DER STANDARD - Kommentar "Wolf beißt Karawankenbären" von Samo Kobenter

Die Kärntner SPÖ steht wieder einmal vor einer Erneuerungsdebatte Ausgabe vom 11.03.2004

Wien (OTS) - In der allgemeinen Aufregung über die zoologischen Präferenzen des Wolfsberger Bürgermeisters Gerhard Seifried hinsichtlich vergangener oder vielleicht doch künftiger Spitzenkandidaten der SPÖ bei den Landtagswahlen geht ein wenig unter, dass sich seine Landespartei in der heiklen Phase der Positionierung für die Regierungsverhandlungen befindet. Also sei hier zunächst auf die dadurch besonders hoch entwickelten Empfindlichkeiten verwiesen und dann erst der Versuch einer Trennung der Kritik Seifrieds von seiner übertriebenen Polemik angeboten.

Letztere kann man humorvoll sehen, muss es aber nicht. Die SPÖ auf Landes- und Bundesebene hat sich für die zweite Variante entschieden, und das sei ihr unbenommen. Sei^frieds Anregung, doch lieber gleich den Karawankenbären als besseren Kandidaten anstelle Ambrozys ins Rennen zu schicken, kommt natürlich zu spät. Richtig lustig wird sie auch dann nicht, wenn man Ambrozys Spitznamen "Petzi" mitdenkt, also darf das als geschenkt abgehakt werden.

Niemand aus der SPÖ brachte übrigens den Witz auf, Seifried an das Tier zu erinnern, das sein Stadtwappen ziert: Es ist der Wolf, also ein Vertreter jener Spezies, dem die dafür zuständige Wissenschaft ein besonders hoch entwickeltes und kompliziertes Sozialverhalten nachsagt. Die Kärntner Sozialdemokraten scheinen es bezüglich Seifried unbewusst eher mit den alten Lateinern zu halten, die ja sagten, der Mensch sei dem Menschen ein solcher - Wolf natürlich, nicht Wolfsberger Bürgermeister.

Was abseits solcher ausgesprochenen und unausgesprochenen Sottisen der SPÖ jedoch zu denken geben sollte, ist zweierlei: Seifrieds Kritik mag ungelegen kommen, unberechtigt oder gänzlich aus der Luft gegriffen ist sie nicht. Seit mittlerweile 14 Jahren redet die SPÖ von einer Erneuerung ihrer Strukturen und verweist, darauf angesprochen, auf jüngere Kandidaten, die in den Landtag einziehen. Dass sie in ihrem innersten Kern noch immer von den Leuten dominiert und aus ihm heraus von jenen geprägt wird, die ihren Niedergang von den lichten Höhen der Ära Wagner mitgetragen haben, wird allzu gerne übersehen.

Das wäre strategisch nicht weiter schlimm, wenn damit Wahlen zu gewinnen wären - und zwar nicht im Sinn eines schönen Zugewinns, sondern in der Eroberung des ersten Platzes.

Ambrozy hat auch diesmal wieder die Fortüne gefehlt, und das hat weniger mit seiner Person als mit seinem Nimbus zu tun, ein Vertreter der vergangenen SPÖ zu sein. So schmerzlich das für ihn persönlich ist - Ambrozy hat, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, einen tüchtigen und aufopfernden Wahlkampf geschlagen -, es ist ein Faktum, das zu akzeptieren ist. Und er war, verglichen mit allen anderen parteiinternen Varianten, der mit Abstand geeignetste Kandidat für diesen Wahlgang.

Dass es ihm trotzdem nicht gelungen ist, vor allem jene Wähler anzusprechen, die nicht ihn, den Oppositionschef, sondern den Landeshauptmann Haider als den besseren Oppositionellen gegen die Bundesregierung sahen, ist der eigentliche Witz der Geschichte, der die SPÖ "schmähstad" zurückließ. Und das hat wieder mit den Strukturen der SPÖ zu tun, die er verkörpert und die als unflexibel, undurchlässig, verkrustet empfunden werden.

Seifrieds Forderung, Haider jetzt rasch zum Landeshauptmann zu machen, ist gerade in der jetzigen Situation allerdings nicht nachvollziehbar. Denn abgesehen davon, dass die Spielregel, der Erste solle Landeshauptmann werden, erst gilt, seit Haider Erster ist und sie eingeführt hat, hat sich diesmal klarer als beim letzten Mal eine satte Mehrheit der Kärntner Wähler dagegen ausgesprochen: neben Roten und Grünen auch die verbliebenen Schwarzen, und das sind immerhin 56,7 Prozent der Wähler. Also wäre es durchaus ein Auftrag, sich diese Variante durch den Kopf gehen zu lassen. Vielleicht wüchse ja daraus die Erneuerungskraft für die SPÖ, an der Seifried so viel liegt.

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