Villa Tugendhat vor der Vernichtung?

Offener Brief an den Oberbürgermeister von Brünn

Wien (OTS) - Durch den kürzlich entschiedenen Wettbewerb zur Sanierung der Villa Tugendhat des Architekten Ludwig Mies van der Rohe und der daraus hervorgegangenen erstgereihten Firma lassen alle Informationen darauf schließen, dass der Bestand eines der wichtigsten Gebäude der Moderne akut gefährdet ist.

Das Architekturzentrum Wien hat gemeinsam mit dem Architekturhistoriker Stephan Templ einen offenen Brief an den Oberbürgermeister von Brünn verfasst und startet damit den Aufruf zur Unterstützung an internationale ArchitektInnen, ArchitekturhistorikerInnen, Kulturschaffende und Institutionen.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Duchon,
die Villa Tugendhat des Architekten Ludwig Mies van der Rohe zählt zu den exemplarischen Gebäuden der Moderne, die über ihre architekturhistorische Bedeutung hinaus ein einzigartiges Kulturgut darstellen. Mit der Aufnahme des Gebäudes in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes wurde diesem Umstand entsprechend Rechnung getragen. Dieser Entscheid ist mit der Hoffnung verbunden, dass die Stadt Brünn als derzeitiger Eigentümer mit der nötigen Sorgfalt und Verantwortung - entsprechend den Schutzbestimmungen der Unesco-Charta die einzigartige originale Existenz dieses bedeutenden Baudenkmals sichert.

Mit Bestürzung verfolgen wir nun den für die Sanierung des Gebäudes ausgeschriebenen Wettbewerb, der vorwiegend wirtschaftliche Interessen verfolgt und den Erhalt dieser unschätzbaren Architektur gefährdet. Unseren gesicherten Informationen nach verfügt die derzeit erstgereihte Firma "Omnia" über keinerlei Referenzen in dem gefragten Aufgabenbereich, vielmehr beschränkt sich ihr Tätigkeitsfeld auf den Handel mit Immobilien und Softwareprodukten, Kopierdiensten, Projektarbeiten für Ausbauten und die technische Beratung in Fragen des Bauwesens und der Architektur.
Darüber hinaus werden von der Firma keine registrierten Architekten beschäftigt, die dieser Bauaufgabe mit der dafür notwendigen Qualität gewachsen sein könnten. Im Rahmen des Wettbewerbs wurden weiterhin Referenzen angeführt, etwa die Mitarbeit des namhaften Restaurators Ivo Hammer und eine Konsulententätigkeit von Daniela Tugendhat, die sich als Vorspielung falscher Tatsachen herausgestellt haben und Einblick in die Geschäftsgebarung dieser Firma geben.

Dieser Sachverhalt lässt befürchten, dass die Villa Tugendhat der Zerstörung preisgegeben wird und nicht nur die Stadt Brünn sondern die Weltgeschichte der Architektur ein bedeutendes Baudenkmal unwiederbringlich verliert. Mit diesem Schreiben möchten wir an Sie appellieren, alle notwendigen Schritte für den Erhalt der Villa Tugendhat zu setzen, die Auftragsvergabe in Kenntnis aller Fakten zu überdenken und die notwendige Renovierung in die Hände von erfahrenen Architekten und Experten für den Denkmalschutz der Moderne zu geben. Es wäre überaus wichtig, wenn auch Sie zum Schutzpatron dieses bedeutenden Bauwerks werden. Bitte lassen Sie diese einmalige Chance für die Stadt Brünn und die Weltgeschichte der Architektur nicht verstreichen !

Mit freundlichen Grüssen Dietmar Steiner, Architekturzentrum Wien und Stephan Templ, Architekturhistoriker

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Ulrike Kahr-Haele
Architekturzentrum Wien
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