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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wähler im Warteraum" (von Erwin Zankel)
Ausgabe vom 07.03.2004
Graz (OTS) - Am heutigen Wahlabend werden wir wieder das Wunder
der Wählerstromanalyse bestaunen können. Wie von Geisterhand werden
Stimmen zwischen Schwarz, Rot, Grün und Blau hin und her geschoben.
Andere werden als Ungültige eingestuft oder fallen als Nichtwähler
überhaupt unter den Tisch. Ein Bild, das mehr verwirrt als erklärt.
Etwas kann man den Diagrammen aber schon entnehmen: Der Frontwechsel
erfolgt meist nicht auf dem geraden Weg, sondern auf verschlungenen
Pfaden.
Ein anschauliches Beispiel lieferten am letzten Sonntag die Wahlen
in Hamburg. In der Hansestadt, die 44 Jahre lang von der SPD regiert
wurde, eroberte die CDU mit Ole von Beust die absolute Mehrheit in
der Bürgerschaft. Der Umsturz erfolgte nicht über Nacht, sondern zog
sich zehn Jahre hin.
Zunächst drängten sich die Grünen in die von den drei taditionellen
Parteien beherrschte Landschaft. Dann tauchten wirre und wüste
Protestgruppen am rechten Rand auf. Die aufgestaute Unzufriedenheit
vor allem unter den ehemaligen SPD-Stammwählern entlud sich
explosionsartig, als Ronald Schill aus dem Stand ein Fünftel aller
Stimmen erhielt. Kaum zum Innensenator gekürt hat der "Richter
Gnadenlos", der für Ordnung und Sicherheit zu sorgen versprach,
seine Wähler verraten und enttäuscht. Sie kehrten aber nicht mehr in
das rote Milieu zurück, sondern liefen zum schwarzen Sieger über.
Der Bürgermeister erwies sich als risikofreudiger, aber
erfolgreicher Stratege: Beust sicherte sich mit Hilfe des Populisten
Schill die Macht, um bei nächster Gelegenheit das verfemte Bündnis
spektakulär platzen zu lassen.
Der Vorgang ist uns in Österreich nicht fremd. Jörg Haider zog wie
ein Staubsauger von rechts und dann auch von links Wähler an. Obwohl
die ÖVP seit 1986 die rechnerische Möglichkeit hatte, mit der FPÖ
eine Koaliton zu bilden, wagte Wolfgang Schüssel erst Anfang 2000
diesen Schritt, nachdem die ÖVP von der FPÖ eingeholt und sogar
knapp überflügelt worden war. Die erste schwarz-blaue Ehe ging bald
in die Brüche.
Bei den Neuwahlen Ende 2002 streifte Schüssel die Mitgift Haiders
ein. Die von ihrem Idol enttäuschten Anhänger kehrten (bis zu den
Wahlen in Oberösterreich) nicht mehr in den Schoß der SPÖ zurück.
Die FPÖ, die seit der Wende des Jahres 2000 um nahezu zwei Drittel
geschrumpft ist, war das Auffanglager für Unzufriedene und der
Warteraum für Wanderer. Der Wechsel zwischen den Polen von Schwarz
und Rot erfolgt in der Regel nicht direkt.
Auch der heutige Wahltag wird den Trend nicht umdrehen. Nur Kärnten
dürfte weiterhin die Ausnahme bleiben. ****
OTS0046 2004-03-06/16:59
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