DER STANDARD-Kommentar "Zum Spargel gibt es Chianti" von Michael Völker

Gusenbauer ist in eine Situation geraten, in der er nur verlieren kann - Ausgabe vom 19.3.2004

Wien (OTS) - Zum Spargel wird in Kärnten jetzt Chianti gereicht, und das schmeckt nicht. Niemand weiß das besser als der große Sommelier Alfred Gusenbauer, der ja ein ausgewiesener Gourmet und Weinkenner ersten Ranges ist.

Die ÖVP hat beide Wahlen verloren, wurde in Kärnten praktisch aufgerieben, musste in Salzburg den Landeshauptmann abgeben, aber ausgerechnet SPÖ-Chef Gusenbauer hat jetzt den Scherbn auf. Während Bundeskanzler Wolfgang Schüssel aus den beiden Wahlschlappen, die er wenigstens zum Teil mitzuverantworten hat, nahezu unbeschädigt herausgeht, droht die SPÖ an Jörg Haider zu zerbrechen. Und nicht nur in Kärnten.

Dabei ist nur eingetreten, was Gusenbauer selbst vorbereitet hat. Die Flanke zu Jörg Haider und der FPÖ hat er bei einem fröhlichen Spargelessen aufgemacht, und wer Erster ist, soll den Landeshauptmann stellen. Das hat Gusenbauer immer wieder betont. Vielleicht auch nur deshalb, weil er davon ausging, dass es Peter Ambrozy schaffen würde. Tatsächlich ist aber Haider der Wahlsieger. Die Kärntner haben ihn mit einer Mehrheit von 43,5 Prozent ausgestattet, und alles andere als ein Landeshauptmann Jörg Haider wäre demokratiepolitisch höchst bedenklich, wenn auch möglich.

Dennoch brennt in der SPÖ der Hut. Und Gusenbauer hat neuerlich eine Debatte über seine Führungsschwäche am Hals. Zu Recht übrigens. Gusenbauer hat die Öffnung zu Haider eingeleitet, nun soll er sich auch deklarieren und dazu stehen. Als Parteichef kann er nicht so tun, als ob er mit den Ereignissen in Kärnten nichts zu tun habe. Selbstverständlich ist es für ihn politisch äußerst unangenehm, sich zu deklarieren - und zwar so oder so. Aber nichts zu tun, nichts zu sagen und den Dingen ihren Lauf zu lassen ist eine ausgeprägte Führungsschwäche, die sich Gusenbauer als Kanzleranwärter nicht leisten kann.

Der SPÖ-Chef agiert derzeit alles andere als souverän. Er droht in den Wellen, die von Klagenfurt nach Wien schlagen, unterzugehen. Die Kärntner Genossen halten ihren Chef in Wien grad mal auf dem Laufenden, wenn überhaupt. Mitzureden hat er nichts, und das scheint ihm noch ganz recht zu sein, da es ihm die Unannehmlichkeit erspart, sich auf eine Position festlegen zu müssen. So laviert sich Gusenbauer durch diese auch für ihn höchst unerfreuliche Situation und sieht untätig zu, wie sich die Landesgruppe in Kärnten am Spaltpilz Haider und an seiner eigenen Vorgabe, der Stärkste soll Landeshauptmann werden, aufreibt.

Der Kärntner SP-Chef Ambrozy hat wohl geglaubt, durch seinen schnellen Abschluss mit der FPÖ die Debatte um seinen Verbleib an der Parteispitze beenden zu können, noch ehe sie so richtig aufgeflammt war.

Es war aber ausgerechnet Ambrozy selbst, der seinen Widersacher Haider im Wahlkampf als absolut unmöglich hingestellt hat. Umso verwunderlicher erschien es, in einer einzigen Sitzung nur fünf Tage nach der Wahl und ohne Einbindung der Parteigremien, einen Abschluss der Verhandlungen zu fixieren und diesen Pakt mit den Blauen auch noch ordentlich mit Chianti zu begießen, als ob es da etwas zu feiern gäbe.

Weniger der Pakt selbst, dessen Inhalt die roten Bezirkskaiser in Kärnten nicht einmal kannten, als die Umstände, wie er zustande kam, stieß den Sozialdemokraten in und außerhalb von Kärnten sauer auf. Übrigens auch auf europäischer Ebene: Gusenbauer ist nächste Woche beim Kongress der Parteiführer der europäischen Sozialisten vorgeladen, der Kärntner Pakt wurde auf die Tagesordnung gesetzt. Die Genossen in Europa sind entsetzt.

Die SPÖ hat Jörg Haider derart massiv zum Bösen an sich hochstilisiert, dass es ihren eigenen Anhängern nun schwer fällt, die Umarmung in Kärnten nachzuvollziehen. Gusenbauer ist in eine Situation geraten, in der er nur verlieren kann: Wird der blau-rote Pakt in Kärnten besiegelt, trägt auch er die Verantwortung dafür. Platzt der Deal, hat er ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001