2. Neurologen-Jahrestagung in Linz: Zahl der Demenzkranken vielfach unterschätzt

Experten: Spezialeinrichtungen vermeiden beim Schlaganfall Todesfälle und Behinderungen

Linz (OTS) - Die zunehmende Bedeutung neurologischer Erkrankungen und die beeindruckenden Fortschritte des Faches sind Thema der 2. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (18. -20. März in Linz). Europäische Spitze ist Österreich heute in der Behandlung von Schlaganfällen, der dritthäufigste Todesursache. Studien zeigen, dass eine konsequente Behandlung in spezialiserten Einheiten ("Stroke-Units") rund 1.000 Patienten pro Jahr das Leben retten kann, und die Behinderungsrate drastisch sinkt. Weniger erfreulich ist, dass Demenz-Erkrankungen weiter verbreitet sind als angenommen. Rund 100.000 Österreicher leiden an dieser krankhaften Form der Vergesslichkeit, jedoch nur etwa zehn Prozent werden rechtzeitig angemessen behandelt. Ziel ist die Früherkennung und angemessene Behandlung mit immer besser wirksamen Kombinationstherapien.

"Grundvoraussetzung für die optimale Versorgung neurologischer Patienten ist eine entsprechende Infrastruktur", sagt Univ.-Prof. Dr. Franz Aichner, Leiter der Neurologischen Abteilung an der Oberösterreichischen Landesnervenklinik Wagner Jauregg. Führende Neurologen informieren bei der 2. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (18. - 20. März in Linz) über Ursachen verbreiteter neurologischer Erkrankungen, aktuelle Trends in der Behandlung und die Versorgungssituation für Patienten. "Das Konzept der so genannten Stroke-Units hat die Akut-Neurologie und insbesondere die akute Schlaganfallversorgung revolutioniert", sagt Prof. Aichner, der auch Präsident der Jahrestagung ist.

20.000 Schlaganfälle in Österreich pro Jahr: Bedarf an spezialisierter Behandlung steigt

Etwa 20.000 Menschen erleiden in Österreich jährlich einen Schlaganfall, insgesamt 60.000 leiden an den Spätfolgen dieser Krankheit, die heute in der Neurologie zu den wichtigsten Herausforderungen zählt. Der "Hirninfarkt" gilt heute als die häufigste Ursache bleibender Behinderungen, nach Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs ist er die dritthäufigste Todesursache.

Prof. Aichner: "Gemessen an internationalen Standards findet sich österreichweit nicht nur eine ausgezeichnete Qualität der Schlaganfallbehandlung, sondern auch eine erfreuliche Dichte spezialisierter Behandlungseinrichtungen." Basis des modernen Schlaganfallsmanagements ist eine Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO, wonach alle Schlaganfall-Patienten Zugang zu einer spezialisierten Schlaganfallstation haben sollen. Österreich zählt inzwischen, was die Umsetzung dieses Konzepts betrifft, zur europäischen Spitze. "Wir verfügen derzeit bereits über 25 Stroke-Units, zehn weitere werden bald in Betrieb gehen", zeigt Prof. Aichner die derzeit laufenden Kapazitätserweiterungen auf. Bis 2005 soll das Ziel von 40 Stroke-Units in Österreich erreicht sein.

Allerdings ist auch ein steigender Bedarf an speziellen Neurorehabilitationsplätzen zu beobachten. "Hier liegt die Versorgung bedauerlicherweise noch im Argen. Zum Teil müssen Patienten drei bis sechs Monate auf einen Rehabilitationsplatz warten", kritisiert Prof. Aichner die Probleme an der Schnittstelle zwischen Akutversorgung und Nachsorge. "In machen Fällen müssen die Akutspitäler diese Aufgabe übernehmen, weil uns einfach spezialisierte Einrichtungen fehlen. Das ist sicher nicht sinnvoll und wird auch immer schwieriger, weil Akutbetten abgebaut werden."

Stroke-Units verringern Todesfälle und Spätfolgen: Bis zu 1000 Patienten könnten überleben

Schlaganfall-Spätfolgen können in vielen Fällen überhaupt verhindert oder zumindest deutlich gelindert werden, wenn die Patienten in spezialisierten Einrichtungen behandelt werden. "Schlaganfallstationen senken die Sterblichkeitsrate deutlich und führen zu einem deutlich niedrigeren Behinderungsgrad", sagt Prof. Aichner. Die Leistungen dieser Einrichtungen sind mittlerweile wissenschaftlich gut dokumentiert. "Vergleicht man die Behandlung von 100 Menschen auf einer Schlaganfallstation und einer Normalstation, so treten auf einer Schlaganfallstation vier bis fünf Todesfälle weniger auf", zitiert Prof. Aichner aktuelle Untersuchungsergebnisse. Auf Österreich umgelegt bedeutet das: Bei bis zu 1.000 Patienten ist durch eine Behandlung in einer Stroke-Unit der Tod durch einen Schlaganfall vermeidbar.

"Die Studien haben außerdem gezeigt, dass die frühzeitige Einweisung in eine Stroke-Unit auch eine niedrigere Behinderungsrate und eine frühere Heimkehr in die gewohnte Umgebung bewirkt", betont Prof. Aichner. Auch eine hohe Zufriedenheit der Patienten und ihrer Angehörigen mit den Stroke-Units konnte klar nachgewiesen werden.

Neues in der Behandlung

Nicht nur die beeidruckenden Erfolge, die in Schlaganfall-Stationen erreicht werden können, werden bei der Neurologen-Tagung in Linz auf dem Programm stehen, sondern auch neue Behandlungsansätze. "Seit Kurzem ist die so genannte Thrombolyse in Österreich als Schlaganfall-Behandlung zugelassen, wir können hier gute Erfolge beobachten," sagt Prof. Aichner. Eine ursprünglich aus der Herzinfarkt-Therapie stammende Substanz kann Blutgerinnsel auflösen, die Blutgefäße im Gehirn "Verstopfen". Allerdings muss die Behandlung innerhalb der ersten drei Stunden erfolgen, eine Zeitspanne, die bei vielen Betroffenen noch nicht erreicht wird.

Prof. Ransmayr: Demenz - trotz drastischer Zunahme unterschätzt und unterbehandelt

Weniger erfreulich als beim Schlaganfall sieht die Versorgungssituation bei Demenzen aus, die auf der Linzer Neurologen-Tagung ebenfalls im Mittelpunkt der Diskussionen steht. "Tatsächlich erhält nur ein kleinerer Teil der Patienten rechtzeitig die angemessene Therapie. Dies liegt auch an einer unzureichenden Wahrnehmung des Problems und an rel. geringen Diagnoseraten. Dieser folgende Satz kann nicht bestätigt werden, da bis jetzt die %Zahlen nicht bei mir eingetroffen sind. 90000 Pat ist korrekt.Von den rund 90.000 Betroffenen in Österreich sind nur acht bis zehn Prozent in Behandlung bei einem Neurologen, der eine wirksame Therapie einleiten kann", sagt Univ.-Prof. Dr. Gerhard Ransmayr, Leiter der Neurologischen Abteilung am AKH in Linz. "Häufig wird die Diagnose zu spät gestellt, wodurch der Therapieerfolg vermindert wird."

Denn obwohl die Altersdemenz nicht heilbar ist, gibt es heute gute therapeutische Möglichkeiten, die Symptomentwicklung hinauszuzögern und den Patienten länger ein möglichst selbstständiges Leben zu sichern. "Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht ist die zunehmende Vergesslichkeit im Alter keine herkömmliche Alterserscheinung, mit der man sich abfinden müsste", stellt Prof. Ransmayr klar. Erst kürzlich sei der Nachweis gelungen, dass gerade bei schweren Formen der Demenz eine Kombinationstherapie - des Cholin-Estrasehemmers Donepezil mit dem Wirkstoff Memantine - eine bessere Wirkung bringt als die herkömmliche Behandlung mit nur einer Substanz. Zusätzlich, so Prof. Ransmayr, müssen in allen Erkrankungsphasen eventuelle begleitende psychiatrische Störungen wie zum Beispiel Depressionen, oder Wahrnehmungsstörungen wie Halluzinationen angemessen behandelt werden. Wichtig ist auch die umfassende psychosoziale Betreuung von Patienten und Angehörigen.

Bessere Aufklärung und frühere Diagnose

Anzustreben, so Prof. Ransmayr, sei die Diagnose der Demenz bereits in einem möglichst frühen Stadium: "Hinweise geben Funktionsstörungen, wie sich systematisch nicht an Namen oder Telefonnummern zu erinnern, Gegenstände verlegen, sich den Inhalt von Zeitungsartikel nicht zu merken, oder bei einer Tätigkeit zu vergessen, was man eigentlich tun wollte." Mittels verschiedener bildgebender Verfahren können dann die Ursachen einer Demenz entdeckt, und anschließend entsprechend behandelt werden.

Das Auftreten von Demenz-Erkrankungen nimmt schon aufgrund der ständig steigenden Lebenserwartung dramatisch zu. Nach Expertenschätzungen könnte sich die Zahl der davon Betroffenen in den nächsten 15 Jahren verdoppeln. Die häufigste Ursache von Demenz ist die Alzheimer-Krankheit, häufig in Kombination mit Gehirnerkrankungen wie Durchblutungsstörungen ("gemischte Demenz").

Heute, so Prof. Ransmayr, müsse aufgrund des zunehmenden Wissens bei der Diagnose auch die Möglichkeit seltenerer Demenzformen in Betracht gezogen werden: Demenzen des Pick-Komplex fallen durch emotionale und Verhaltens-Störungen der Patienten auf, etwa Antriebsschwäche, Feindseligkeit oder Veränderung des Essverhaltens. Und die "Demenz mit Lewy-Körperchen" sei in 80 Prozent der Fälle mit Parkinson-Symptomen und Halluzinationen vergesellschaftet.

Prof. Poewe: Wachsender Bedarf an Neurologie in Österreich

Die Bedeutung der Neurologie im Rahmen der Patienten-Versorgung hat im Lauf der letzten Jahre enorm zugenommen, fasst Univ.-Prof. Dr. Werner Poewe, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck und derzeitiger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), die aktuelle Entwicklung zusammen. Die Neurologie umfasst als medizinisches Fach das gesamte Spektrum der Diagnostik, wie der akuten, palliativen und rehabilitativen Therapie von Erkrankungen des Nervensystems - also des Gehirns, des Rückenmarks und der peripherer Nerven, aber auch der Muskulatur.

"Neurologische Erkrankungen sind auf Grund ihrer Häufigkeit von großer gesundheitspolitischer Relevanz", betont Prof. Poewe. "Das zeigt sich zum Beispiel an der Häufigkeit von neurodegenerativen Erkrankungen - rund drei Prozent der über 70-jährigen Österreicher leiden an einer Parkinson-Krankheit - oder der Häufigkeit der Epilepsien. Fünf Prozent der Bevölkerung erleiden während ihres Lebens einmal einen epileptischen Anfall. Von Migräne sind 10 Prozent aller jüngeren Erwachsenen betroffen". Rund zehn Prozent der über 65-Jährigen sind vom so genannte "Restless Legs Syndrom" betroffen -einer Erkrankung, die zu den häufigsten Ursuchen chronischer Schlafstörungen zählt.

Prof. Poewe: "Wir verzeichnen aber auch eine enorme Weiterentwicklung des Fachs, insbesondere was die technischen Diagnosemöglichkeiten betrifft." Die interdisziplinären Herausforderungen auf dem Gebiet der Neurologie lassen auch in den nächsten Jahren eine rasante Entwicklung vermuten.

Die ÖGN hat sich 2000 aus der bis dahin gemeinsamen Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie als eigenständige wissenschaftliche Fachgesellschaft etabliert. Damit wurde nicht nur den neuen Ausbildungsgegebenheiten in Österreich Rechnung getragen, die getrennte Fachärzte für Neurologie und für Psychiatrie vorsehen, sondern insbesondere der immer noch im Wachsen befindenden Bedeutung des Fachgebiets der Neurologie Rechnung getragen.

"Darüber hinaus bestehen enge Kontakte zur Bundessektion der Fachärzte für Neurologie innerhalb der Österreichischen Ärztekammer im Bereich der Erarbeitung von Qualitätssicherungsprojekten und der Weiterentwicklung von Österreichweit gültigen diagnostischen und therapeutischen Standards in der neurologischen Versorgung", beschreibt Prof. Poewe wichtige Aufgaben der noch jungen Fachgesellschaft. "Die ÖGN arbeitet unter anderem auch eng mit dem Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitsforschung in Zusammenhang der Leistungsangebotsplanung für neurologische Patienten in Österreich zusammen."

Neben den jährlich veranstalteten wissenschaftlichen Kongressen, die einen breiten Überblick über aktuelle wissenschaftliche neurologische Forschung in Österreich geben und gleichzeitig die Aufgabe einer Fortbildungsakademie für angestellte und niedergelassene Ärzte übernehmen, veranstaltet die ÖGN regelmäßig fachspezifische Weiterbildungen in allen wichtigen Bereichen des Faches.

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