"Neues Volksblatt" Kommentar: "Gewissen Österreichs" (Von Franz Rohrhofer)

Ausgabe vom 15. März 2004

Linz (OTS) - =

Österreich braucht ein Gewissen. Dieses Wort wurde
gerade in den letzten Wochen strapaziert und zum Schlagwort der Wahlwerbung. Der große Österreicher, der am Samstag gestorben ist, musste den Ehrentitel, Gewissen Österreichs zu sein, nicht vor sich hertragen wie eine Fahne. Kardinal Franz König war eine moralische Instanz für das Land in einem Maß, wie sie in den letzten Jahrzehnten vielleicht nur noch der gläubige Katholik Rudolf Kirchschläger erreicht hatte. Franz König hat seine Überzeugung, die auf einem festen Glauben ruhte, ohne Schielen auf öffentlichen Beifall oder Stimmenfang vertreten, er war kein Angepasster, der sich nach dem Wind drehte. Er war deshalb auch nicht einzuordnen in die üblichen Schablonen von progressiv oder traditionalistisch, von konservativ oder liberal. Er vermied extreme Positionen und kannte deshalb auch keine Feindbilder. Aber er war einer der wusste, dass alles Menschenwerk unvollkommen sein muss in der Kirche wie in der Gesellschaft und in der Politik. Aus diesem Verständnis heraus ging er auf anders Denkende zu und war ein Meister des Dialogs. Das brachte ihm Kritik ein, wenn er die Versöhnung mit der Sozialdemokratie, das Gespräch mit den Freimaurern oder den Austausch von Wahrheiten mit anderen Konfessionen und Religionen suchte. Doch ließ sich der Kardinal und Vertraute des Papstes nicht instrumentalisieren und vereinnahmen um eines billigen kurzfristigen Erfolges willen. Für das öffentliche Leben, sei es in der Kirche, sei es in der Politik, ist Franz König in einem langen Leben zur Orientierungshilfe geworden. Aus einer festen Überzeugung zu handeln, aber den anders Denkenden ernst zu nehmen. Nicht aus kurzsichtigen Gründen zu polarisieren und Feindbilder hochzuhalten, sondern das gemeinsame Ziel über alles zu stellen. Die Stimme des mahnenden Kardinals Franz König ist verstummt. Als Gewissen Österreichs lebt er weiter.

Rückfragen & Kontakt:

Neues Volksblatt
Chefredaktion
Tel. 0732/7606 DW 782
volksblatt@volksblatt.at
http://www.volksblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NVB0001