- 24.03.2004, 18:37:35
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Die Zähmung eines Riesen" von Helmut Spudich
500 Millionen sind für Microsoft ein Klacks, aber die Domestizierung schreitet fort, Ausgabe vom 25.03.2004
Wien (OTS) - Der Softwarekonzern Microsoft und sein mächtiger
Gründer Bill Gates haben immer polarisiert. Für Konkurrenten und
viele Tausende Anhänger anderer digitaler Weltreligionen wie Linux
und Apple ist die "Church of Microsoft"Hort des Bösen schlechthin,
der stets neue Taktiken zur Beherrschung des virtuellen Universums
ausklügelt - während für Hunderttausende andere Bill Gates ein
Messias ist und Windows seine Bibel.
Man braucht nicht an Verschwörungstheorien zu glauben, um zu
erkennen, dass sich Microsoft ein sehr erträgliches Monopol aufgebaut
hat. Dazu reicht ein Blick auf die Marktanteile bei PCs, bei denen
Apple und Linux mit freiem Auge kaum noch auszunehmen sind. Dass
dieses Monopol Gold ist, zeigt schon ein flüchtiger Blick in die
Bilanzen: Mit satten Gewinnen und rund 50 Milliarden Dollar auf der
Bank gehört Microsoft zu den reichsten Konzernen der Geschichte. Und
Gates hat wiederholt ungeniert seine künftigen Machtansprüche
verkündet: Windows in jedem Gerät, das einen Chip und daher ein
Betriebssystem braucht - das nennt man gemeinhin das Streben nach
einem weltumfassenden Monopol. Diese Position erreicht man sicher
nicht nur durch brillante Technologie und mit Glacéhandschuhen.
Diese Macht hat auch etwas Verführerisches: Sie verspricht
Konsumenten, dass sie, wenn sie einmal gelernt haben, mit einem
Windows- PC umzugehen, auch alle anderen neuen Technologien, mit
denen wir uns plagen, leicht begreifen können. Das Windows-Monopol am
Desktop hat viel zur raschen Integration der Computertechnik in
unseren Alltag beigetragen, trotz schlafloser Nächte nach blauen
"Death Screens" (dem blauen Bildschirm nach einem PC-Absturz).
Aber die schier grenzenlose Macht des Riesen neigt sich dem Ende zu,
seine Domestizierung schreitet fort. Dazu haben die beiden
Kartellverfahren in den USA und der EU viel beigetragen, auch wenn
die Ergebnisse für Microsoft leicht verschmerzbar sind. Die Verfahren
haben Druck auf das Wohlverhalten von Microsoft als "guter Bürger"
gemacht, und die bevorstehenden Jahre der Berufung halten den Druck
aufrecht.
Noch nachhaltiger wirkt ein anderer Effekt der Kartellprozesse: Die
Konkurrenten sind aufgewacht - und haben erkannt, dass die Macht von
Microsoft auch ein Resultat ihrer Schwäche ist. Die Folge: In fast
allen Bereichen, in die Microsoft sein Monopol ausdehnen will, hat
Microsoft bisher Niederlagen erlitten, auch wenn wachsende Gewinne
dies zudecken.
Bei Servern, einem der Anklagepunkte im EU-Verfahren, wächst die
vereinte Anstrengung der Konkurrenz, mithilfe von Linux Microsoft
zumindest in seinem Wachstum zu begrenzen. Bei Onlinemusik, einem
weiteren Streitfall vor der EU-Kommission, entstehen ganz neue
Allianzen wie die zwischen Hewlett- Packard und Apple oder IBM und
RealMusic, die ein gemeinsames inoffizielles Ziel haben: Microsoft
keine Chance auf eine dominante Position zu geben.
In der von Nokia und dem von ihm gesetzten Standard dominierten
Handyindustrie spielt Microsoft weiter eine Außenseiterrolle. Bei
Spielekonsolen hat es mit Sony einen mindestens ebenso entschlossenen
Widersacher. Bei Internetdiensten und Suchmaschinen ist Microsoft nur
einer von vielen Anbietern.
Paradoxerweise spielt der Monopolist, der im PC-Bereich behäbig
geworden ist (so etwa kommt bei Internetbrowsern seit Jahren
Innovation nur von den Außenseitern und nicht von Microsoft), hier
eine konkurrenzbelebende Rolle: Getrieben von der Angst vor Microsoft
strengen sich alle Player mächtig an - denn wer strauchelt, dem droht
die Verdrängung durch Microsoft.
Mit dem Fortschreiten der Technik werden die Karten neu gemischt.
Microsoft wird zweifelsohne ein zentrales Unternehmen der
IT-Industrie bleiben. Aber der Zenit seiner Macht - wie seines
Aktienkurses - ist längst überschritten. Die Kartellverfahren haben
dazu einen ganz wichtigen Beitrag geleistet.
OTS0313 2004-03-24/18:37
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