• 01.03.2004, 16:50:53
  • /
  • OTS0205 OTW0205

WirtschaftsBlatt-Kommentar Ein Industriestandort für Liebhaber

von Herbert Geyer

Wien (OTS) - Der Bericht der Austrian Business Agency (ABA) über
ihre Erfolge in der Betriebsansiedlung im Vorjahr ist durchaus
erfreulich. 1,28 Milliarden Euro Investitionssumme sind ein schöner
Patzen Geld, und 1819 neue Jobs sind auch nicht zu verachten.

Betrachtet man den Bericht allerdings im Detail, müssten die
Alarmglocken schrillen: Ohne die UMTS-Investitionen von Hutchison
schrumpft die Investitionssumme auf unter 400 Millionen, und den 1819
neuen Jobs stehen zumindest ebenso viele gegenüber, die im gleichen
Jahr aus Österreich abgewandert sind.

Gegen diesen Trend werden wohl auch die für 2005 anvisierten
Steuersenkungen wenig helfen: Wenn die Körperschaftsteuer auf 25
Prozent gesenkt wird, dann wird es attraktiv, Gewinne nach Österreich
zu verlagern - nicht aber Jobs.

Moderate Lohnabschlüsse und schöne Produktivitätssteigerungen
haben zwar auch im vergangenen Jahr die Lohnstückkosten gegenüber den
meisten Konkurrenzländern sinken lassen, absolut gesehen sind aber
die österreichischen Lohn(neben)kosten nach wie vor zu hoch. Daran
ändert auch die grosse Steuerreform im nächsten Jahr nichts.

Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, dass sich unter den
doch immerhin 82 Unternehmen, deren Ansiedlung die ABA auf ihre
Fahnen schreibt, nicht mehr als fünf Produktionsbetriebe finden: Als
Industriestandort wird Österreich immer mehr zum Objekt reiner
Liebhaberei. Typisch für diese Entwicklung ist Wien, wo mit schöner
Regelmässigkeit die meisten ABA-Projekte ihren Platz finden: In der
Bundeshauptstadt gibt es längst keinen nennenswerten Industriebetrieb
mehr.

Daran ändert auch die - wirklich erfreuliche - Tatsache nichts,
dass sich die Zahl der Betriebe, die schwerpunktmässig Forschung
betreiben, unter den ABA-Schützlingen von sechs auf zwölf verdoppelt
hat. Da schlagen wohl die Förderungen zu Buche, mit denen die
Regierung die F&E-Quote auf 2,5 Prozent des BIP pushen will.

Mittelfristig ist das allerdings hinausgeschmissenes Geld, wenn es
nicht gleichzeitig gelingt, auch Produktionsbetriebe hier
anzusiedeln. Denn bei einer später wohl unvermeidlichen Rücknahme der
Forschungsförderung werden nur jene Forschungsbetriebe im Land
bleiben, die auch mit einer Produktionsstätte verbunden sind. Ohne
vernünftigen Industriestandort gibt es keine High Tech-Produktion.

OTS0205    2004-03-01/16:50

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel