sogenannte Wilde, sondern ein modernes Regime, dass die
Möglichkeiten des Militärs, der Bürokratie und der Massenmedien
genutzt hat, hat diesen Massenmord durchgeführt."
Weiterhin werde, nach dem Motto "Afrika ist ohnehin weit
weg", wenig über die momentane Situation in Ruanda diskutiert,
kritisierte Gusenbauer, der darauf hinwies, dass Ruanda
augenblicklich viele Herausforderungen auf einmal bewältigen müsse.
"Das ist eine praktisch unlösbare Aufgabe. Das Buch macht uns aber
auch die Verantwortung der reichen Länder bewusst, ohne billige
Schuldzuweisungen zu benutzen", hielt Gusenbauer fest.
Auch der Schlussbericht der Historikerkommission verweigere
simple Antworten. Es handle sich um einen wichtigen Schritt bei der
Aufarbeitung und es zeige sich, dass Österreich immer noch eine
Bringschuld habe, so der SPÖ-Vorsitzende. "Es kann kein Endpunkt oder
Schlussstrich sein." Gusenbauer wies darauf hin, wie wichtig ihm als
Vorsitzendem der Sozialdemokratie die Auseinandersetzung seiner
Partei mit dem Nationalsozialismus und dessen Folgen sei. Der vom
Institut für Zeitgeschichte für die SPÖ ausgearbeitete Bericht über
Vermögensfragen liege seit letztem Jahr vor. Eine Untersuchung über
personelle Kontinuitäten und Diskontinuitäten werde im Herbst
fertiggestellt, so Gusenbauer. "Ich bin auf die Ergebnisse sehr
gespannt, aber auch, wann andere Parteien und Institutionen unserem
Beispiel folgen werden", hielt Gusenbauer fest.
Des Forges dankte der Jury für die Anerkennung ihres Buches und
stellte fest, dass es sich auch um einen sehr geeigneten Zeitpunkt
handle, da am 6. April der zehnjährige Jahrestag des Beginns der
Gräueltaten bevorstehe. In der Distanz könne man feststellen, dass es
nach dem Holocaust zwar viele Massenmorde gegeben habe, allerdings
seien diese nirgends so wie in Ruanda von staatlichen Behörden
geplant und durchgeführt worden. Die Folgen für Ruanda seien enorm,
aber auch die gesamte Region habe die Konsequenzen zu spüren
bekommen, wie Des Forges, mit Bezugnahme auf den Krieg in der
Demokratischen Republik Kongo, ausführte. Auch für die internationale
Ebene habe es Konsequenzen gegeben, wie das internationale Tribunal
für Kriegsverbrecher in Ruanda zeige. "Wir haben das Versprechen 'Nie
wieder' gehört und die UN weist darauf hin, dass man an besseren
Methoden arbeitet, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Die Frage
bleibt aber, ob es wirklich kein nächstes Mal geben wird. Ob wir
genug daraus gelernt haben", so Des Forges abschließend.
Jabloner führte aus, dass das Unternehmen der
Historikerkommission von sehr vielen jungen WissenschafterInnen
getragen werde. Man werde den Preis im Sinne des Auftrages verwenden
und damit einen Registerband für die 14.000 Seiten des Berichtes
erarbeiten, kündigte Jabloner an. Darüber hinaus müsste nun versucht
werden, den Bericht, dessen Zielgruppe Mitglieder der Scientific
Community seien, auch anderen Schichten der Bevölkerung zugänglich zu
machen. Jabloner zeigte sich erfreut, dass dies bereits für
Mittelschulen geschehe.
Weiters wies Jabloner darauf hin, dass die Historikerkommission kein
Unternehmen gewesen sei, um im buchhalterischen Sinn eine Auflistung
der entzogenen Werte durchzuführen und auch kein Gericht um Recht zu
sprechen. Es sei aber schade, dass es in der Frage der Restitutionen
noch keinen Rechtsfrieden gebe und noch kein positives Ende
eingetreten sei. Abschließend mahnte Jabloner Besonnenheit auf beiden
Seiten ein, damit es im Sinne der Betroffenen so rasch als möglich zu
einer Einigung komme. (Schluss) js
OTS0154 2004-03-29/13:08
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